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KREBS Harter Schnitt

Mit der Entscheidung, wegen einer relativ kleinen Geschwulst ihre Brust radikal zu opfern, hat Nancy Reagan der Krebsmedizin keinen Dienst erwiesen. *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Couragiert und werbewirksam, wie es ihre Art ist, entschied die First Lady der USA sich für den harten Weg: Wegen eines nur bleistiftdicken Krebsknotens ließ sich Nancy Reagan Ende vorletzter Woche im Marine-Krankenhaus Bethesda (Maryland) nahe Washington gleich die ganze linke Brust wegnehmen. Und die Lymphknoten unter dem Arm noch dazu.

»Es war die beste Art, es ein für allemal zu erledigen«, beschied Nancy Reagans Pressedame Elaine Crispen Zweifler am Sinn des radikalen Eingriffs, und »es war ihre eigene Entscheidung«.

In der Tat hatte die Präsidentengattin schon vor Kenntnis des Untersuchungsergebnisses entschieden, daß beim geringsten Anzeichen von Krebs gleich im großen Stil zu schneiden sei. Etwa so wie vor 13 Jahren bei ihrer Vor-Vorgängerin Betty Ford, Frau des damaligen republikanischen Präsidenten Gerald Ford. Und wohl auch in Erinnerung an die Bewußtseinslage ihres eigenen Elternhauses, die von Stiefvater Loyal Davis, einem Neurochirurgen, geprägt worden war.

Vater Davis, meldet die »New York Times«, hatte selber noch ein wissenschaftliches Werk redigiert, das eine eingeschränkt radikale Operation- Entfernung der Brust und der Lymphknoten, aber nicht der darunterliegenden Muskeln - auch in leichten Fällen für den sicheren Weg erklärte.

Die eher knabenhafte Nancy, längst bekannt als medizinische Ober-Überwacherin ihres Ehemannes Ronald, hatte wieder genau gewußt, wo es langgeht, und keine Debatte aufkommen lassen.

»Wir mußten uns da vollkommen raushalten«, grämte sich etwa Frank Mahaney, Sprecher des benachbarten Nationalen Krebsinstituts in Bethesda. Der Ärztestab dieser Leitstelle amerikanischer Krebsforschung hatte sogar einen Maulkorb gegenüber neugierigen Reporterfragen verpaßt bekommen. »Uns wurde verboten, auch nur ganz allgemein das Thema Brustkrebs gegenüber der Presse zu erörtern«, so ein Betroffener.

Nancys rasche Entscheidung, beklagte sich Rose Kushner von der Brustkrebs-Beratungsstelle in Kensington (Maryland), »hat uns um zehn Jahre zurückgeworfen« Für die Krebsforschung gilt die von Nancy Reagan gewählte Behandlungsmethode in ihrem Fall als überholt.

Der übliche Gang des Verfahrens bei Brustkrebsverdacht ist dreistufig. Nach der Mammographie, die meist den ersten Hinweis auf die Erkrankung liefert, wird untersucht, wie weit die Krebszellen gestreut haben. Das Ergebnis einer solchen Biopsie liegt innerhalb weniger Tage vor, so daß Zeit bleibt, die verschiedenen Möglichkeiten der Bekämpfung mit der Patientin zu diskutieren.

Bei relativ kleinen Tumoren, die so früh erkannt worden sind wie bei Nancy Reagan, wird die Entfernung der gesamten Brust und auch noch der Lymphknoten von fast allen Experten mittlerweile als archaische Behandlungsmethode verworfen (siehe Graphik).

Die Mediziner empfehlen zunehmend, es in diesen Fällen bei der Entfernung des Tumors und eines kleinen Teils des umgebenden Gewebes zu belassen, so daß die natürliche Form der Brust erhalten bleibt. Für die meisten Frauen ist dies eine starke emotionale Entlastung und für Partnerschaftsbeziehungen oft extrem wichtig - bei Nancy, 66, und Ronnie, 76, mag es vielleicht nicht mehr ganz so ausschlaggebend sein.

Allerdings empfehlen die Ärzte im Anschluß an eine solche Minimal-Operation eine etwa acht Wochen dauernde Bestrahlungs-Therapie. Wie zahlreiche Nachbeobachtungsstudien gezeigt haben, ist die Fünf-Jahre-Überlebensrate für die so behandelten Frauen zumindest ebenso hoch wie nach einer eingeschränkt radikalen Operation, der sich auch Nancy Reagan unterzogen hat. Sie liegt bei 95 Prozent. Die modifizierte Radikalmethode, bis vor etwa zehn Jahren noch medizinischer Standard, ist in der Krebsbekämpfung von isolierten Kleintumoren in den letzten Jahren denn auch nicht mehr weiterentwickelt worden.

Auch in der Bundesrepublik »geht der Trend eindeutig zur Brusterhaltung«, sagt Manfred Kaufmann, Oberarzt der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg. »In der Regel wird erst dann radikal operiert, wenn der Tumor mehr als drei Zentimeter Durchmesser hat.« Nur bei »sehr ängstlichen Frauen«, die sich den ganz großen Eingriff »aus Sicherheitsgründen« wünschen, werde diesem Wunsch entsprochen.

Die Beobachtung von 600 italienischen Brustkrebspatientinnen, die zwölf Jahre lang nachkontrolliert wurden, hat mittlerweile zweifelsfrei ergeben, daß die Radikaloperation kleiner Brusttumoren die Überlebenszeit nicht verlängert.

Nach Nancys Heldentat aber fürchten die amerikanischen Mediziner, daß künftig jede zweite Brustkrebspatientin dieser Art sich - unsinnigerweise - wieder für diese Art der Operation entscheidet: Der stilprägende Einfluß einer First Lady, so der Kenntnisstand der Mediziner, ist im gefühligen und fernsehhörigen Amerika nicht auf die Kleidung allein begrenzt.

Als 1974 Betty Ford und kurz danach Margaretta ("Happy") Rockefeller, die Frau des damaligen Vizepräsidenten Nelson Rockefeller, ihre Brustkrebs-Operationen der Öffentlichkeit verkauften, nahm die Zahl der Frauen, die sich Vorsorge-Untersuchungen unterzogen, rapide zu. Nach Nancys Entscheidung für die alte Methode, so fürchtet Rose Kushner, könne aber aus dem Fortschritt von einst wieder ein Rückschritt werden: »Die Leute werden sagen: Ich will es so haben wie die First Lady.« Und anschließend darunter leiden.

Die erwartete Neigung, es der First Lady gleichzutun, wäre besonders fatal, weil es gerade für Brustkrebsoperationen schon in 17 US-Bundesstaaten vorbildliche gesetzliche Bestimmungen gibt: _(Beim Abflug zum Marine-Krankenhaus ) _(in Bethesda. )

Sie sollen helfen, krebskranke Frauen auch gegen den Rat schneidewütiger Chirurgen vom voreiligen Verzicht auf ihr Weiblichkeitssymbol abzuhalten.

Patientinnen mit Brustkrebs müssen nach diesen Gesetzen eine Broschüre lesen, in der die Unterschiede der Operationen, ihre Verfahrensweise und ihre statistischen Heilungschancen eindeutig beschrieben werden. Danach müssen sie die Lektüre durch Unterschrift bestätigen, bevor sie sich für die Form der anstehenden Operation entscheiden.

Ein solches Gesetz gibt es auch im US-Bundesstaat Maryland, wo Nancy Reagan operiert wurde. Weil die First Lady sich, ohne das Ergebnis der Biopsie abzuwarten, einer Radikaloperation unterzog, hätten sie und ihre Ärzte, strenggenommen, gegen die Buchstaben des Gesetzes verstoßen.

Doch eine Präsidentengattin tut so etwas natürlich nicht: Das Marine-Krankenhaus in Bethesda, in das Nancy einkehrte, fällt als militärische Einrichtung nicht unter die Gesetze des Staates Maryland.

[Grafiktext]

RÜCKSCHRITT ZUM RADIKALEN Operative Methoden der Brustkrebs-Behandlung (Schematische Darstellung) Bei der »brusterhaltenden« Operation (1) werden nur der Tumor und das umliegende Gewebe entfernt. Beim »eingeschränkt radikalen« Eingriff (2) wird die Brust oberhalb des Muskelgewebes amputiert, beim »radikalen« Eingriff (3) auch noch das Muskelgewebe abgetragen.

[GrafiktextEnde]

Beim Abflug zum Marine-Krankenhaus in Bethesda.

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