Urteil gegen Harvey Weinstein Hollywoods liebster Gangster

Harvey Weinstein wurde viele Jahre lang bewundert - nicht zuletzt, weil er sich aufführte wie die Hauptfigur eines Gangsterfilms. Nun wird er dafür bestraft. Der Fall zeigt Hollywoods Doppelmoral.
Eine Analyse von Lars-Olav Beier
Harvey Weinstein verlässt das Gerichtsgebäude in New York

Harvey Weinstein verlässt das Gerichtsgebäude in New York

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John Minchillo/ dpa

Anfang 2004 in einem Londoner Hotel: Harvey Weinstein sitzt in einer Suite in einem Sessel und wird von zwei SPIEGEL-Redakteuren interviewt. Er hat gerade einen neuen Film produziert, der auf der Berlinale laufen soll, "Cold Mountain". Weinstein hat schon damals einen Ruf wie Donnerhall, seine Wutausbrüche und Drohgebärden sind legendär. Nein, sagt er im Interview, alles halb so wild. Er sei Diabetiker, der Blutzucker sei schuld. Nun habe er immer Smarties in der Tasche, die würden helfen, das Temperament zu zügeln. Smarties.

Weinstein konnte bedrohlich wirken, selbst wenn man nicht mehr von ihm wollte als ein paar Antworten, selbst wenn man zu zweit war, zwei erwachsene Männer, wie damals beim Gespräch: der massige Körper, das vernarbte Gesicht, die dröhnende Stimme, von der klar war, dass man sie über den ganzen Flur des Hotels hören würde, sollte er sie einmal erheben. Harvey Weinstein setzte sich in Szene wie ein Gangster. Hollywood bewunderte ihn dafür. Es liebte ihn, weil ihm jedes Mittel recht schien, um tolle und erfolgreiche Filme herzustellen.

Stars machen - Menschen fertigmachen

Wenn er in Cannes war, konnte es vorkommen, dass er mitten auf der Straße Assistenten niederbrüllte. Immer wieder berichteten Produzenten, deren Filme Weinstein kaufen wollte, wie er sie einzuschüchtern versuchte, indem er ihnen Prügel androhte. Auf Schauspielschulen wurde davon geträumt und davor gewarnt, zu Weinstein aufs Hotelzimmer zu gehen. Er konnte Stars machen und Menschen fertigmachen. Jeder in Hollywood wusste das, denn Weinstein wollte, dass jeder es wusste.  

Vermutlich wussten nur wenige, was er Frauen antun konnte, aber es kann niemanden überrascht haben. Jetzt ist Weinstein verurteilt worden. Und Hollywood hat sich mitschuldig gemacht an dem, was er tat, weil es ihm alles durchgehen ließ.

In einer Zeit, in der die Filmindustrie mehr und mehr von Produzenten bestimmt wurde, die das Geld anderer Leute mit der Leidenschaftslosigkeit von Investoren in irgendwelche Produktionen steckten, erschien Weinstein als der letzte Mogul, der bis aufs Blut für das Kino kämpfte.

Prototyp des amerikanischen Helden

Er stilisierte sich zum Paten des Kinos, herabgestiegen von der Leinwand, um Hollywood vor der Mittelmäßigkeit zu retten. Er tat dies bis zum Schluss. Wenn er sich in den letzten Wochen im Rollator zum Gerichtssaal schob, wirkte es, als habe er sich das bei den siechenden Gangstern in Martin Scorseses Epos "The Irishman"  abgeschaut.

"Der Gangster als tragischer Held" - so heißt ein Aufsatz, den der Kulturessayist Robert Warshow 1948 veröffentlichte. Weinstein schien ihn verinnerlicht zu haben: Der Kinogangster, so Warshow, sei eine Verkörperung des American Dream und ein prototypischer amerikanischer Held, weil er dem Streben nach Erfolg alles unterordne, auch Recht und Gesetz. Warshow analysierte die klassischen Gangsterfilme wie "Scarface" (1932) und stellte fest, das sie ihre antisozialen, brutalen Helden feierten. James Cagney durfte einer Frau in "The Public Enemy" (1931) eine aufgeschnittene Pampelmuse im Gesicht ausdrücken und wurde vom Publikum dafür bejohlt. 

Doch weil der gesellschaftliche Konsens verlangte, dass sich Verbrechen nicht auszahlen dürfen, wurden die schwerkriminellen Helden in den letzten Szenen der Filme meist in den Knast oder in den Tod geschickt. So war das auch mit Weinstein und Hollywood. Alle schauten ihm gebannt zu und bejubelten ihn, obwohl sie wussten, was für ein gemeines Schwein er sein konnte. Um seine Opfer ging es dabei nicht in dieser Erzählung, nur um den Helden.

Dann, fünf Minuten vor Schluss, wandten sie sich empört von ihm ab. Und nun, nach dem Schuldspruch, sagen sie: Crime doesn't pay. 

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