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»Hattu Möhren?«

aus DER SPIEGEL 6/1977

Ein deutsches Nachrichtenmagazinhäschen rief an ... Nachdem ein gewisser Dürer die deutschen Wohnstuben mit den »Betenden Löffeln« tapezierte, nach der Inauguration des Osterhasen im 17. Jahrhundert, wird das Land zwischen Maas und Memel, Etsch und Belt zum dritten Mal von dem Nagetier mit der gespaltenen Oberlippe, den zwei Schneidezähnen in jedem Kiefer und dem spiralig gefalteten Blinddarm überrollt. Das ist schon eine Kolumne wert! Nun, sei's denn:

Innerhalb der alten deutschen Reichsgrenzen hat sich in der Tat eine gemeinsame kulturelle Ebene gefunden. Die Hasen (Erfinder jener klassischen menschlichen Mißbildung) wetzen mit Charme die Scharten derer aus, deren Politik seit langem in der Grube sitzt und schläft: Häschen- (Leoporidae-)Witze sind ein kultureller Exportschlager der DDR. Biermann erzählte auf der Bühne auch einen: Ein Häschen wird von dem Stasi mit der Forderung gepiesackt: Gib zu, daß du ein Wildschwein bist ...

Der Prototyp wurde auf dem Festival des politischen Liedes im Februar 76 in Ost-Berlin verbreitet: »Hattu Möhren?« Der Apotheker verneint. Frage und Antwort wiederholen sich mehrmals -- je nach Geduld der Zuhörer. Nach Tagen hängt der Apotheker ein Schild ins Fenster: Möhren ausverkauft. Dann das Häschen: »Hattu doch Möhren gehabt ... »Kenner erkannten, wohin der Hase lief: Das Tierchen, das sich vorwiegend von Kräutern und Rinde ernährt, mußte dazu herhalten, die längst institutionalisierten »momentanen Versorgungsengpässe« zu glossieren, eine Variante der Verkäuferauskunft zu bieten: »Nein, Genossin, keine Apfelsinen gibt's nebenan -- wir haben keine Kartoffeln ...«

Das Modell-Häschen warf rasch Junge. Weinend sitzt es unter den Linden: »Ich habe meine Eltern verloren!« Ein Erwachsener: »Weine nicht' wir werden eine Suchmeldung durchs Radio geben!« Das Häschen: »Muttu Rias sagen, meine Eltern hören sonst nicht Es hatte sich als politische Witzfigur etabliert: »Hattu Biermann-Schallplatten?« »Nein.« Wenig später wird der Verkäufer abgeführt. »Hattu doch Biermann-Schallplatten gehabt ...«

Aber -- es hieße, dem Innovationstalent der DDR-Bürger zuviel Ehre anzutun, bezeichnete man sie als Erfinder der Rammler-Späße: In den amerikanischen Südstaaten kennt man Brother Rabhit seit langem. Segensreich wirkt er dort als das personifizierte Bimbo-Gelächter. Und der Flüsterwitz in Adolfs Imperium berichtete von den Häschen, die sich an der belgischen Grenze als politische Flüchtlinge melden: »Die Gestapo will alle Giraffen verhaften!« »Aber ihr seid doch gar keine Giraffen!« »Das machen Sie mal der Gestapo klar.

Zwar wäre es reizvoll, das Häschen als Typus in rassischer, soziologischer und kultureller Beziehung unter besonderer Berücksichtigung der mythischfolkloristischen Darstellungen primitiver Völker ausführlich zu würdigen, jedoch: Neue Witze liefert es ohne Zweifel nicht. Seit den Tagen, da man sein Geläuf zwecks Vortäuschung derber Männlichkeit in die Beinkleider stopfte. hat sich auf dem Gebiet nichts Neues ereignet.

Und so ist es kein Wunder, daß die des politischen Witzes total unkundigen Bundesrepublikaner den pfiffig-naiven Meister Lampe flugs in das Schema ihrer traditionellen Kalauer einpassen: »Hattu Platten? Muttu aufpumpen!« Der für solche Scherze vorgesehene Freiraum und die für dröhnendes Gelächter eingeplante Zeit werden allerorten kräftig genutzt; Schadenfreude macht uns wiehern. Häschens Dialog mit der Schnecke: »Hattu Haare?« »Nein.« »Hattu Ohren?« »Nein.« »Hattu Wimpern?« »Nein.« »Dann bittu Niki Lauda?«

Natürlich: Die professionelle bundesrepublikanische Humoristengarde äußert sich vorwiegend negativ über die Häschen-Witze: »Das Blödeste, was es je in Deutschland gegeben hat« (Carrell), »Kenne keinen« (Kulenkampff), »Entsetzlich« (Otto), »Düsteres Kapitel deutschen Humor-Niveaus« (Hallervorden). Dürften die Herren doch auf massive Schwierigkeiten stoßen, sollte es ihnen einfallen, derartiges in Fernsehen oder Rundfunk zu erzählen.

Kommerziell läßt sich die Welle also kaum nützen, ganz abgesehen davon, daß der Häschen-eigene Sprachfehler auch allzu hohe Anforderungen an die schauspielerischen Talente stellt, denn der Kinder-TV-Hase Cäsar ist unvergessen, und es bedürfte zur Wiederholung seines Erfolges schon eines Darstellers mit den physiognomischen Voraussetzungen eines Conny Ahlers.

Trotz der Bemühungen von Playboy-Hefner, den Stummelschwanz als Gütezeichen sexueller Raffinesse zu diffamieren, hat das Häschen seit seinem historischen Zusammentreffen mit dem Igel einen gewaltigen Aufschwung in Bildung und sozialer Stellung genommen, ohne jedoch bislang seinen französischen Kollegen erreichen zu können: Lièvre à la royale. Hier hattu Rezept:

Den Boden eines gußeisernen Topfes mit Gänseschmalz ausstreichen und eine Schicht Speckseheiben darauflegen. Das Häschen mit dem Rücken nach unten hineinbetten und mit Speckseheiben zudecken. Gelbe Rüben, Zwiebeln, Schalotten und reichlich Knoblauch um das Tierchen herum verteilen. Kräuter, Nelken, Rosmarin, Pfeffer und Salz dazu. Pulle Rotwein drübergießen, zudecken und bei schwacher Hitze drei Stunden köcheln lassen. Währenddessen die Häschen-Innereien mit Speck, Schalotten und Knoblauch mehrmals durch den Fleischwolf drehen. Das Häschen aus dem Topf nehmen und die Brühe mit dem Gemüse durch ein Sieb streichen. Mit den durchgedrehten Innereien und noch mehr Wein vermischen, die Masse wieder im Topf verteilen und das Häschen darin untertauchen. Noch mal zwei Stunden köcheln. Dann das mit Cognac verrührte Häschenblut in die Sauce kippen. kurz aufkochen und abschäumen.

Tip für notorische Sauerkrautfresser: Man ißt das Häschen keinesfalls mit der Gabel, sondern mit dem Löffel. Dem silbernen.

Hattu Hunger? Muttu mal probieren ...

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