Heidi Klum: Selbstinszenierung im Elfenbeinwurm

Heidi Klum: Selbstinszenierung im Elfenbeinwurm

Foto: Gotham / FilmMagic / Getty Images
Samira El Ouassil

Selbstinszenierung und Schönheitsnormen Der Body-Horror der Heidi Klum

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Model-Iiihhhkone Heidi Klum im Wurmkostüm: So peinlich ihr Halloweenauftritt auch war – klaustrophobisch in Form gepresst versinnbildlicht sie doch perfekt das enge Korsett der Fashionwelt.
Zur Person

Samira El Ouassil, 1984 in München geboren, ist Schauspielerin und Autorin. Für ihre medienkritische Kolumne »Wochenschau« auf uebermedien.de wurde sie mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet. Jüngst wurde sie vom »Medium Magazin« zur Kulturjournalistin des Jahres gekürt. Im Oktober 2021 veröffentlichte sie zusammen mit Friedemann Karig den Bestseller »Erzählende Affen«.

Halloween ist nicht nur ein mittlerweile mehr oder weniger protestlos adaptiertes wie gesellschaftlich akzeptiertes US-amerikanisches Konsumhappening für Menschen, denen das Oktoberende bislang zu wenige Feiertage bot (oder möglicherweise zu viele eintönige religiöse). Sondern für namhafte Prominente ist es anscheinend die einzige Möglichkeit, zumindest einmal im Jahr den verschiedenen Aggregatzuständen ihrer permanenten Selbstinszenierung zu entfliehen, um endlich mal zwei Dinge ungestraft in aller Öffentlichkeit auszuleben: Entweder sie gönnen sich eine komplette Verunstaltung der eigenen Persona, ohne als geschmacklos zu gelten, oder sie laufen noch sexyer herum als sonst schon, ohne dabei vulgär zu erscheinen. Der Model-Iiihhhkone Heidi Klum ist in diesem Jahr auf ihrer eigenen Party in New York tatsächlich beides gelungen.

Ihr nun bereits seit zwei Jahrzehnten stattfindendes groteskes Get-together musste aufgrund der Pandemie die letzten zwei Jahre ausfallen. In diesem Jahr wurde es mit einem beachtlichen Aufgebot an Prominenten wiederbelebt. Unter den Gästen beispielsweise der aktuell viel diskutierte Twitter-Käufer Elon Musk, in einem Kriegerkostüm (»Devil’s Champion – Leather Armor Set«; das offenbar 937,5 blaue Twitter-Haken kostete), das regelrecht darum bettelte, zum Meme zu werden.

So wie mancherorts beim Karneval oder Fasching für ein paar Tage zu bestimmten Konditionen die Regeln des gewohnten Geschmacks gelockert werden und dabei neben Clown, Pirat, Tier- oder Märchenfiguren auch mal mehr, mal weniger aufreizende Kostümierungen zum Einsatz kommen – wie z. B. Stripper oder Krankenschwester – würdigen manche routinierte Kenner den Halloweentag, indem sie sich nicht nur der Masse an Vampiren, Zombies oder bekannten Film- und Serienmonstern anschließen, sondern sich ohne Angst vor prüden Vorwürfen in Lack und Lingerie schmeißen, ohne dass übliche und alberne Slutshaming erfahren zu müssen – es handelt sich ja schließlich um Verkleidungen.

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Im Wurm drin – Halloween-Biga

Foto: Evan Agostini / dpa

Vom sexy Hasen zur sexy Mülltonne

Da jedoch in diesem, im Erotischen fischenden Genre allmählich auch die gängigsten Figuren durchgespielt und zu Klischees wurden – wie z. B. die sexy Katze oder der sexy Hase – entwickelten sich ironische Brechungen, sprich Kostüme, denen man ansieht, dass sie die Sexyness und die Unsexyness irgendwie kombinieren wollen; also doch so ein kleines bisschen Schönheit zugunsten der eigenen Eitelkeit, aber nicht zu viel, um dabei zumindest so zu wirken, als nehme man sich selbst doch nicht so ernst. Die sexy Mülltonne, eine sexy Version von Bob der Baumeister oder einer Simpsons-Figur – gefühlt hat man im Laufe der Jahre schon alles gesehen, was sozial und popkulturell machbar ist und bestenfalls knapp an der Peinlichkeit vorbeischrammt.

In der Weiterentwicklung dieser vestimentären Stilblüten erscheint die ehrliche diebische Freude an einer Selbstverunstaltung nur konsequent. Wenn bekannte Persönlichkeiten nun im Rahmen ihrer Selbstvermarktung entscheiden müssen, wie sie sich an diesem einen Tag verpacken, an dem auf textiler Ebene nahezu alles erlaubt ist, dann gehen viele den für ihre gewohnte Marke sicheren Weg und versuchen auch im Verkleiden attraktiv und begehrlich zu bleiben. Makellose, optimierte Werbekörper, die auch am Tag des Monsterseins makellose, optimierte Werbemonster bleiben – siehe z. B. die Kardashians  –, sind vorhersehbar wie ein Gruselkürbis. Es gibt jedoch auch Halloweenprominenz, die sich das Ansehen, das ihnen aufgrund ihrer Verkleidungskünste zuteilwird, hart erarbeitet haben. Und die Pumpkin-Queen des hässlichen Halloween, das muss man völlig wertfrei anerkennen, ist Heidi Klum.

An der Angel: Heidi Klum mit ihrem Mann Tom Kaulitz

An der Angel: Heidi Klum mit ihrem Mann Tom Kaulitz

Foto: Taylor Hill / Getty Images

Ästhetisierung des Ekligen

Was Weihnachten für die Sängerin Mariah Carey und ihre Musik ist, ist Halloween für das Mannequin Klum und ihre kuriosen Kostüme. Sie hat dieses Spiel, die Erwartungen rund um ihre Normschönheit zu brechen, auf dieser, ihrer Party zu einer eigenen Challenge erhoben und sich immer wieder erfolgreich selbst überholt. Egal, ob sie sich als gealterte Version ihrer selbst präsentierte, in Oger-Form als Prinzessin Fiona aus »Shrek« – oder nun in diesem Jahr in ihrem wahrscheinlich bislang eindrücklichsten Kostüm: als menschengroßer Regenwurm. Die ausnehmend befremdlichen Bilder der monströsen Gestalt aus Schaumstoffschichten und Schleim, welche aus dem Body-Horror-Paralleluniversum eines David Cronenberg- oder Tim Burton-Films entstammen könnte, gingen viral. Diese Irritation auf dem glamourösen roten Teppich überzeugte durch ihr beherztes Zugeständnis ans Ekelige. Ihr Mann, der Musiker Tom Kaulitz, war hierbei Teil der Paarinszenierung, als einäugiger Fischer hatte er seine Frau, den überdimensionalen Wurm, am Haken.

Monatelange Fittings, eine Ganzkörpermumifizierung, welche das Model nahezu unbeweglich machte und ambitionierte Interviews, die sie auf dem roten Teppich liegend und rollend durchführte (immer in der Rolle bleiben) – die Hingabe und Entschlossenheit, mit der sie ihre inszenierte Hässlichkeit auch diesmal wieder plante und performte, ringt mir bei aller Banalität und Irrelevanz dieser Veranstaltung doch irgendwie eine Art künstlerischen, ästhetischen Respekt ab. Und glauben Sie mir: Es wurmt mich, diese Inszenierung loben zu müssen (sorry, Roger Willemsen! Deine berühmte Klum-Kritik war nichtsdestotrotz frauenfeindlich), da ich kein Fan ihrer Arbeit bin.

Ihre Berufung als beständige Preisrichterin, die in ihren Sendungen falsche Schönheitsideale pusht, sexistische Motive reproduziert, ausbeutet und monetarisiert, dabei minderjährige Frauen sexualisiert, welche auf Laufstegen wie auf holprigen Fließbändern auf eine Marketingmaschinerie zulaufen, in der ihre Körper durchkapitalisiert werden müssen, um ein bisschen Wertigkeit abzuwerfen – natürlich vor allem für das Unternehmen Klum – ist ein ganz eigenes Genre des Body-Horrors. In meinem Lob für diese avantgardistische Verstörung steckt also leider doch ein ideologiekritischer Wurm (sorry not sorry, Heidi Klum).

Die Inszenierung des Abweichenden ist nicht so unbekümmert, wie es den Anschein hat. Es ist eine handwerklich beeindruckende Dekonstruktion der heteronormativen weiblichen Schönheitsstandards – welche Klum jedoch ironischerweise selbst den Rest des Jahres über propagiert. Dieser »Mut zur Hässlichkeit« kann also nur deshalb als mutig gelten, weil eine Model- und Werbeindustrie darauf angewiesen ist, die Angst vor dem Hässlichen das ganze Jahr über aufrechtzuerhalten. Die Abweichung vom Standard gilt als das gruseligste und Furcht einflößendste Kostüm.

Warum mich diese Selbstinszenierung im Elfenbeinwurm aus kulturellen, ästhetischen Gründen fasziniert und für einen gewissen Schauer sorgt: Diese klaustrophobische Selbstmumifizierung im Namen des Ungeheuerlichen versinnbildlicht hervorragend das metaphorische Korsett, das ihre Models permanent anhaben müssen. Fashion kommt doch auch von Fasching. Die eigentliche Verkleidung und der wahre Grusel finden das ganze Jahr über statt. Der größte Schrecken liegt darin, dass in der Zurschaustellung der kommerzialisierten Eitelkeiten auch ohne Halloween jeder Wurm seine Angler findet.

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