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SPEKTAKEL Hasenfüße unter Dämonen

Was bringt das Kulturstadtjahr »Weimar 99« - eine Party in Jahreslänge, Avantgarde-Events oder doch ein Marathon der Erinnerungsarbeit? Die Wiedereröffnung des Nationaltheaters mit einem wenig inspirierten »Faust« ist symptomatisch für den Kleinmut im Klassikeridyll.
aus DER SPIEGEL 5/1999

Ganz schön forsch, der Junge. Das Mädchen ist fast vorüber, da springt er ihr mitten in den Weg: »Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?« Schüchtern zuckt Gretchen zusammen und will ausweichen, aber der lange Kerl setzt ihr nach und packt sie von hinten um die Taille. »Bin weder Fräulein, weder schön«, ruft sie zitternd und win-

* Probenfoto mit Jürgen Hartmann (Faust), Daniel Graf (Mephisto) und zweien der drei Erzengel.

det sich los, »kann ungeleitet nach Hause gehn.«

Ja, es wird auch mal handgreiflich im Nicht-Bühnenbild, der schwarzen Öde mit Wasserlache, vor der Regisseur Michael Gruner, 53, seinen »Faust« spielen läßt. Gleich beide Teile von Goethes monströsem Hauptwerk hat der bedächtige Theatermacher für einen Abend arrangiert, fast sechs Stunden lang.

Unentwegt müssen die 14 meist sehr jungen Darsteller Rollen und Kostüme wechseln: vom Reifrock ins Sackkleid, von Werther-Kniehosen in Renaissance-Shorts. Zwischen vielen Schwarzblenden taucht mal ein blitzendes Cabriolet, mal eine Thüringer Bratwurstbude auf, und Gretchens Bruder Valentin endet gar vor einer Latrinenwand: Kaum hat Faust ihm mit Mephistos Hilfe den Todesstoß versetzt, nutzt das saubere Paar die Gelegenheit zum Pinkeln.

Kein Wurf, ja nicht einmal ein Ärgernis ist der Kraftakt von Inszenierung, der vergangenen Sonntag in Weimars Nationaltheater Premiere hatte. Der Regisseur selbst gibt zu, daß er mit der ewigen Faust-Frage nichts anzufangen weiß: »Wen interessiert noch, was die Welt im Innersten zusammenhält?« Und doch trifft Gruners unentschiedener, aus braver Deklamation und ein paar hübschen Einfällen zusammengebratener Doppel-Whopper verblüffend genau die Stimmung, in der das kleine Weimar sein großes Jahr als Kulturstadt Europas 1999 beginnt.

Wie das Nationaltheater, dessen geplante Fusion mit den Erfurter Bühnen jüngst abgewendet wurde, ohne daß die Zukunft des zweitgrößten Arbeitgebers der Stadt damit sicherer wäre, so planen etliche Kulturmanager hier: Augen zu, hoffentlich kommen wir durch. Wie die Erzengel im Prolog von hohen Stelzen herab das Weltlicht der Schöpfung ins Publikum spiegeln, so wirft das Programm des Kulturstadtjahres auf gut Glück Bildungsgut, Balancierkünste und Blendwerk in die Menge. Und wie sich

* Vor dem Deutschen Nationaltheater.

Gretchen von Faust allzu derb angepackt fühlt, so murrt bisweilen noch einer: Was machen die mit uns? Wo bleiben eigentlich wir in dem Zirkus, der großenteils von Wessis organisiert wurde?

»Das ist hier eine herrlich ruhige Stadt«, schwärmt Rolf Bothe, 59, seit Ende 1992 Leiter der landeseigenen Kunstsammlungen, und blickt aus seinem Arbeitszimmer im Schloß, das Goethes Herzog Carl August erbauen ließ. »Aber wehe, man bewegt sich. Dann findet man sich plötzlich im Piranha-Teich wieder.« Dergleichen hat nicht nur er mehrfach erleben müssen.

Besonders schlimm erwischte es Bothes Kollegen Gerhard Schuster. Der, seit 1. Januar Direktor des Goethe-Nationalmuseums und mittlerweile schon wieder zum »kommissarischen Leiter« degradiert, muß mitverantworten, daß die neue große Dauerausstellung seines Hauses statt am 20. Februar erst am 1. Mai eröffnet werden kann. Die Presse hämte, die Landesregierung in Erfurt ließ den Mann ihrer Wahl im Stich: Trotz etlicher Schlampereien beim Umbau des Hauses und einer Belegschaft, zu der so manche Ex-DDR-Karteileiche zählt, sollte er die Schau möglichst im Handumdrehen mit seinem Team wissenschaftlich seriös aufbereiten - angesichts des notorischen Wirrwarrs in der »Stiftung Weimarer Klassik« ein aussichtsloses Unterfangen.

Doch auch von deren anderen Chefs raffte sich niemand zu Schusters Verteidigung auf. Das »Abstecken des eigenen Claims«, sagt Rolf Bothe, sei eben für manchen in dem thüringischen Nest auch weiterhin die Lieblingsbeschäftigung. Erst das Kulturstadtjahr werde zeigen, daß man »irgendwann nicht mehr taktieren kann«, schon gar nicht unter den Augen der skeptischen Weimarer.

Die waren freilich auch 1775, als Goethe eintraf, mißtrauisch, womit der Überflieger aus dem fernen Frankfurt am Main wohl ihre Ruhe stören werde. Schon damals hatte das Idyll einer »freundlichen Zauberinsel« des Geistes, wie ein Reiseführer vor genau 200 Jahren Weimar nannte, mit der Wirklichkeit des ärmlichen Residenzstädtchens nichts zu tun. Treffender witzelte der Großstädter Heinrich Heine über den mickrigen »Musenwitwensitz«. Noch immer regt sich nach neun Uhr abends kaum mehr etwas in dem Ort von 60 000 Einwohnern, diesem unfreiwilligen Terrarium des Weltkulturerbes deutscher Klassik und Dämonie, wo die Bauarbeiten weitergehen und trotzdem jeder sechste Bürger arbeitslos ist.

Über 80 Prozent begrüßen zwar das Kulturstadtjahr. Aber fast zwei Drittel der Einwohner fürchten auch private Nachteile. Egal: »Dieser Ort geht auf Sendung«, meldet ein kleines grünes Schild an einem Baum auf dem Frauenplan vor Goethes Wohnhaus. Wozu sonst wären geschätzte 1,3 Milliarden Mark von Staat, Stadt und Privatleuten verbaut worden? Wozu sonst würden für 30 Millionen das Schloß, für 28 Millionen das Theater, für 18 Millionen das Goethe-Nationalmuseum und für 10 Millionen der Bahnhof erneuert?

»Strategisch sind alle Wirtschaftsplaner hier natürlich schon im Jahr 2000«, meint lächelnd Kai Petry, 37, der das erst vergangenen März hinter Goethes Garten eröffnete Dorint-Hotel leitet. »1999 wird sich schon rechnen.« Bestimmt steige auch die Zahl der ersehnten Übernachtungsgäste. Aber nur wenn Stadtväter, Kulturverbände und vor allem die Regierung langfristig dächten, könnte der Ort den Schub des Kulturstadtjahres nutzen.

»Sicher, Weimar muß noch aus dem puren Klassiker-Image herauswachsen«, meint Petry. Auffrischung erhofft er beispielsweise vom »Neuen Museum« mit seiner opulenten, zum Jahreswechsel eröffneten Schau neuester Kunst aus der Sammlung des Kölner Galeristen Paul Maenz. Auch die »Sieben Zwerge«, eine Gruppe flinker Kleingaleristen und Kulturmacher, brächten Bewegung. Aber für zahlende Gäste, so Petry, sorge dann doch in erster Linie die »G 7«, in der sieben Geistes-Tanker wie die Stiftung Weimarer Klassik, das Theater oder die Kunstsammlungen vereinigt sind.

Vorerst allerdings dreht sich noch ein Kran dicht bei Goethes Wohnhaus. Am Kino in der Hummelstraße, wo nebenan die Fundamente für ein Kaufhaus gelegt werden, prangt weiterhin in verschossenem Stalinrot der Name »Theater des Friedens«. Und von der neuen »Weimarhalle« für 1200 Gäste - niemand weiß, ob sie auf Dauer finanzierbar bleiben wird - steht noch wenig.

Der Ticketshop in der Schillerstraße aber, hinter einer biederen, bejahrten Fassade wie ein notgelandetes West-Raumschiff mit bläulicher Neonästhetik und einer Cafeteria ausstaffiert, erlebte schon den ersten Ansturm. Auch die Souvenirs gehen gut: Kaffeebecher, Hemden oder eine Taschenuhr, alle sind mit dem »Salve«-Begrüßungswort von Goethes Türschwelle bedruckt. Heimlicher Renner des Angebots ist eine eigens hergestellte Fußmatte aus Kokos-Velours mit dem klassischen, international verständlichen Salve-Schriftzug. Es muß ja nicht jeder wissen, daß man den auch peinlich deutsch mit »Heil« übersetzen kann.

Die Umsätze lassen also hoffen - obgleich Bernd Kauffmann, 54, der elitär-verspielte Impresario des Kulturstadtprogramms, lange einen »Charme der Armut« hatte prophezeien müssen. Seitdem der Bund noch einmal 13 Millionen Mark für den vergleichsweise mageren Etat zugesagt hat, kann Kauffmann lockerer planen. Publikumslieblinge wie Anne-Sophie Mutter oder Yehudi Menuhin, Stars des internationalen Tanztheaters von Ismael Ivo bis Maurice Béjart, Trommeltruppen aus aller Welt, auch eine »Last Night of the Proms« oder im September eine Frankenstein-Reihe sollen die Kasse füllen.

Sperrigere, mehr auf den Ort bezogene Veranstaltungen erklärt der Event-Kauffmann gern zu einem »straffreien Versuch der Nötigung«. Eine australische Rap-Fassung von Goethes »Urfaust« oder das bisher nur als Arbeitstitel bekannte Theaterstück »Death, Destruction and Detroit III« von Robert Wilson und Umberto Eco, ein Abend mit Blödelstar Helge Schneider ("Goethe liest Helge") oder das von der Weimarer ACC-Galerie geschnürte Kunstereignispaket »Who the fuck is Wieland?« - vielleicht können solche Inszenierungen ja wirklich jemanden ärgern.

Zuvor allerdings provozierte Kauffmann ausgiebig Weimars Bürger. Und einmal immerhin behielten sie das letzte Wort: im »Buren-Krieg«. Kauffmanns Plan, den bislang spießbürgerlich zugeparkten Rollplatz vom französischen Design-Künstler Daniel Buren mit einem kleinen Wald von Stelen schmücken zu lassen, löste einen Volksaufstand samt Unterschriftensammlung aus und wurde bald darauf im Stadtrat abgewiesen.

Ungewollt aber schaffte das Buren-Palaver Spielraum für andere verschmockte Gags aus Kauffmanns Erlebniskulturbeutel. Zwar wettern auch jetzt noch einige Unentwegte wie der Weimarer Verein »Grüne Schlange« gegen die Geldverschwendung der »Kulturstadt GmbH«. Doch nur periodisches Tamtam und Blickfänger, das weiß Kauffmann viel zu gut, werden die bislang kleinste Kulturstadt Europas in den Medien präsent halten.

Nichts mehr also gegen die exakte, wenn auch um den Unterbau verkürzte Kopie von Goethes Gartenhaus im Ilmpark, die Anfang März enthüllt werden soll. Nichts gegen die 1999 Lesungen aus einem von Fall zu Fall aufgestellten »Goethe-Chair«. Nichts auch dagegen, daß in den Höhlen im Ilmhang, wo einmal Goethes Sohn August Versteinerungen suchte und nun NS-Luftschutzkeller zu besichtigen sind, im Juni eine Klang-Aktion samt Lesungen aus Schillers Balladen stattfinden wird. Die Kritik ist verstummt, selbst gegen den Plan, Wolkenzeichnungen von Goethe im Konzentrationslager Buchenwald auszustellen.

»Gezeichneter Ort« soll die Schau heißen, die den Sehnsuchtsblick der Gefangenen und Gefolterten über die Lagerzäune hinweg in den naturwissenschaftlich gemeinten Skizzen des Dichters spiegeln will. Irgendwie mußte ja Buchenwald, das Mahnmal deutscher Schande auf dem Ettersberg, mit dem Festivalprogramm vernetzt werden. Keine Weimar-Kür ohne Buchenwald-Pflicht.

Von Schloß Ettersburg, dem Lustort goethezeitlicher Freizeitkultur, bis zum Appellplatz des Lagers ist darum eine »Zeitschneise« durch den Wald geschlagen. Übers Jahr eingeladene junge Menschen aus den USA, Israel und mehreren Ländern Europas sollen im Projekt »Planet Buchenwald - Deep Space Weimar« ihren Landsleuten die prekäre Nachbarschaft von Hochkultur und Massenmord erläutern. Und von Mai an wird das Schillermuseum Möbel aus dem Weimarer Haus des zweiten Ortsheiligen zeigen - in Kopien, die Häftlinge aus Buchenwald zimmern mußten.

»Die Stadt ist ja regelrecht perforiert von dem Nazi-Zeug«, sagt Museumschef Rolf Bothe, der seinen Beitrag, eine Bilderschau namens »Aufstieg und Fall der Moderne«, ebenso Anfang Mai präsentieren will. Im letzten Teil der Ausstellung sollen Dutzende von NS-Gemälden und stalinistischen Arbeiten die perfide Biederkeit vorführen, vor der gerade in Weimar frühzeitig Expressionisten, Bauhäusler und andere Avantgardisten fliehen mußten. Zu sehen sein wird das Ensemble von braunem und rotem Kitsch am passenden Ort: im ehemaligen NS-Gauforum, das nach dem Krieg umgehend vom sozialistischen Apparat vereinnahmt wurde.

So bringt das Kulturstadtjahr und seine angebliche »Sinn-Flut« ("Die Welt") das Städtchen mit dem allzu erdrückenden, faustisch zwiespältigen Erbe wieder dahin, wo es bislang auch schon war: ins Gedächtnis. Alles weitere wird nun davon abhängen, ob die Weimarer hinterher wie Doktor Faust ihre eigenen Kräfte sinnvoll nutzen.

Auf Hilfe von weiter oben sollten sie sich dann nicht mehr verlassen. Selbst das zeigt sich ungewollt gleich am Anfang von Michael Gruners seltsam symptomatischem »Faust«-Abend. Spielmacher Mephisto, der dunkle, gefallene Engel, mischt sich in der Prologszene frech auf Stelzen zwischen die lichtvoll singenden Erzengel. Doch als er dann mit dem obersten Chef etwas länger plaudern will, bekommt er plötzlich übers Handy nur noch die leiernde Auskunft: »The person you are calling is temporarily unavailable.« JOHANNES SALTZWEDEL

* Probenfoto mit Jürgen Hartmann (Faust), Daniel Graf(Mephisto) und zweien der drei Erzengel.* Vor dem Deutschen Nationaltheater.

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