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BLECHSPIELZEUG Hauen und Stechen

Liebhaber von Miniatur-Eisenbahnen und -Schiffen fiebern einem »Jahrhundertereignis« entgegen. In London wird diese Woche eine der größten Sammlungen der Welt versteigert.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Der Graf liebt keine Sentimentalitäten mehr. »Jetzt habe ich wenigstens wieder Platz an meinen Wänden für Bücher und Bilder«, sagt Antonio Giansanti Coluzzi, 74, für wenige Tage noch Besitzer einer der größten, ältesten und schönsten Sammlungen von Modelleisenbahnen. Regale mit Tausenden Lokomotiven und Waggons aller Fabrikate und Spurweiten hatten die Korridore und Salons seiner weißen Belle-Epoque-Villa in Lausanne gesäumt. Der Hausherr hatte sein Leben inmitten von Kindheitsträumen verbracht.

Vor drei Wochen wurden jedoch die Schätze, insgesamt 2,5 Tonnen Weißblech, im Auftrag des Londoner Auktionshauses Christie auf einen Lastwagen verladen und abtransportiert. Geschätzter Wert der Fracht: fünf Millionen Mark.

Am Donnerstag dieser Woche, wenn die Sammlung in London unter den Hammer kommt, wird der Auktionssaal in der Old Brompton Road einem riesigen Spielzeug-Eisenbahngelände gleichen. Die verschworene Zunft der Sammler von Blechspielzeug erwartet ein »Jahrhundertereignis": Niemals zuvor ist eine ähnlich kostbare und geschlossene Kollektion auf dem Markt angeboten worden. Rund tausend Modell-Fans, meint Christie-Experte Tom Rose, dürften um Lok und Tender kämpfen.

»Das wird ein Hauen und Stechen«, prophezeit der Sammler und Modell-Produzent Ernst Rudolf Klein aus Weinheim an der Bergstraße: »Besonders ein paar verrückte Schweizer werden ihr letztes Hemd hergeben.« Unter den 3000 Stücken befinden sich Raritäten, die manchen Interessenten um den Verstand und ein kleines Vermögen bringen könnten.

Auf einen Wert von 90 000 bis 120 000 Mark taxieren Experten zum Beispiel das Modell einer bulligen »Württemberg«-Lokomotive, die die Göppinger Firma Märklin 1912 für den Betrieb mit einer kleinen Dampfmaschine auf Spur 4 (Gleisabstand 75 Millimeter) herstellte. Bis zu 75 000 Mark dürfte die Dampflok »PLM Pacific«, gleichfalls Marke Märklin, von 1913 erbringen, die noch in ihrer Originalverpackung mitsamt der Gebrauchsanweisung für den »Spiritus-Vergasungs-Brenner« und der Garantieurkunde zu haben ist.

Als Hit unter den Bahnhöfen gilt ein 92 Zentimeter langes Gebäude mit elektrischer Beleuchtung, zwei Bahnsteigen und funktionstüchtiger Stationsuhr (60 000 bis 120 000 Mark).

Das vermutlich wertvollste Stück der Sammlung Coluzzi stammt jedoch aus einer Gruppe von Blechschiffen, die der Graf ebenfalls zusammengetragen hat - ein 117 Zentimeter langes Modell des Luxusdampfers »Kaiser Wilhelm der Große«. Der wassertaugliche Miniatur-Ozeanriese aus dem Jahr 1915 (Originalpreis: 196 Mark) könnte seinem neuen Besitzer bis zu 150 000 Mark wert sein.

Summen dieser Größenordnung wurden bislang noch nie für Blechspielzeug geboten. Den Auktionsrekord hält ein Liebhaber aus New York, der 1984 die Summe von 96 773 Mark für ein Märklin-Modell des ersten dampfgetriebenen Schienenfahrzeugs, der »Rocket«-Lokomotive einschließlich Vieh-, Personen- und Gepäckwagen, gezahlt hatte.

»In den sechziger Jahren wurde man noch verspottet, wenn man Blechspielzeug sammelte«, erinnert sich der Stuttgarter Spielzeugfan und Fernsehjournalist Hagen von Ortloff. Der seinerzeit mitleidig belächelte Spleen hat sich inzwischen vor allem in der Bundesrepublik zu einer Art Geheimwissenschaft entwickelt.

Sammler Klein glaubt, daß er 4000 bis 5000 Kollegen hat, die jährlich mindestens 100 000 Mark in ihr Hobby investieren. Manager von Märklin, der größten und ältesten Blechspielzeug-Schmiede, schätzen die Zahl der heißen Interessenten auf weltweit rund 50 000 - bereits ein Viertel des Firmenumsatzes (150 Millionen Mark) werde im Geschäft mit der Gemeinde der Modell-Bewunderer erzielt.

Für Graf Coluzzi begann alles an einem Julitag des Jahres 1923 am Strand der Cote d'Azur, wo der italienische Diplomatensohn alljährlich die Ferien verbrachte. Ein Spielkamerad zeigte ihm einen Märklin-Katalog, in dem ein Modell des legendären »Train Bleu« angepriesen wurde. Diesen Luxuszug von Paris nach Nizza und Ventimiglia bewunderte der achtjährige Junge jeden Morgen, wenn er unweit seines Ferienortes Cap d'Ail aus einem Tunnel donnerte.

»Es war um mich geschehen«, erinnert sich der Graf. Fortan drückte er sich die Nase an den Auslagen der vornehmen Spielzeuggeschäfte platt und wünschte sich nichts sehnlicher als den Märklin-Expreß. Und sein Traum ging in Erfüllung: Zwei Jahre später beglückte ihn Ex-König Ferdinand von Bulgarien, der ein Freund der Familie Coluzzi war, mit seiner ersten »Train Bleu«-Lok.

Vollends der Spielzeugromantik verfiel der Graf aber erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Er hatte seine Banker-Karriere abgebrochen und eine Handelsfirma für Modelleisenbahnen ("Fulgurex") gegründet. 1950 meldete sich ein Klavierbauer auf eines von Coluzzis Suchinserate und verkaufte ihm seine Kollektion, mit der er als Schausteller durch Vorkriegsdeutschland getingelt war. Für etwa 4000 Mark erwarb der Graf 60 Lokomotiven, Eisenbahnwagen aller Varianten, Blechbahnhöfe und Signalanlagen. Der Grundstock seiner Sammlung war gelegt.

»Er hat den Preis immer rigoros hochgetrieben«, erinnert sich der Weinheimer Modellbauer Klein. Ob auf breiter oder schmaler Spur, ob von einem Federwerk, einer Dampfmaschine oder einem Elektromotor getrieben, ob aus amerikanischer, britischer, französischer, italienischer oder deutscher Produktion - der Graf sicherte sich mit Besessenheit, was ihm in die Hände fiel. Nur eine Bedingung wurde dabei stets beachtet: Die Miniaturen mußten aus Blech gefertigt sein.

Als die Herstellerfirmen in den sechziger Jahren dazu übergingen, die Gehäuse ihrer Modelle aus Kunststoff zu pressen, urteilt er, hätten sie nur noch »Basarartikel« gefertigt. Es fehlte der sinnliche Reiz, das stolze Wohlgefühl, das ihn überkam, wenn er eine seiner schweren Loks in Händen hielt.

Die Blech-Börse konnte Coluzzis Sammlerwut ohnehin längst nicht mehr befriedigen. Seine Handelsfirma begann, maßstabgetreue Modell-Lokomotiven in kleinen Serien herstellen zu lassen - feinmechanische Meisterwerke, bei denen jede Niete an der richtigen Stelle zu sitzen hatte.

Doch mit diesem ehrgeizigen Unternehmen habe sich der Graf schließlich übernommen, munkeln nun die Branchenkenner. In finanzielle Schwierigkeiten geraten, sehe er sich also gezwungen, seine prächtige Sammlung versteigern zu lassen. Coluzzi hingegen beteuert, sein hohes Alter sei der Grund dafür.

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