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THEATER Harakiri im Kleinen Haus

Das Stück des japanischen Nationalisten Yukio Mishima über den so genannten Röhm-Putsch wird zum ersten Mal in Deutschland gespielt - als Klamotte vor einem makabren realen Hintergrund. Von Henryk M. Broder
Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 22/2000

Deutsche lieben Sushi und Karate. Japaner sind verrückt nach Weizenbier und Leberkäse. Die deutsch-japanische Symbiose hat also eine solide Grundlage. Auch in der Kunst gibt es einen regen Austausch. Maria Hellwig ist in Japan sehr populär, und japanische Filme sind Kult in deutschen Programmkinos. Nur auf den deutschen Bühnen sind die Preußen des Fernen Ostens nicht so präsent, wie sie es verdienen würden. Das könnte sich bald ändern. Am 7. Juni wird am Kleinen Haus (280 Sitze) des Theaters der Stadt Brandenburg an der Havel das Stück »Mein Freund Hitler« des japanischen Autors Yukio Mishima als deutsche Erstaufführung vorgestellt. Regie führt Claude-Oliver Rudolph, 43, bekannt aus Film und Fernsehen als der Prototyp des Raufbolds und Schurken. Zuletzt war Rudolph, der nicht nur Philosophie und Psychologie studiert hat, sondern auch mehrmals deutscher Meister in Judo und Karate wurde, in dem James-Bond-Film »Die Welt ist nicht genug« zu sehen, natürlich als der Böse vom Dienst.

Ein ordentlicher Krawall scheint sich anzubahnen, der ebenso sorgfältig inszeniert wird wie die Aufführung selbst. Regisseur Rudolph sagt ungeniert: »Am Theater interessiert mich nur der Skandal«, und die Pressestelle des Theaters, das bis jetzt durch spektakuläre Stücke noch nicht aufgefallen ist, nennt Mishima einen »skandal-umwitterten Schriftsteller«.

Das ist noch eine liebe Untertreibung. Denn Mishima, 1925 in Tokio geboren, Absolvent einer Adelsschule, Jurist und kurzfristig Beamter, hat für die japanische Rechte die gleiche Bedeutung wie Horst Wessel für deutsche Glatzen. Er gilt als Held und Märtyrer. Ende der sechziger Jahre stellte er eine Privatarmee auf, mit der er im November 1970, als Samurai verkleidet, ein Generalshauptquartier bei Tokio stürmte. Als der Operettenputsch misslang, beging er öffentlich Harakiri. Mishima hinterließ eine Reihe von Büchern und Theaterstücken und eine Botschaft: »Werdet nie eurer Aufgabe müde, ein Japan zu errichten, an dessen Spitze einzig und allein der Kaiser steht.«

Der Mann war ein autoritärer Antidemokrat, ein totalitärer Wirrkopf, der Japans erzwungene Demokratisierung nicht nur als Strafe, sondern als Schande empfand. Er war aber auch, sagt Rudolph, »der Genet des Fernen Ostens«, der sogar für den Nobelpreis im Gespräch war. Nicht zufällig hat Henry Miller 1972 einen respektvollen Nachruf auf Mishima veröffentlicht, in dem es unter anderem heißt: »Er war ein Fanatiker! ... Aber es gibt Fanatiker und Fanatiker ... Hitler war einer. St. Paul aber auch.«

Rudolph, der sich zur Anarchie bekennt und auf seine Vorstrafen wegen »Widerstands gegen die Staatsgewalt« stolz ist, möchte das Wesentliche in Mishimas Dichtung freilegen: »Der ganze politische Quatsch interessiert mich nicht, mich interessiert die Unmöglichkeit von Liebe.« Im konkreten Fall. »Die Liebe Ernst Röhms zu diesem Monster Hitler.« Das Stück Mishimas sei »eine Entdeckung, ein Rohdiamant«, der nur richtig bearbeitet werden müsse, »um eine Tragödie von griechischem Format zu werden«.

Historischer Hintergrund der »Tragödie« ist die »Nacht der langen Messer« vom 30. Juni 1934, als Hitler die Führungsspitze der SA und ein paar andere Weggefährten ermorden ließ. Das Stück spielt in der Reichskanzlei und kommt mit vier Protagonisten aus: Hitler, Röhm, Gregor Strasser und Gustav Krupp. Mishima sympathisiert mit Röhm, den er »zu einem Verfechter der permanenten Revolution« stilisiert, »naiver, ehrlicher und reiner, als man ihn sich ... normalerweise vorstellt«, während der Führer nicht so gut wegkommt: »Denn Hitler war zwar ein politisches Genie, aber er war kein Held«, sagt Mishima.

So ähnlich sieht es auch Rudolph. »Wir müssen aufpassen, dass Hitler nicht zum Star der Aufführung wird. Röhm ist der Star, um den es geht.« Und damit »die Nazis nicht angerannt kommen«, hat er auf dem Plakat die Armbinde mit dem Hakenkreuz von Hitlers linkem Oberarm entfernen lassen. Dermaßen »entnazifiziert« hockt der Führer verloren in der bayerischen Berglandschaft und schaut betrübt in eine ungewisse Zukunft.

Rudolph hat vor Jahren in Bochum die Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka ("Fleisch bleibt Fleisch") und in Frankfurt ein Stück über den Kannibalen Jeffrey Dahmer ("Appetite for Destruction") inszeniert. Beide Arbeiten wurden gleich nach der Premiere abgesetzt. Damit ihm nicht dasselbe mit dem Mishima-Stück passiert, geht er mit der japanischen Vorlage sehr freihändig um. Man könnte sagen: Rudolph lässt Mishima zum zweiten Mal Harakiri begehen.

Statt in der Reichskanzlei spielt das Stück in einem Kinderzimmer mit überdimensionierten Möbeln. Der schwule Ernst Röhm wird von der Grazer Walküre Renate Muhri gespielt, Hitler von einem 165 Zentimeter kleinen und 52 Kilo leichten Berliner Schauspieler, Rolf Peter Kahl, der hinter dem Rednerpult verschwindet und nur mit Mühe das Sofa erklettert, auf dem Röhm schon auf ihn wartet. Dann singen beide auf die Melodie der »Internationale« ein NS-Kampflied.

Röhm lutscht am Daumen, Hitler kifft und kratzt sich immerzu im Schritt, Krupp geht am Stock, und Strasser fängt mit der Hand Fliegen, die er sich in den Mund stopft. Nein, diese Nazis machen dem Nationalsozialismus keine Ehre. Die »stolze SA« wird von zwei Liliputanern verkörpert, zwischendurch marschieren die »Brandenburger Spielleute Havel 21« mit Trommeln, Pauken und Flöten durch den Saal und nehmen auf der Empore Platz. Und wo Hitler im Originaltext sagen soll: »Ich hätte Künstler werden sollen... nun bin ich Reichskanzler«, da macht der Darsteller eine Pause und fährt murmelnd fort: »Na ja, auch nicht schlecht«.

»Regie führen«, sagt Claude-Oliver Rudolph, »ist eine echte Kunst, keine Afterkunst, es ist die Pflicht des Regisseurs, Bilder zu erfinden. Wenn ich Werktreue wollte, würde ich Reclam-Hefte verteilen, das wäre einfacher und würde weniger Subventionen kosten. Ich aber bin dazu da, die Subventionen zu verpulvern.«

Viel ist es ohnehin nicht. Die ganze Produktion kostet 150 000 Mark. Dafür bekommt die Stadt Brandenburg in Brandenburg ein Stück, das mit Sicherheit die übliche Diskussion auslösen wird: Darf man aus dem Dritten Reich eine Klamotte machen, während rundherum Neonazis nationalbefreite Zonen ausrufen und Ausländer zusammenschlagen? Wird das NS-Regime nicht verharmlost? Oder - noch schlimmer - glorifiziert?

Was immer Mishimas Absichten waren, wie sehr sich der homoerotisch inspirierte Japaner mit dem schwulen SA-Führer Röhm identifiziert hat - das angestaubte Stück taugt weder als Mittel der Aufklärung noch als Instrument der Verklärung. »Es gibt keinen Hitler außer Hitler«, sagt Rudolph und: »Er wollte unbedingt ins Geschichtsbuch, wenn nicht über Leistung, dann über Zerstörung.«

Das freilich sind keine ganz neuen Einsichten, und so fällt es Rudolph schwer zu begründen, warum das Stück eines japanischen Rechtsaußen, der sich zu den Nazis hingezogen fühlte, in Deutschland gespielt werden soll. Sieben weitere Theater, darunter das Zürcher Schauspielhaus, hätten Interesse an dem Stück angemeldet. Rudolph möchte einfach der erste sein, der es auf die Bühne bringt, und sei es in Brandenburg an der Havel.

Er trinkt einen Mix aus Assam- und Kamillen-Tee, trägt wie alle besseren Boxer und Karate-Kämpfer einen Everlast-Trainingsanzug, hat daheim einen Bullterrier namens »Mike Tyson« und gibt sich Mühe, seinem Ruf als Rabauke zu entsprechen. Auf die Frage, ob es ihm nichts ausmache, in der Provinz zu arbeiten, geht er sofort in Kampfstellung. »Peymann in Berlin ist Provinz, Haußmann in Bochum ist Provinz. Da, wo ich bin, kann niemals Provinz sein.«

Außerdem: Brandenburg in Brandenburg sei der ideale Ort, um ein Stück über die Nazis zu spielen. Die alte königlich-preußische Strafanstalt in der Neuendorfer Straße diente 1933 als eines der ersten Konzentrationslager und wurde später in »Landes-Pflegeanstalt Brandenburg a. H.« umbenannt. Hier wurden im Jahre 1940 über 9000 Menschen vergast, Opfer des Euthanasie-Programms. »Mitten in der Stadt. Und keiner hat was gemerkt.« Sagt Rudolph, der Krawallo, und klingt plötzlich ganz anders.

Dort, wo die Gaskammer stand, hat man 1997 ein paar Gedenktafeln aufgestellt, der Rest des Geländes wurde planiert und wird als Parkplatz benutzt. Gleich nebenan, im ehemaligen KZ-Bau, residiert die Verwaltung der Stadt mit dem Oberbürgermeister. Zurzeit läuft grade ein »Volksbegehren« über ein »Gesetz zur Förderung von Musikschulen im Land Brandenburg«. Und ein paar Straßen weiter, im Theater, sagt Röhm zu Hitler: »Ernst, der Soldat, Adolf, der Künstler - so sollten wir gemeinsam, Hand in Hand, in die Geschichte einziehen.« Was für ein Glück, dass die Vorsehung es sich anders überlegt hat.

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