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MUSICAL Hart genug

aus DER SPIEGEL 39/1964

Ich liebe meinen Job«, bekennt der Schlager-Star Billy Jack und erläutert singend, was sein Job ist: »So einen geilen Schlußakkord zu ächzen und in das Mikro einen steilen Zwölfton-Seufzer krächzen, 'nen schrägen Heuler aus dem Halse spritzen, damit die Miezen zitternd-blaß da unten sitzen.«

Billy Jacks freudiges Arbeitslied und ein Dutzend andere, mindestens ebenso drastische Songs sollen am Dienstag dieser Woche im Berliner »Theater am Kurfürstendamm« erklingen - bei der deutschen Premiere eines dänischen Musicals mit englischem Titel, das der Berliner Theaterdirektor und Musical -Produzent ("My Fair Lady") Hans Wölffer als »böse, ordinär und vulgär, aber doch wirklichkeitsnah« ankündigt: »Teenagerlove«.

Das Singspiel des dänischen Komponisten Finn Savery und des Librettisten Ernst Bruun Olsen, Oktober 1962 im Königlichen Theater zu Kopenhagen uraufgeführt und dort seither mindestens einmal jede Woche vor ausverkauftem Haus gezeigt, gibt ein satirisches Sittenbild aus der Unterhaltungsindustrie.

Schlager-Heuler Billy Jack, nach Vorbildern wie Elvis Presley modelliert, strebt aus den Kopenhagener Slums nach oben und wird von den Teenagern zum Idol hochgejubelt. Als der kleine Mann ganz groß geworden, aber moralisch korrumpiert ist, stürzen ihn der Selbstmord seiner Teenager-Ehefrau und der Anblick eines rostigen Fahrrads in Verzweiflung und Schizophrenie. Doch er singt weiter: »Scheiß auf den Kohl, wir fühlen uns sauwohl.«

Produzent Wölffer: »Wir zeigen, wie das Publikum verführt wird und die Künstler ruiniert werden.«

Wölffer hatte das sozialkritische Musical, das von einer Fünf-Mann-Jazz-Combo musiziert wird und teilweise atonal und durchaus ungefällig klingt, gleich nach der Kopenhagener Premiere zur ersten Nachaufführung erworben; interessierte Musical-Produzenten aus New York und London dürfen »Teenagerlove« erst nach der »Feuerprobe in Berlin« (Wölffer) spielen.

In Helmut Käutner, der den Orchesterraum im Theater am Kurfürstendamm zu einem Swimming-pool umgestalten ließ und die Musiker in ein überdimensionales Fernsehgerät-Modell über die Bühne versetzte, glaubt Wölffer den idealen Regisseur gefunden zu haben, in der Berlinerin Johanna von Koczian und dem Bochumer Schauspieler Manfred Heidmann (als Billy Jack) ein ähnlich ideales Hauptdarsteller -Paar; wie er es in Karin Hübner und Paul Hubschmid für »My Fair Lady«, fand.

»Und wenn das Stück nach der Premiere: verrissen wird«, sagt Wölffer, der bislang. 700 000 Mark in seine »Teenagerliebe« investiert hat, »dann zähle ich auf die Neugierigen.«

Käutner war es auch, der Wölffer den Hauptdarsteller Heidmann zuführte. Der komödiantisch, wendige Vierzigjährige, der einst in dem Heinz-Rühmann-Film »Quax, der Bruchpilot« (1941) zur Klampfe »Heimat, deine Sterne« sang, hat erst unlängst in Bochum den Papst in Hochhuths »Stellvertreter« verkörpert. Wölffer: »Zu Heidmann hatte ich gleich Vertrauen. Ich kannte seinen Vater, der war Oberspielletter und in der SPD.«

Die Hauptdarstellerin entsprach zunächst wohl weniger Wölffers Vorstellungen. Er ließ Johanna von Koczian vier Monate lang auf eine endgültige Zusage warten. Zuvor hatte er mit Hannelore Schroth verhandelt. Erst als die Koczian Desinteresse merken ließ - »Ich war arbeitslos und mußte schließlich irgend was machen« -, schickte Wölffer ihr den Vertrag für »Teenagerlove« nach Wien.

Auch einen Übersetzer für das dänische Musical - eher ein Anti-Musical ohne Happy-End - hatte der Berliner Theaterdirektor nicht gleich finden können. Die Schriftsteller Uwe Johnson, Hans Magnus Enzensberger und Peter Weiss lehnten wegen Arbeitsüberlastung ab. Schließlich besann sich Wölffer auf Wolfgang Neuss: »Der spricht eine harte Sprache und hat eine Schwedin zur Frau.« Der Kabarettist mit dem Paukenschlag brachte dann »schräge Heuler« und »zitternde Miezen« zu Papier.

Einige sprachliche Härtefälle indes wurden kurz vor der »Teenagerlove« -Premiere von Regisseur Käutner getilgt. »Bei Neuss«, sagte Käutner, »muß nämlich damit gerechnet werden, daß er etwas hinzugedichtet hat.«

Hauptdarstellerin Johanna von Koczian: »Es ist immer noch hart genug. Mir dreht es jedesmal den Magen um.«

»Teenagerlove«-Szene in Berlin**: »Damit die Miezen zittern«

** Johanna von Koczian.

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