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Margarete Stokowski

Hakenkreuz an der Tür, tote Vögel im Briefkasten Der Hass wird brandgefährlich, wenn er das Netz verlässt

Margarete Stokowski
Ein Essay von Margarete Stokowski
Ein Essay von Margarete Stokowski
Wenn es nicht bei Beschimpfungen in sozialen Medien bleibt und die Wut in die analoge Welt schwappt, stehen Betroffene oft allein da. Weder Polizei noch Justiz sind ausreichend handlungsfähig. Was jetzt passieren muss.
aus DER SPIEGEL 2/2022
Kommentar im Netz

Kommentar im Netz

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Thomas Trutschel / photothek / IMAGO

Wenn man über die polarisierte Gesellschaft und den öffentlichen Diskurs redet, landet man immer wieder beim Thema »Hass im Netz« – aber was damit gemeint ist, ist oft eigenartig unklar. Alle wissen – oder scheinen zu wissen –, dass »Hass im Netz« schlimm ist und schlimmer wird, Debatten schädigt und zur Spaltung der Gesellschaft beiträgt. Aber wenn es um die Details geht, ist die Kenntnislage bei Nichtbetroffenen oft eher dünn.

Ich habe das häufig bei Lesungen oder anderen Veranstaltungen erlebt, fast immer werde ich bei solchen Anlässen gefragt, wie ich als Autorin damit umgehe, dass ich von »Hass im Netz« betroffen bin. Die Fragen gehen dann meistens in die Richtung: »Wie ist das für Sie, was macht das mit Ihnen?« und »Was kann man dagegen tun?«

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»Wird sie uns etwas über Nervenzusammenbrüche erzählen?«

Zwei Punkte dazu: Was »es« mit »mir« macht, halte ich erstens nicht für den zentralen Punkt der Debatte. Das Interesse daran ist verständlich, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass diese Frage von einer gewissen Sensationslust getragen ist: Na, hält sie das aus? Wird sie uns etwas über Nervenzusammenbrüche und schlaflose Nächte erzählen?

Wird sie nicht. Sie kommt schon klar.

Und zweitens: Um wissen zu können, was man gegen »Hass im Netz« tun kann, muss man erst mal klären, worum es da geht.

Denn weder »Hass« noch »im Netz« sind selbsterklärend. Als ich auf einer Lesung sagte, dass ich das Meiste, was sich an Hasskommentaren unter meinen Texten oder Tweets oder in meinem Posteingang einfindet, einfach ignoriere und nur ab und zu mal jemanden anzeige, meldete sich ein Zuhörer, Typ Lehrer kurz vor der Pensionierung, und fragte: »Aber ist es nicht auch wichtig, Kritik ernst zu nehmen? Machen Sie es sich da nicht etwas leicht, wenn Sie das ignorieren?«

Aber es geht nicht um Kritik. Der Zuhörer wusste tatsächlich nicht, was ich meinte: nicht Leute, die eine andere Meinung haben als ich. Sondern Leute, die mir Beleidigungen oder Drohungen schicken: Texte darüber, wie sie mich vergewaltigen, erschießen, verprügeln, anzünden, aufhängen wollen. Dass ich eine gierige polnische Schlampe und eine eklige Zecke bin, dass ich hässlich bin und meine Eierstöcke verfault sind, dass sie hoffen, dass ich von Arabern vergewaltigt werde.

Aus: DER SPIEGEL 2/2022

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Der erste SPIEGEL erschien am Samstag, dem 4. Januar 1947. Die Medienwelt hat sich seither verändert: Vertrauen ist heute nicht mehr selbstverständlich, Fake News und Hate Speech beeinflussen die Debatten. Anlässlich des Jubiläums fragen wir: Was können, was müssen wir besser machen?

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Der Hass ist mir persönlich egal. Wenn man politische Autorin ist, gewöhnt man sich entweder daran oder man hört auf und macht etwas anderes. Ich habe mich daran gewöhnt. Man macht diesen Job nicht, um möglichst beliebt zu werden; da gäbe es Erfolg versprechendere Wege. Wenn man so etwas sagt, denken Leute oft, man wolle nur besonders abgebrüht klingen, aber es stimmt. Altenpflegerinnen gewöhnen sich, soweit ich weiß, ja auch daran, mit Exkrementen zu tun zu haben.

»Hass im Netz« bleibt nicht notwendigerweise »im Netz«

Was man aber nicht ignorieren kann, ist, wenn Leute ankündigen, dem Hass Taten folgen zu lassen. Und damit sind wir bei einem zentralen Problem: »Hass im Netz« bleibt nicht notwendigerweise »im Netz«. Das wird spätestens dann klar, wenn sich Menschen auf Telegram zu Fackelmärschen vor Häusern verabreden oder live streamen, wie sie jemandem am Arbeitsplatz »besuchen« und belästigen.

Ein häufiger Ratschlag an Leute, die sogenannte Shitstorms erleben, ist: Mach doch mal das Handy aus. Ein weiterer Ratschlag: Zeig die doch einfach an, wenn sie dich beleidigen oder bedrohen. Das erste Problem daran: Beide Ratschläge widersprechen sich. Wenn man jemanden anzeigen will, muss man alles dokumentieren, man braucht Links zu Postings und Profilen und zusätzlich Screenshots. Das kann man nicht zusammenstellen, wenn man »einfach mal das Handy ausmacht«.

Und das zweite Problem: Es geht nicht weg, wenn man wegguckt. Im Zweifel kann es sogar gefährlich werden, wenn man nicht mitbekommt, dass Leute einen Angriff ankündigen oder die Wohnadresse veröffentlichen. Sogenanntes Doxing ist längst ein zentraler Bestandteil von »Hass im Netz« geworden: die Veröffentlichung privater Daten einer Person, also etwa von Politiker:innen oder Journalist:innen, gegen deren Willen, zwecks Einschüchterung. Dabei kann es um die Wohnadresse gehen, aber auch um die Telefonnummer, Mailadresse, Auto und Autokennzeichen, die Namen der Kinder oder anderer Familienmitglieder, oder Orte, an denen die Person oder ihre Familienmitglieder sich häufig aufhalten.

Spätestens wenn man Opfer von Doxing wird, ist der »Hass im Netz« nicht mehr nur im Netz. Denn dann kann es passieren, dass man, um ein paar Beispiele zu nennen: am Tag zwanzig Pizzen geliefert bekommt, die man nicht bestellt hat, oder dass jemand vor der Tür steht und Sturm klingelt, oder dass man tote Vögel und Hundekot im Briefkasten findet, Graffiti im Treppenhaus, ein Hakenkreuz an der Wohnungstür und so weiter. Das ist eine Auswahl der Dinge, die Journalist:innen oder Aktivist:innen, die ich kenne, in den letzten Jahren passiert sind.

Das kann für Betroffene die Folge haben, dass sie umziehen, den Job wechseln, eine Kamera am Hauseingang installieren oder die Familie warnen, dass merkwürdige und unangenehme Dinge passieren könnten. Oder all die kleinen, aber sehr nervigen und oft teuren Dinge, die den Alltag erschweren: den Namen am Klingelschild ändern, nichts mehr nach Hause bestellen, um die eigene Adresse zu schützen, alle Post an ein Postfach umleiten, die Wohnungstür verstärken.

Polizei und Justiz so schulen, dass sie Betroffene ernst nehmen

Wer das noch nicht erlebt hat, wird wahrscheinlich denken: Ja, aber bei so was geht man doch zur Polizei! Ja, sicher. Oft geht man dann zur Polizei. Allein: Die tut nicht immer was. Teils weil sie nichts tun kann, und teils weil das Problem nicht erkannt wird. Zusätzlich haben Betroffene von rechter oder rassistischer Gewalt nicht unbedingt ein gutes Gefühl dabei, zur Polizei zu gehen, wenn sie regelmäßig die Nachrichten verfolgen und wissen, wie oft rechtsextreme Chats von Polizist:innen auffliegen.

In einer Forsa-Umfrage im Frühjahr 2021 gaben 78 Prozent der Befragten an, strafrechtliche Verfolgung sei eine effektive Maßnahme gegen Hasskommentare. Nur: Zur tatsächlichen Strafverfolgung kommt es mitunter nicht, teils weil die Situation von den Ermittlern als nicht schlimm genug wahrgenommen wird, teils weil Verfahren schnell wieder eingestellt werden.

Deswegen wäre ein notwendiger Schritt im Kampf gegen Hass im Netz, das zuständige Personal in Polizei und Justiz in allen Bundesländern so zu schulen, dass Betroffene ernst genommen werden. Bis man selbst in der Situation war, glaubt man nicht, wie schlecht geschützt Betroffene sind. Als ich einmal eine konkrete Drohung anzeigte, in der mir meine angeblich bevorstehende brutale Vergewaltigung sehr explizit und brutal beschrieben wurde, ermittelte zwar die Staatsanwaltschaft. Allerdings lautete der Straftatbestand, unter dem man das Ganze einsortierte, nicht etwa Bedrohung, sondern »Verbreitung pornografischer Schriften«.

»Meiden Sie dunkle Gegenden«

Noch ein Beispiel: eine Sicherheitsberatung beim LKA, wegen akuter Bedrohungslage. Die Tipps, die ich bekam: »Posten Sie nicht Ihren Standort im Internet. Wenn Sie abends allein rausmüssen, nehmen Sie eine Taschenlampe mit. Meiden Sie dunkle Gegenden, in denen sonst niemand ist. Und wenn Ihnen etwas komisch vorkommt, rufen Sie die 110.« Ich kenne Dutzende solcher Erzählungen von anderen Journalist:innen. Manchen wird geraten, gar nicht mehr allein rauszugehen. Oder ab und zu unter ihr Auto zu gucken, ob da der von irgendwelchen Hatern angekündigte Sprengsatz zu finden ist.

Polizei und Justiz zu schulen, ist eine Forderung, die man leicht erheben kann. Aber natürlich können auch Einzelne etwas tun. Selbst unter Journalist:innen ist es nicht selbstverständlich, sich Betroffenen gegenüber solidarisch zu zeigen. Ich hatte schon Gespräche mit Kolleg:innen, die auf die Tatsache, dass ich mal wieder Morddrohungen erhalten hatte, mit Sätzen reagierten wie: »Also, ich bin ja nicht so wichtig, tja, mich bedroht ja keiner.« Oder: »Tja, das ist halt die andere Seite der Medaille, wenn man Bestseller schreibt, ne?«

Als wären Drohungen der Preis für Ruhm und Ehre. Alles daran ist falsch. Denn man kann natürlich auch Bestseller schreiben, ohne bedroht zu werden. Manchmal denke ich, in einer Welt, in der Aufmerksamkeit und möglichst große Followerzahlen manchen Leuten so unbedingt erstrebenswert scheinen, werden wir nie einen vernünftigen Umgang mit Hass im Netz finden.

Zwar wird Hass im Netz in den Medien häufig thematisiert, oft aber auch mit Formulierungen à la »es kann jeden treffen«. Das stimmt zwar theoretisch, faktisch aber nicht wirklich: Hass im Netz ist keine Naturgewalt, die ab und zu wahllos über Einzelne hereinbricht. Gewalt im digitalen Raum trifft Frauen, die sich öffentlich politisch äußern, häufiger als Leute, die Backrezepte auf chefkoch.de teilen.

Bisschen Psychohygiene zwischendurch

Man weiß aus anderen Umfragen auch: Jüngere sind öfter betroffen als Ältere, und wer im Alltag von Sexismus, Rassismus, Queer- oder Transfeindlichkeit betroffen ist, ist es im Netz auch. »Mädchen und Frauen erhalten viel heftigere Inhalte zugeschickt als Männer, etwa Vergewaltigungsandrohungen. Die sexualisierte Gewalt ist bei Frauen im Netz viel massiver«, sagt Anna-Lena von Hodenberg von »HateAid«, einer Beratungsstelle für Opfer digitaler Gewalt, in einem Interview. »Eine Frau, die heute in die Öffentlichkeit geht und sich politisch äußert, ist nicht mehr sicher.«

Im Moment ist es so, dass es zu wenige Anlaufstellen für Betroffene gibt, auch deswegen helfen sich Menschen, die beleidigt und bedroht werden, oft gegenseitig. Ich könnte nicht mehr an beiden Händen abzählen, wie oft sich schon Kolleg:innen an mich gewendet haben, wenn sie Anfeindungen erlebten. Manchmal kann ich dann helfen. Das ist aber eigentlich eine Aufgabe, die Arbeitgeber, Polizei und Justiz übernehmen müssten. Und es wäre eine Aufgabe der allgemeinen Bildung durch Medien.

Wer Angst hat, zu Hause angegriffen zu werden, löscht womöglich erst mal hektisch sämtliche öffentlich geposteten Fotos vom eigenen Balkon, das Schneefoto aus dem Schlafzimmerfenster, die Fotos der Kinder oder von der Stammkneipe. Wer schon länger beleidigt und bedroht wird, postet so etwas längst nicht mehr. Wer schon länger beleidigt und bedroht wird, weiß: Die Hauptaufgabe besteht darin, sich selbst zu schützen, anderen zu helfen und dabei – und das ist vielleicht das Schwierigste – nicht paranoid zu werden.

Ein bitterer Schluss, ich weiß. Um aber am Ende doch noch was dazu zu sagen, was »es« mit mir macht: Manchmal antworte ich den Leuten, die mich bodenlos beleidigen, und beleidige sie zurück. Bisschen Psychohygiene zwischendurch. Sollen sie mich von mir aus anzeigen – da passiert meistens eh nix.

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