Zur Ausgabe
Artikel 53 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

NS-AKTMALEREI Hehre Mission

aus DER SPIEGEL 19/1965

Der Führer Adolf Hitler, der in seiner Frühzeit und Freizeit selber Architekturen aquarelliert hatte, liebte Aktbilder in der Manier der Florentiner Frührenaissance: zarte Frauenfiguren mit schlanken, ätherischen, aber festen Formen an allen anatomisch wichtigen Stellen.

Aber der Führer litt mit dieser Liebe. Denn nicht ein malendes Mitglied der »Reichskammer der bildenden Künste« war imstande, des Führers formale Forderungen zu erfüllen - nicht einmal Adolf Ziegler, Kunstkammerpräsident und NS-Deutschlands bekanntester Nuditätenmaler. Hitler vor einem Ziegler-Bild: »Die haben doch keinen richtigen Busen. Botticelli, ja, der verstand es.«

Dieser Seufzer entrang sich der Führerbrust stets aufs neue. Um Hitlers Kunstverstand zu beschäftigen, war es im Haus der Deutschen Kunst (jetzt: Haus der Kunst), in München üblich, die Gemälde nach Motiven zu sortieren. Der Führer aller Deutschen betrat dann den mit nackten Ölmaiden gefüllten Saal, musterte sie mit Feldherrnblick und sprach: »Es ist entsetzlich. Unsere Kunstschaffenden können keine Busen machen.«

Die so gerügten Künstler ließen sich indes nicht beirren. Sie produzierten Akte en masse, und die Nachfrage schluckte stets das Angebot: Beflissene NSDAP-Dienststellen pflegten ihre Wände mit den Vorlagen rassisch einwandfreier Körper zu behängen.

Schließlich sorgte der Führer selber für die Verbreitung der Kunst im Reich. In einigermaßen regelmäßigen Abständen verkündete er, wie deutsche Kunst auszusehen habe: sie sei »heilige Mission« und »hehre Verpflichtung« und voll »gesundem Empfinden«. Deutschlands ranghöchster Kunstkritiker Hitler verdammte die »artfremden« Expressionisten ("Gestammel von krankhaften Scharlatanen") wie überhaupt »Modernes«.

Nur über die Aktmalerei äußerte Hitler sich öffentlich nicht. Über das Unvermögen seiner unfähigen Busenmaler klagte er intern, und nachts ging er mitunter, begleitet vorn Leibphotographen Heinrich Hoffmann, ins Haus der Deutschen Kunst, um eingesandte Bilder für die nächste Ausstellung auszusuchen. Immer wieder Botticelli beschwörend, stellte er die Akte, die ihm mißfielen, eigenhändig beiseite.

Was der Führer einst sortierte, wird jetzt von bundesrepublikanischen Kunstexperten neu gruppiert. In einem Keller der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München lagert ein Teil des Restbestands an Kunstartikeln aus vormals reichseigenem Besitz - jetzt unter der Verfügungsgewalt des Bundesschatzministers Dollinger.

Obwohl bislang »noch keine Entscheidung« gefällt wurde über »die Erbmasse, die man irgendwie verwalten muß« (so das Ministerium), sind die Bilder der eingekellerten Restesammlung bereits in drei Kategorien eingeteilt. In:

- »Museumsstücke« - darunter Werke von der Größenordnung Van Gogh oder Tizian. Sie sollen an Museen entliehen werden;

- »Neutrale« - darunter dritt- bis viertklassige Malerei, nicht unbedingt für Museen geeignet; und

- »Blut und Boden«-Bilder - darunter »Gegenstände mit typisch nationalsozialistischem Gepräge«.

Geleitet von Professor Martin, Generaldirektor a. D. der Bayerischen Gemäldesammlungen, prüft zur Zeit eine vom Bundesschatzminister berufene »Beratende Kommission«, ob die Bilder der ersten beiden Kategorien richtig sortiert sind und wie sie künftig verwendet werden können. Über die dritte Kategorie verlautet aus dem Bundesschatzministerium: »Was mit den Blut-und-Boden-Bildern geschehen soll, ist zunächst noch unklar.«

Zu diesen »Blubo«-Gemälden zählen auch zwei Akte (eine dunkelhaarige Lesende und eine blonde Sitzende) des prominentesten NS-Nacktmalers Adolf Ziegler. Der gebürtige Bremer, Jahrgang 1892, hatte Hitler bereits 1925 kennengelernt. Er durfte noch während der zwanziger Jahre die Tochter von Hitlers Stiefschwester Angela, die junge Geli Raubal, porträtieren, die sich 1931 erschoß.

Nach der Machtergreifung avancierte Ziegler zum Sachbearbeiter für Bildende Kunst in der Reichsleitung der NSDAP und - am 1. Dezember 1936 zum Präsidenten der Reichskunstkammer.

Der Meister der Nuditätenkunst war, so summiert der NS-Dokumente-Sammler Joseph Wulf, »einer der miserabelsten Künstler dieser Zeit, jedoch einer ihrer bedeutendsten Funktionäre"*.

Nachdem Ziegler sich auf Akte verlegt hatte, die im Haus der Deutschen Kunst stets an die besten Plätze gehängt wurden, reimten die Münchner Schwabinger:

Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach,

von Blut und Boden strotzet das Gemach,

und Zieglers nackte Mädchen sehn dich an was hat man dir, du arme Kunst, getan?

Zieglers nackte Mädchen wurden nicht nur aufwendig ausgestellt, sie wurden auch mit viel Aufwand dargestellt: Meist saßen sie in gespreizten Stellungen auf Empiremöbeln, drapiert mit blauen Tüchern oder Schleifen. Ihre Körper wirkten kraftlos, ihre Mienen einfältig. Die pornographisch-pedantische Genauigkeit, mit der Ziegler seine Akte malte, verhalf ihm im Volksmund zum Spitznamen »Meister des deutschen Schamhaares«.

Als Hitler das hörte, lachte er laut. Dann aber gebot er: »Ziegler ist der beste Fleischmaler der Welt.« Später, so sagte Hitler, wenn Deutschland den Erdball beherrsche, werde er Ziegler, dessen Kolorit unübertrefflich sei, schon noch beibringen, welche Formen ein weiblicher Körper haben müsse.

Erinnert sich des Photographen Hoffmann Tochter Henriette, damals Frau des Reichsjugendführers Baldur von Schirach: »Hitlers wirkliches Ideal waren mollerte (füllige) Madeln, wie man sie in der Linzer Gegend sieht; frisch und unkompliziert.«

Ziegler, der von Linz nichts ahnte, bedankte sich 1937 beglückt beim Reichsbauernführer Walther Darre für die Vermittlung eines Modells, einer »rassisch so vorzüglichen, jungen Holsteinerin«. Näher allerdings - auch geographisch - stand ihm die Tochter eines Würstchenbraters am Münchner Viktualienmarkt. Ziegler: »Die brauche ich zum Arbeiten, mit der geht's am besten.«

Da nicht einmal Adolf Ziegler Adolf Hitlers Sehnsucht nach gemalter Renaissance stillen konnte, hinkten die anderen NS-Aktmaler erst recht hintennach. Sie wußten nur, daß der Führer den Reichskunstkammerpräsidenten hoch favorisierte - und deshalb bildete sich rasch eine Gruppe von Ziegler-Epigonen, genannt »Nachziegler«.

Diese Nachziegler pinselten forciert fleischfarben, statteten die Drapierungen mit kühlen Tönen aus, ließen ihre Modelle völlig unnatürliche Posen einnehmen und drückten ihnen schließlich

- nachdem Ziegler eine Terpsichore mit goldenem Stöckchen bewaffnet hatte - Speere und ähnlich langstielige Gegenstände in die Hände. Die Epigonen -Akte haben oft große Füße und fast immer dumme Gesichter.

Eine kleine Gruppe allerdings mochte nicht in diesem Pseudo-Neoklassizismus malen. Sie orientierte sich an den Meistern Tizian und Makart und strebte die populäre Schlafzimmerkunst an. Die ruhenden Göttinnen von der venezianischen Renaissance bis zur Gründerzeit als Vorbilder betrachtend, malten sie mit warmen Farben schöne, auf Sofas gelagerte Damen.

Von da war der Weg kurz bis zum schwülen Kolorit und Klima des Paul Mathias Padua, dessen »Leda mit dem Schwan« im Haus der Deutschen Kunst Zustimmung fand. Der NS-Dokumentator Wulf qualifiziert den Schwanenakt heute schlicht als »Zote«.

Ein Maler aber blieb damals beiden Schulen fern: Sepp Hilz aus Bad Aibling. Seine »Bäuerliche Venus« wir die Attraktion der Ausstellung von 1939. Goebbels kaufte sie für 13 000 Mark, und Hilz variierte fortan seine Erfindung: Nackte Mägde von rustikalem Körperbau, bekleidet mit einer Socke, einem Halsband oder einem Gürtel, verströmten vor stets ländlichem Mobiliar ihren Schollengeruch. Hilz heute: »Ich habe so gemalt, wie ich es für richtig hielt.«

Außer Hilzens muskulösen Bäuerinnen wirkten die NS-Akte aller Schattierungen auch auf den Führer -' der zeitlebens auf den Botticelli-würdigen künstlerischen Bodybuilder verzichten mußte - so, wie sie nicht wirken sollten: fade und steril. Denn der Kunstkammerpräsident Ziegler, selber unfähig, erotisch zu malen, duldete keine Konkurrenz. Und was Ziegler nicht tolerierte, kam nicht ins Haus der Deutschen Kunst.

Ziegler, ein stets sonnengebräunter, politisch brauner Schönling, führte in die NS-Hierarchie den weißen Smoking ein und ins germanische Bewußtsein den Begriff »Entartete Kunst«.

Er organisierte 1937 die so benannte und seither berüchtigte Ausstellung in München, nachdem er die »Werke der Verfallskunst« aus den deutschen Museen verbannt hatte. In der Ausstellung offenbarte Ziegler die »jüdische Rassenseele« und »das grauenhafte Schlußkapitel des Kulturzerfalls der letzten Jahrzehnte vor der großen Wende«. Ob solchem Fleiß lobte Hitler seinen Ziegler und verzieh ihm die nicht idealen Akte. Der Führer wurde von seinem Photographen getröstet: Als Heinrich Hoffmann das offenbar überdurchschnittliche Interesse Hitlers an Nuditäten bemerkte, stellte er für ihn einen Prachtband zusammen mit Akten aus allen Epochen, Vornehmlich aus der Florentinischen Renaissance.

Adolf Ziegler verlangte und bekam für seine Nackten fünfstellige Reichsmarksummen. Höhepunkt seiner künstlerischen Bemühungen war schließlich ein Fräulein, das nur mit einem Zylinder bekleidet war. Adolf Hitler schwankte zwischen Amüsement und Schock. 1943 stellte Ziegler zum letztenmal im Haus der Deutschen Kunst aus - dann fiel er in Ungnade und verlor seine Ämter. Nach dem Krieg wer er verschollen, 1949 wurde er in Hannover entnazifiziert und kam dabei gut weg: Seine Aktion »Entartete Kunst« wurde mit der Gruppe IV ("Mitläufer") quittiert. Zehn Jahre später starb der Vor- und Rekordläufer Ziegler bei Baden -Baden.

Seine Akte, einst »Inbegriff deutscher Kunst«, wurden 1945 als Souvenirs gehandelt, die meisten verschwanden in Amerika. Die nationalsozialistischen Akte hängen jetzt in amerikanischen Bürgerhäusern.

* Joseph Wulf: »Die Bildenden Künste im

Dritten Reich«. Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 416 Selten; 39,80 Mark.

Aktliebhaber Hitler (1939) im Haus der Deutschen Kunst: Es ist entsetzlich, unsere Kunstschaffenden ...

Botticelli-Akt »Geburt der Venus«

... können keine Busen machen«

NS-Aktmaler Ziegler

Das Ideal des Führers...

... waren mollerte Madeln aus Linz: Ziegler-Akte »Terpsichore«, »Lesende«, Hilz-Akt »Bäuerliche Venus«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 53 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.