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MEDIZIN Heilung auf Distanz

Münchner Ärzten gelang die erfolgreiche Behandlung schwerer innerer Blutungen ohne Operation. Ihr Instrument: Laserstrahlen.
aus DER SPIEGEL 19/1976

Der Patient, ein Mann von 63 Jahren, lag kreidebleich im Bett der Intensivstation. Sein Blutdruck war bedrohlich gefallen, der Herzschlag stark beschleunigt. In die zerstochenen Ellenbogenvenen lief Spenderblut. Nach der vierten Blutkonserve innerhalb weniger Stunden wurde die Situation bedenklich: Was oben hereinlief, rann weiter unten heraus. Der Mann, am Magen operiert, verblutete nach innen.

Normalerweise hätte der Kranke nun noch einmal unters Chirurgenmesser gemußt -- mit schlechten Chancen: Bis zu 50 Prozent dieser gefürchteten Notfall-Eingriffe enden tödlich. Jeder zweite »Patient, im Schock und ausgeblutet, bleibt »in tabula« tot auf dem Tisch des Hauses.

Solche Stunden der Not sollen künftig seltener werden: In München entwickelte ein Team der II. Medizinischen Universitätsklinik ein Gerät, mit dem es gelingt, innere Blutungen ohne Operation zu stillen. Die Neuheit, eine Kombination aus japanischer Mikro-Technik und deutschem Laserlicht, rettete im Herbst vergangenen Jahres auch den sterbenden Magenkranken in der Münchener Klinik. Er überlebte.

Seither haben Dr. Peter Kiefhaber und seine Kollegen weiteren 47 Patienten auf die gleiche Weise geholfen. Durch Mund und Speiseröhre wird ein biegsames Sehrohr, das »Endoskop« 8, zum mutmaßlichen Ort der Blutung vorgeschoben.

Mit Fiberglas-Endoskopen, wie sie vornehmlich von japanischen Firmen produziert werden, können Speiseröhre, Magen, Zwölffingerdarm und Dickdarm eingesehen werden. Mit dem Endoskop gekoppelte Kameras können Farbaufnahmen vom Innern dieser Organe liefern, an dem Endoskop angebrachte Zangen Gewebsproben entnehmen. In München ergänzte der Bio-Physiker Günther Nath diese herkömmliche Ausrüstung durch einen »Lichtleiter«, der Laserstrahlen transportiert.

Im Extremfall können mit der im Laserstrahl gebündelten Energie Temperaturen wie auf der Sonnenoberfläche erzielt werden. Solche Superhitze hat bislang vor allem die Militärtechniker auf feurige Ideen gebracht. Im Heilwesen hingegen spielten Laserstrahlen, außer in der Augenheilkunde, bisher kaum eine Rolle.

Erzeugt wird der Infrarot-Laserstrahl von einem koffergroßen Apparat, den der Rüstungskonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm der Klinik »freundlicherweise« zur Verfügung stellte. Ganze 0,15 Millimeter dick ist die Quarzfaser ("Lichtleiter"), welche den Strahl um alle Ecken lenkt. Vor Ort kann der Arzt unter Sicht die Blutungsquelle auf den Punkt genau anpeilen.

»Der Laserstrahl«, rühmt Endoskopie-Doktor Kiefhaber, »ist in seiner Gewebswirkung genau und fein dosierbar.« Im Tierversuch erwies sich: Die »Eindringtiefe des Strahls« kann so variiert werden, daß nicht gleich ein Loch entsteht.

Nach einigen Sekunden »Einwirkungszeit« gerinnt vielmehr das austretende Blut, und der blutende Gefäßstumpf wird verschlossen. Anders als bei den herkömmlichen Elektrosonden, mit denen die Blutstillung bisher versucht wurde, arbeitet das Laser-Endoskop »berührungslos« -- der Arzt behält Distanz und Übersicht.

Kiefhaber, eine tiefe Grübelfalte quer über der Stirn: »Wir geben uns nicht der Hoffnung hin, in allen Fällen mit der Laserkoagulation endgültige Versorgung der Patienten zu erreichen.«

Als Fortschritt aber, weil »wirksamer, gewebsschonender und ungefährlicher« als andere Techniken, gilt die vom Bundesministerium für Forschung und Technologie geförderte Strahlkunst den Experten allemal. Das angesehene Fachblatt »Medical Tribune«, sonst eher sparsam mit Lob, wertete die Münchner Laser-Technik als »sensationelle Wende«.

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