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KONZERTMARKT Harsche Töne

Zu Beginn der neuen Konzertsaison ringen Tournee-Veranstalter erbittert um Künstler und Kunden.
aus DER SPIEGEL 36/1977

Westdeutsche Konzertveranstalter rufen zum Rock-Sommerschlußverkauf. Nach den Siebenschläfer-Wochen des Schaugeschäfts wird nun wieder heiße Tonware feilgeboten.

Zwischen dem 10. August und dem 4. September ziehen Kassenmagneten ä Ia »Santana«, »Chicago«, »Small Faces« und »Doobie Brothers« die Fans vor die Freilichtbühnen von Berlin, Göppingen, Sankt Goarshausen, Lünen, Bad Segeberg, Scheeßel und Karlsruhe. Die größte Schau wird diesen Samstag auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände, dem Zeppelinfeld in Nürnberg, geboten, das 100 000 Besucher aufnehmen kann.

Mit den Rock-Festivals beginnt eine Konzertsaison, die eine Saalschlacht zwischen den sechs maßgebenden deutschen Popmusik-Agenturen erwarten läßt. Verbissener als zuvor ringen die Firmen Collien, Funke, Jahnke und »Sunrise« in Hamburg, Lippmann + Rau in Frankfurt sowie »Mama Concerts« in Frankfurt/München um Hallen, Künstler und Kunden.

Schon in der vergangenen Saison schickten die Konkurrenten mitunter an einem Abend drei Top-Bands in die gleiche Stadt. Jetzt ist ein noch größerer Aufmarsch von Rock-Truppen, Schlager-Kommandos und internationalen Star-Fightern geplant. Der Vorsatz des Hamburger Gala-Kaufmanns Hans-Werner Funke von 1975, künftig »weniger Konzerte mit besserer Qualität« anzubieten, scheint vergessen: Die Menge soll"s machen.

Nicht weniger als etwa 1000 Abende mit weit über 100 Interpreten und Gruppen haben die sechs Tournee-Hauptquartiere sowie allerlei Veranstalter in der Provinz noch vor Saisonbeginn angekündigt. Bei einem Durchschnitts-Kartenpreis von knapp 17 Mark und mehr als zwei Millionen Besuchern wird also um vorläufig fast 40 Millionen Mark gerauft. Den scharfen Konkurrenzkampf auf dem zuvor unter fünf Agenturen aufgeteilten und damit relativ stabilen Konzertmarkt hat jedoch ein Newcomer ausgelöst.

Bis der Ex-Polizist Werner Kuhls, 34, mit seinem Hamburger »Sunrise«-Konzertbüro das Show-Establishment herausforderte, wurden ausländische Top-Attraktionen von Liza Minnelli und Frank Sinatra bis zu »Pink Floyd« und den »Rolling Stones« durch den Marktführer Fritz Rau (Lippmann -- Rau) sowie das Duo Marcel Avram und Marek Lieberberg ("Mama Concerts") präsentiert. Hans-Werner Funke kontrollierte den deutschen Mode-Pop zwischen Last und Lindenberg, Kurt Collien den konventionellen Sektor -- etwa Freddy Quinn, Folklore, Chöre und Ballett. Karsten Jahnke schließlich mühte sich um Dixieland, Folk und van Veen.

Gegen diese Runde, die überdies oft untereinander kollaborierte (Rau mit Funke, »Mama« mit Jahnke), war nur mit einem gewagten Poker zu gewinnen. Im Sommer letzten Jahres setzte Werner Kuhls auf den in Deutschland fast vergessenen Entertainer Harry Belafonte, auf den die Konkurrenz damals keinen Heller gab. Trumpfgewinn: Die sieben Shows waren, bei einem Gesamtumsatz von 1,1 Millionen Mark, schon vier bis sechs Wochen im voraus ausverkauft.

Seither ist Kuhls massiv in die Domänen der anderen eingebrochen. In der kommenden Saison bringt er beispielsweise die Schlagerstimme Vicky Leandros, den Song-Interpreten Gunter Gabriel, den Gitarren-Virtuosen Leo Kottke, die Chanson-Sänger Demis Roussos, Salvatore Adamo, Gilbert Bécaud und ein ganzes Rock-Bündel obendrein. Zum zweiten Mal schickt er auch Harry Belafonte, für zumindest 17 Konzerte, auf die Reise.

Vor dem zweiten Belafonte-Coup hatte auch »Mama« in Los Angeles um den Star gezockt. Kuhls-Mitarbeiter und Belafonte-Tourneebegleiter Mario Scheuermann hatte daraufhin »Bild am Sonntag« zu der Meldung angeregt, Belafonte habe die Stimme verloren, um gleich nach Kalifornien zu jetten. Der Sänger sollte für Kuhls gerettet werden. Tatsächlich gab das Belafonte-Management nach Scheuermanns dramatischer Schilderung der mißglückten »Mama«-Tournee mit Sinatra vor zwei Jahren Kuhls abermals den Zuschlag.

Wie zu Anfang der siebziger Jahre, als die »Mama«-Chefs Avram und Lieberberg mit hemdsärmelig arrangierten Rock-Superfestivals erstmals gegen den Branchenriesen Lippmann + Rau antraten, fallen zwischen den Gentlemen an den Konzertkassen nun wieder barsche Töne. Avram: »Herr Kuhls müßte lernen, Konzerte erst dann zu propagieren, wenn er auch Verträge mit den Künstlern hat.« Kuhls: »Möge doch Herr Avram mal einen Vertrag mit der Band »Supertramp« vorlegen, für die er schon Karten verkauft.«

Hans-Werner Funke, der in Hamburg auch zwei eigene Vorverkaufskassen betreibt (Rau: »Eine im Veranstalterwettbewerb völlig unmögliche Sache"), versuchte den Eindringling Kuhls an dessen Finanznerv zu treffen.

Kuhls gab nämlich, etwa bei Belafonte, die Karten jeweils schon Monate vor der Tournee in den Handel und erbat Einzahlung von jeweils 10 000 Mark auf ein Treuhand-Konto. Das wurde von Funke verweigert. Kuhls antwortete mit einem Boykott der Funke-Kassen und einer Vorverkaufsstelle von Kurt Collien, der sich Funke angeschlossen hatte.

Funkes Knickrigkeit sowie sein altväterischer Umgang mit Künstlern haben ihm jüngst manche Verluste eingebracht. Weil er im Mai beim Rock-Konzert des Hit-Ensembles »Eagles«, das er in Hamburg für Lippmann + Rau arrangierte, »nur mal eben nach der Oper im Smoking hereinschaute«, läßt Rau seine Hamburger Rock-Shows künftig vom Funke-Konkurrenten Jahnke betreuen. Weil Funke, unter anderem, bei Udo-Lindenberg-Konzerten »am Budget für die Saalordner sparte« (Lindenberg), quittierte der Sänger das Management und ging zu Rau.

In den letzten Jahren haben Peter Alexander, Les Humphries, Vicky Leandros und Lindenberg den Konzertunternehmer Funke verlassen. Als Kassenfüller sind ihm hauptsächlich Blödel-Otto und der britische Knautsch-Bariton Roger Whittaker geblieben. Aber um Whittaker feilscht Kuhls, und Rau sagt: »Da sind wir im Zweifelsfall auch noch im Spiel.«

Der Handel und die Händel der Konzert-Kaufleute um ihre Ware werden allerdings vielfach auf dem Rücken der Konzertbesucher ausgetragen. Überlange Vorverkaufszeiten zum Beispiel bringen allein den Veranstaltern Vorteile: Sie können lange vor den Tourneen sechsstellige Summen einstreichen, Zinsbeträge kassieren, ihre Garantiehonorare an die Künstler zahlen und risikofrei kalkulieren.

Daß die Kartenkäufer, die nicht einmal immer sicher sein können, ihr bezahltes Konzert werde Monate später auch wirklich stattfinden, »nicht nur Eintrittspreise und Vorverkaufsgebühren bezahlen, sondern den Veranstaltern auch noch Zinsgewinne zuschanzen« müssen, hält Veranstalter Avram für »unerhört«.

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