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MÖBEL Haut und Haare

aus DER SPIEGEL 38/1964

Filmproduzent Horst Wendlandt ("Schatz im Silbersee") überschlägt die Erfolgsbilanz seiner Karl -May- und Edgar-Wallace-Lichtspiele in einem schwarz-ledernen Luxus-Sessel, Modell »Napoleon«, aus Frankreich.

Filmregisseur Helmut Käutner ("Der Traum von Lieschen Müller") studiert seine Drehbücher auf einem mit Zebrafell bezogenen Sofa.

Filmschauspieler Boy Gobert ("Der Rest ist Schweigen") lernt seine Rollen in einem ledernen »Lounge Chair« aus Amerika.

Doch die neue Welle prunkvoller Heimgestaltung hat nicht nur die Filmwelt erfaßt. Dem Beispiel der Film-Prominenz eifern mittlerweile weite Kreise der bundesdeutschen Bevölkerung nach: Ein ganzes Volk zieht zum Leder.

Einst galt der Lederrücken hinter der Glasscheibe des Bücherschrankes als erstrebenswert. Der Lederjacke folgten Glanzlederhose und Lederrock und unlängst der lederne Bikini. Im Jahre 1964 ist gegerbte Tierhaut die bevorzugte Sitzgelegenheit bundesdeutscher Erfolgsbürger.

Möbelgeschäfte und Einrichtungshäuser durchzieht ein Geruch, der früher nur Sattler- und Kofferläden eigen war. In den Schaufenstern verdrängen Bänke, Sessel und Hocker mit Leder- oder Fellbezug die mit bunten Textilien bespannten Sitzmöbel. Und in großformatigen Anzeigen in Tageszeitungen und Wohnkulturzeitschriften werden »lederüberzogene Supergarnituren mit allen Schikanen« angepriesen.

Ausladende, auf einer federnden Chromkonsole ruhende Ledersessel »Barcelona« (Entwerfer: Mies van der Rohe, Listenpreis: 1010 Mark), üppige »Lounge Chairs« (mit Fußhocker: 1770 Mark), von Charles Eames für die berühmte Herman-Miller-Collection in USA entworfen und in Deutschland in Lizenz hergestellt, und lederbezogene Sessel nach dem »Ei«-Entwurf des Dänen Arne Jacobsen (1180 Mark) - noch vor wenigen Jahren »typische Beispiele für Repräsentation in hohem Sinne« (so die Formgestalterin Mia Seeger) - wurden zu Fernseh- und Kaminsesseln degradiert.

»Die 'Lounge Chairs' gehen neuerdings weg wie warme Semmeln«, sagt ein Abteilungsleiter des repräsentativen Einrichtungshauses »ID Innendekoration GmbH« in Berlin-Steglitz. Und der Juniorchef der renommierten Kölner Interieur-Firma Pesch KG glaubt, wie auch die Einrichter in Hamburg, Frankfurt und München, daß »Leder wieder sehr viel stärker in Benutzung genommen wird«.

Die westdeutschen Polstermöbel -Fabrikanten schwimmen auf der Leder -Welle. Die meisten der führenden Herstellerfirmen melden Umsatzrekorde:

- Die Alfred Kill GmbH in Stuttgart-Fellbach hat die Produktion von Lederpolstern seit Beginn des Jahres um das Vierfache gesteigert.

- Die Firma Eugen Schmidt GmbH, Darmstadt, hat ihren Lederverbrauch während der letzten Wochen verdoppelt.

- Die Firma G. Laauser & Co. in Großbottwar/Württemberg stellt in diesem Jahr 70 Prozent mehr Ledergarnituren her als im Vorjahr.

- Die Knoll International GmbH in Stuttgart (SPIEGEL 16/1960) bietet nunmehr fast jedes ihrer berühmten Sessel-Modelle auch mit Lederbezug an.

Importeure oder Lizenz-Hersteller ausländischer Modelle geraten zuweilen bereits in Schwierigkeiten, allen Nachfragen gerecht zu werden. Die Firma W. Fehlbaum, Weil am Rhein, die die Modelle der Herman-Miller-Collection in Lizenz fertigt, erklärte: »Wir können den Lieferwünschen kaum noch folgen.«

Einheimische Fabrikanten haben mittlerweile längst die erfolgreichen ausländischen Modelle mit geringfügigen Änderungen kopiert. Ledersessel wie beispielsweise der von »WK« produzierte »Mr. Chair« oder das Modell »Siesta« der Firma Hans Kaufeld, Brake bei Bielefeld - beides Kopien und erfolgreiche Rivalen des »Lounge Chair« aus der Miller-Kollektion - werden bereits ihrerseits wieder kopiert. Kommentar des Berliner Architekten und Stuhl-Designers Egon Eiermann: »Einer klaut vom andern. Die Sitzmöbelindustrie lebt ja vom gegenseitigen Diebstahl.«

Die Preise der Kopien sind kaum geringer als die der Originale. Ledersessel rangieren zwischen 1000 und 1800 Mark. Sofas bis zu 3500 Mark - und eine Garnitur aus Sofa und zwei Sesseln entspricht oft dem Wert eines Mittelklassewagens: Sie kostet zwischen 3500 und 10 000 Mark.

Doch auch für mindere Beträge läßt sich die westdeutsche Sucht nach lederner Repräsentation schon befriedigen. Neckermann und Quelle machen 's möglich. Mit Fell-Ersatz oder Skai bezogene Sessel (218 und 275 Mark), Sofas und Lederbänke (425 und 445 Mark) sollen vortäuschen, was nach Ansicht des Polstermöbel - Produzenten Otto Laauser Leder plötzlich so begehrt sein läßt: »Das Material wirkt vornehm und wertvoll.«

Ausgefallenen Repräsentationswünschen entsprechen Stühle wie der »TV Stratolounger« aus den USA (1000 Mark) - eine Skai-bezogene Sitzmaschine, die sich »automatisch der vollkommenen TV- und Ruhelage anpaßt« - oder die 3300-Mark-Version des »Siesta« -Stuhles (Slogan: »Eine Insel der Bequemlichkeit") der Firma Kaufeld. Die mit lederbezogenen Daunenkissen ausgelegte Schale dieses Modells ist aus Plexiglas gefertigt.

Während so ein Volk zum ledernen Sitzmöbel drängt, hält offenbar nur einer Maß - sein Kanzler.

Mitte dieses Monats liefert Fabrikant Fehlbaum 16 »Lobby Chairs« - ein bekanntes Leder-Modell aus der Miller-Kollektion (Standardpreis: 1041 Mark) nach Bonn. Doch auf ausdrücklichen Wunsch des Bundeskanzlers wurden die Sessel nicht mit Leder, sondern mit Stoff bezogen.

Lounge-Chair-Besitzer Gobert

Zebra-Sofa-Besitzer Käutner

Napoleon-Sessel-Besitzer Wendlandt

Repräsentation in hohem Sinne ...

Lounge-Chair-Kopie »Mr. Chair«

Lounge Chair der Herman-Miller-Collection

Lounge-Chair-Kopie »Siesta«

... vor dem Fernsehschirm und dem Kamin

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