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Bücherspiegel Haut für die Stadt

aus DER SPIEGEL 24/1994

»Schamlosigkeit«, »Inzest«, »Liebeserklärung an den eigenen Vater« - ein hübscher Schlagzeilenskandal hing in der lauen Sommerluft, als Alissa Walser 1992 für ihre Erzählung »Geschenkt« den Hauptpreis des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs gewann. Die schreibende Malerin, so schien es, hatte ziemlich skrupellos ihren berühmten Vater, den Schriftsteller Martin Walser, in eine delikate Schlüssellochperspektive gezwungen, die - subtil, aber deutlich - zwischen Tochter und Vater ein Telefonsexnetz zittern ließ.

Alissa Walser, 33, mußte damals den autobiographischen Charakter der Erfolgsgeschichte so oft bestreiten, daß sie nun auch den Prosaband, den diese Geschichte eröffnet, unter dem trotzigen Dementi-Titel »Dies ist nicht meine ganze Geschichte« publiziert - damit das ein für allemal klar ist.

Natürlich ist es überhaupt nicht klar: Die junge, schöne, zeichnende, körper- und samenbesessene Dame, die in diesen Bruchstücken eines Liebesromans von sich erzählt, hat mit ihrer leibhaftigen Autorin so wenig zu tun wie die Romanfigur Anselm Kristlein mit ihrem bürgerlichen Urheber Martin Walser - eben sehr, sehr viel. Und der Leser dieser höchst artifiziell aufgefächerten und verspiegelten Impressionen und Episoden darf oft nur ahnen, ob das Ich, dem er folgt, nun gerade in Istanbul oder Frankfurt weilt, und ob »der Geliebte« nun Georg, Karl, Raphael, Ercan oder Lester heißt.

Irgendwie nehmen in diesem Buch Freizeit und Ferien kein Ende. Und die schnelle Schoßnummer mit dem schönen Fremden am Flughafen (ein Tagtraum) verschwimmt seltsam mit dem Beischlaf im bahnhofsnahen Kakerlakenbett (real) wie allenthalben der Schweiß mit dem Samen. Aber all das nimmt der Leser nicht krumm: Das leicht lüsterne Kameraauge der Erzählerin, dem hergebrachten Männerblick auf weibliche Rundungen durchaus ebenbürtig, holt noch aus der schwülsten Schmuddelecke ein scharf konturiertes Bild. Allein dieser Blick kratzt vom Ferienszenario die Prospektfarben und gibt der lakonischen Sprache die großstädtischnervöse Modernität.

Diese Sprache möchte sich im heißen Staub des Lebens suhlen, getreu dem Geständnis der Ich-Erzählerin: »Am liebsten würde ich mich auf die Straße legen.« Sie sagt es, kurz nachdem zwischen ihren Schenkeln »Lester in Raphaels Samen« gebadet hat. Doch verderben der Literaturkokotte immer wieder prätentiöse Sätze wie »Ich biete der Stadt meine Haut« das Spiel. Sie sind mehr Stube als Staub.

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