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Film Haß und Wahn

aus DER SPIEGEL 2/1995

Vielleicht hat es sich wirklich so abgespielt. Vielleicht hat diese schreckliche Stille geherrscht, als die Teenager Juliet und Pauline im Juni 1954 einen Parkspaziergang mit Paulines Mutter machten. Vielleicht gab es diese unruhigen Blicke, die zwischen den Mädchen hin und her flogen, ihr Zaudern, schließlich den ersten Schlag auf den Hinterkopf der Mutter, die nicht ahnt, daß ihre eigene Tochter sie erschlagen will.

Vielleicht aber ist der Muttermord von Christchurch, einer biederen College-Stadt in Neuseeland, auch ganz anders abgelaufen. Wer will das heute noch sagen? Der Spielfilm, den der neuseeländische Filmemacher Peter Jackson nach dem authentischen Fall gedreht hat, maßt sich erst gar nicht an, nach vier Jahrzehnten den genauen Ablauf des Verbrechens zu kennen.

Zwar hat Jackson mit ehemaligen Klassenkameradinnen gesprochen, die Gerichtsakten und die Boulevardberichte gelesen. Auch zitiert er im Film aus den Tagebüchern Paulines, die damals die Polizei auf die Spur der Mädchen führten.

Doch trotz allem hat Peter Jackson, 33, alles andere als ein Doku-Drama gedreht. Bisher hatte er sich mit Werken wie »Bad Taste« und »Braindead« einen Namen als Splatter-Filmer gemacht - keine Voraussetzung für historische Akkuratesse. »Heavenly Creatures« speist sich denn auch aus ähnlichen Quellen wie das Splatter-Genre, eine Extremform des Horrorkinos.

Leidenschaften, sexuelle Energie, Seelenqualen, Racheträume - was sich in der surrealen Welt des Splatters im hemmungslosen Verspritzen von Körperflüssigkeiten entlädt, staut sich in der spießigen Wirklichkeit von »Heavenly Creatures« an, bis der Druck unerträglich wird. »Heavenly Creatures« ist ein nach innen gekehrter Horrorfilm.

Die hysterische Überdrehtheit, in die sich Pauline und Juliet in den _(* Mit Melanie Lynskey, Kate Winslet. ) Monaten vor der Tat hineingesteigert hatten, spiegelt Jacksons Film in einer Hysterie der Bilder wider. In kitschiger Jungmädchen-Ästhetik erwacht auf der Leinwand die Vorstellungswelt der beiden zum Leben.

Indem er ihre Träume zeigt, findet »Heavenly Creatures« Antworten auf die ungeklärten Fragen: Was war in die beiden hochintelligenten Teenager gefahren? Welcher Haß, welcher Wahn trieb sie an?

Es begann mit einer Freundschaft. Eines Tages taucht eine Neue in der Klasse von Pauline auf. Juliet (Kate Winslet) kommt aus England, ist blond, arrogant und weltgewandt. Das beeindruckt die trotzige, plumpe Pauline (Melanie Lynskey), die aus ärmlichen Verhältnissen stammt.

Bald kapseln sich die beiden Außenseiterinnen zusammen in einer Privatwelt ab. Sie verehren den Opernschmalzer Mario Lanza und erdichten erotisch und gewalttätig aufgeladene Schauergeschichten.

Auf die Enge der Beziehung reagieren die Eltern mit Angst und Strafe. Pauline und Juliet werden erst getrennt, dann soll Juliet außer Landes gebracht werden. Die verzweifelten Teenager verfallen auf einen irrwitzigen Befreiungsplan: Wenn Paulines Mutter stirbt, kann Pauline ihre Freundin begleiten.

Unaufhaltsam treiben die gnadenlose Vernunft der Alten und der romantische Wahn der Jungen aufeinander zu. Daraus entsteht die Spannung des Films und auch sein Schrecken.

Am Ende bleiben nur verletzte Menschen, lebenslang an der Seele Verwundete, und eine Tote.

* Mit Melanie Lynskey, Kate Winslet.

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