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Gestorben Hebe de Bonafini, 93

aus DER SPIEGEL 48/2022
Foto: Sergio Goya / picture-alliance / dpa

Ihr Sohn Jorge verschwand Anfang 1977, Raúl einige Monate später. Beide waren keine 30 Jahre alt und politisch links engagiert. Die Hausfrau Hebe de Bonafini suchte in ganz Buenos Aires nach ihren Kindern, so wie andere Mütter damals, zu Beginn der blutigen Militärdiktatur in Argentinien. Sie trafen sich auf der Straße, demons­trierten bald wöchentlich auf der Plaza de Mayo, direkt vor dem Präsidentenpalast, und forderten ihre Kinder zurück. Die ehemalige Näherin Bonafini wurde innerhalb kurzer Zeit zur Galionsfigur einer neuen Menschenrechtsbewegung, der »Madres de Plaza de Mayo«. Tausende Regimekritiker – oder solche, die dafür gehalten wurden – verschwanden unter der Herrschaft von Jorge Videla, wurden gefoltert, ermordet. Auch Bonafinis Söhne tauchten nie wieder auf. Nach dem Ende der Diktatur kämpften die Madres weiter um Aufklärung und Gerechtigkeit. Bonafini kritisierte die demokratisch gewählten Regierungen nach 1983 immer wieder lautstark wegen deren – in ihren Augen laxen – Umgangs mit den Tätern. Erst die Regierung Néstor Kirchner ab 2003, die die Prozesse wieder aufnahm, fand ihre Zustimmung. Im Laufe ihres Lebens radikalisierte sich Bonafini, 2001 zeigte sie Verständnis für die Terror­anschläge in New York. Richter des Obersten Gerichtshofs beschimpfte sie 2010 als »Dreck­säcke«. Im Mai gab sie ein Interview, Aktivistin bis zuletzt: »Unser Kampf wird weitergehen, das argentinische Volk wird ihn fortsetzen.« Hebe de Bona­fini starb am 20. November in La Plata; es wurde eine dreitägige Staatstrauer angeordnet.

isb
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