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GRÜNDGENS-PREMIERE Harlekins Wiederkehr

aus DER SPIEGEL 2/1961

Zum Schluß rieseln Hunderte von Luftballons auf die Bühne - als bunter Fall-out einer Atombombenexplosion, jedenfalls eines Knalls, den die Beteiligten für einen Atomschlag halten. Dann bemerken die verkleideten Leute die Harmlosigkeit der Detonation, drängen an die Rampe, schubsen und stoßen sich - sie balgen sich um den Applaus, den das Publikum im Hamburger »Deutschen Schauspielhaus« zumindest bei der Premiere mit hierorts ungewöhnlicher Verve und Ausdauer spendierte.

Uraufgeführt wurde »ein Stück im alten Stil«, das jüngste Bühnenwerk des 34jährigen Dieter Waldmann: »Von Bergamo bis morgen früh«. Der Titel bezeichnet die sonderbare Mischung, die Waldmann eingerührt hat: Aus der norditalienischen Stadt Bergamo stammt Harlekin, Hauptfigur der zur Renaissancezeit aufgekommenen und im achtzehnten Jahrhundert durch die resolute Theater-Neuerin Neuberin mit Eklat wieder von den deutschen Bühnen vertriebenen »Commedia dell'arte«. Die Figuren dieser Stegreifkomödie hat Waldmann dazu bestimmt, wieder anzutreten - »bis morgen früh«.

Bei der originalen Commedia dell'arte improvisieren die Schauspieler ihre Texte, nur die Charaktere und der ungefähre Lauf der Handlung bleiben stets gleich. Zwölf der alten Typen leben bei Waldmann wieder auf, aber nur zwei, Harlekin und Pierrot, tragen schon am Anfang ihre traditionellen Kostüme.

Die anderen zeigen sich zunächst in moderner Oberbekleidung und mit dazu passenden Namen und Berufen. Der geizige, mißtrauische Kaufmann Pantalone ist in den Drogenfabrikanten van der Hoos verwandelt worden, die flatterhafte Colombina nimmt als seine Sekretärin Fräulein Taube Briefe ins Stenogramm. Il Capitano, der großmäulige Krieger, ist nun Hauptmann außer Dienst und arbeitet als Vertreter. Il Dottore, der geschwätzige Gelehrte, wird bei Waldmann zum fachschwafelnden Betriebspsychologen. Aurelio und Leandro, die jungen Liebhaber der alten Komödie, sind zum Bankier Goldner und zum abstrakten Maler Leander geworden.

Harlekin und Pierrot sind mit ihrem Theaterkarren unterwegs, um nach ihren alten Spielgenossen zu suchen. »Warum sind sie denn weggelaufen, damals, als jene bleichen Tintenfinger aus dem Norden ... uns von der Bühne trieben, weil wir das Theater zum Spielen, nicht zum Diskutieren nutzten?« Sie werden alle wiedergefunden, nach und nach ziehen sie alle ihre traditionellen Kostüme wieder an

Bis sie es tun, dienen sie als Objekt für Waldmanns Kabarettpointen, die auf die Gegenwart zielen: auf Geltungskonsum, Fernsehwerbung, den Tag des Baumes, die Verkehrspolizei, die Arbeitszeitverkürzung und die sogenannte Freizeitgestaltung oder was sich sonst bietet.

Scaramuzza etwa, der verfressene, vielgeprügelte Ehemann, regelt als Schutzmann Scharmützel mit barschem »Gehe!« und »Warte!« einen Verkehr, der gar nicht stattfindet. »Für sieben Uhr hat man mich herbestellt, ab sieben regle ich!« Der junge Bankier Goldner, der sich später in den Liebhaber Aurelio verwandeln soll, wird von der nachmaligen Colombina, der männerfressenden, zielstrebigen Sekretärin Fräulein Taube - um »die läst'ge Freizeit sinnvoll zu gestalten« -, gefragt, ob er es weit zu seiner Wohnung habe. Goldner: »Ich weiß es nicht. Ich fahre.« »Das sind die Möbel«, verrät Goldner der Dame, nachdem sie in die Wohnung eingedrungen ist. Fräulein Taube: »Sehr geschmackvoll! Wo haben Sie gekauft?« Goldner: »Ich weiß es nicht. Man hat mich eingerichtet.«

Die Zimmerwirtin, der sich Harlekin und Pierrot als Schauspieler zu erkennen geben, ist hinsichtlich der Miete gleich beruhigt: »Das ist sicher ... Man zahlt den Leuten heute gute Gagen. Selbst wenn sie nicht spielen.« »Wie das?« fragt Pierrot, der als Komödiant zu seiner Zeit noch geschwitzt hat. Die Wirtin erklärt es ihm: »Nun ja! Ein Lächeln auf den Suppenwürfeln ...«

Waldmanns Stück enthält auch eine Art von Haupthandlung: Harlekin und Pierrot brauchen Geld, weil sie am »Weltspinattag« herzhaftes Geflügel wünschen. Sie stehlen deshalb dem abstrakten Maler Leander Leander, dem späteren Leandro, ein Bild, das Leander, von sich selbst begeistert, »eine Formel« nennt, »die Formel, die vernichtet!«

Mit dieser Formel in der Tasche machen sich die beiden, angeblich im geheimen Staatsauftrag, an die Produktion einer neuen Pillensorte, die den vom Wohlfahrtsstaat allzu beruhigten Schläfern auf bequeme Weise einen fürchterlichen Kriegstraum schenken soll. »Wenn schon die praktische Schulung unzulänglich ist«, kommentiert der Vertreter-Hauptmann, »muß unsere Jugend - und auch die Reserve - doch mindestens im Schlaf erzogen werden zu einem männlich-angriffslustigen Leben. Das Vaterland hat Anspruch auf die Droge.« Es ist Pierrots Laboratorium, das am glücklichen Ende zerplatzt - in einen Regen aus bunten Ballons.

Den fast triumphalen Premierenerfolg - 63 Vorhänge - verdankt Waldmann zu einem guten Teil der Tatsache, daß Gründgens das Stück nicht nur in den Ferien - gelesen und sofort akzeptiert, sondern auch die Inszenierung übernommen hatte. Er machte vor einer die Moderne karikierenden Dekoration - Kinderroller symbolisieren Manager-Autos, der Bankier fährt einen Roller mit Mercedes-Stern - mit einigen Stars aus seinem Ensemble zum Teil brillantes Kabarett und zog, von Sprechchören gerufen, den glücklichen Autor hinter sich auf die Bühne.

Dieter Waldmann, Sohn des Greifswalder Universitätsprofessors und Tierseuchenforschers Otto Waldmann, der ein Serum gegen die Maul- und Klauenseuche entwickelt hat, ist erst 1958 aus Südamerika zurückgekommen, wohin er seinen Vater begleitet hatte. Sohn Dieter hat dort als Zimmermannsgeselle gearbeitet, später als Chemikalien-Vertreter und als Redaktionssekretär bei einem spanischen Zeitschriftenverlag. Das Schreiben hat er sich in Amerika, wie er es nennt, »immer noch ziemlich verkniffen« und dann zunächst in Spanisch versucht. Ein erstes abendfüllendes Waldmann-Stück, »Der blaue Elefant« - es handelt von einem träumenden Mulattenkind-, ist im Mai 1959 im Studio der Kölner Städtischen Bühnen aufgeführt worden.

Erst das von Gründgens inszenierte nächste Stück aber, »Von Bergamo bis morgen früh«, brachte den Publikumserfolg, dem die Rezensenten von mehr volkstümlichen Zeitungen enthusiastisch beipflichteten. Das »Hamburger Abendblatt« feierte »die Geburt einer Komödie aus dem Geist der Komödie« und einen »hinreißenden Theaterabend«, das sozialdemokratische »Hamburger Echo« begrüßte »die Apotheose des Harlekins, die Frontstellung gegen die Mülltonnen-Dramaturgie der Becketts und Ionescos«. Eher unmutig reagierten die Kritiker der überregionalen Blätter. »Die Welt« sah in Waldmanns Stück »wirklich nur ein Kasperlespiel mit zeitgemäßen Variationen«, die »Frankfurter - Allgemeine Zeitung« mißbilligte: »Die Prominenz des Deutschen Schauspielhauses kann einem leid tun.«

Autor Waldmann möchte trotz seiner im Stück betonten Lebensfreude und trotz einiger Harlekin-Entrüstung über »nur mit dem Hirn geturnte Untergangsakrobatik« sein Stück nicht als Angriff auf das absurde Theater von Beckett ("Warten auf Godot") oder Ionesco ("Die Nashörner") betrachtet sehen. »Ich bin gar nicht so dagegen als dafür. Ich bin für das Theater, wo der Schauspieler mal endlich wieder rumspringen kann.«

Waldmann bestreitet auch, die Commedia dell'arte als »neuen Weg« für sich und andere Dramatiker wiederentdeckt haben zu wollen: »Selbstverständlich kann man das nur einmal machen. Aber mein Theater wird sich weiter auf der spielerischen Ebene bewegen, weil ich das einfach für fürchterlich notwendig halte. Notwendig für mich, mir macht es Spaß.«

Waldmann

»Von Bergamo bis morgen früh« im Hamburger Schauspielhaus: Fall-out aus bunten Ballons

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