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NS-KUNST Heim ins Restreich

Die USA geben über 6000 Stück Kriegskunst aus dem Dritten Reich zurück. Wem gehören die Schinken? *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Der Hauptmann und seine Soldaten arbeiteten nachts, ringsum fiel das Reich in Trümmer. Dann kam das offizielle Ende der Kampfhandlungen aber die Truppe machte weiter. Denn es galt besondere Heiligtümer zu retten.

Der Dienst an der Kunst begann am Bahnhof Frauenau im Bayerischen Wald. Nacht für Nacht entluden die Soldaten Güterwagen, auch nach dem Waffenstillstand noch. Sie schleppten Ölgemälde zum freiherrlichen Schloß. Dort, in den Kellergewölben des Freiherrn Hippolyt Poschinger von Frauenau, verstauten sie die Leinwandschinken. Der Güterzug war zwar auf seiner Reise in die Alpenfestung von amerikanischen P-47-Kampffliegern beschossen worden, aber die Gemälde hatten den Angriff unbeschädigt überstanden.

Dann kam der schwierigere Teil. Rolle um Rolle, Bündel um Bündel mußten Zeichnungen und Aquarelle, Skizzen, und Entwürfe tausendweise in Sicherheit, gebracht werden. Hauptmann Luitpold Adam und seine Helfer, auch seine Frau, der Baron und ein Forstlehrling taten mit, schleppten ihren Schatz über einen Bergpfad in eine entlegene Hütte nahe der tschechoslowakischen Grenze. Ihre Schätze verbargen die Retter der Kunst hinter zwölf bis sechzehn Zoll starken Holzbohlen im Dachstuhl. Zufrieden verließen sie das Versteck.

Am letzten Tag des Zweiten Weltkriegs, an dem in Europa noch geschossen _(unten: Gordon Gilkey (M.), Luitpold Adam ) _((r.). )

wurde, erschien dort ein Trupp versprengter Luftwaffensoldaten vor der Berghütte. Sie hatten Verpflegung, Frauen und Alkohol dabei. Das Kriegsende feierten sie mit einer ausgelassenen Party. SS-Männer wiederum, die durch die Wälder streiften, hielten in der Dunkelheit die feiernde Gesellschaft in der Holzhütte für Amerikaner und eröffneten das Feuer. Die Deutschen schossen zurück. es gab Tote. Die Hütte blieb unversehrt und mit ihr der zweifelhafte Schatz des Hauptmanns Adam. Erfreut notierte Anfang 1946 Captain Gordon W. Gilkey, der diese Details nach Kriegsende recherchiert hat, in seinem offiziellen Bericht als Angehöriger der US. Army Sondereinheit TWX 81902, daß eine größere Mäusefamilie die versteckten Bilder zwar mit einer Art Büttenrand verziert hätte, die Kunstwerke ansonsten aber trocken und gut erhalten seien. Gilkey, mit der Sicherstellung von Kunstwerken beauftragt, die später einmal für Historiker interessant sein könnten oder den Nazismus verherrlichten, beschlagnahmte die Bilder und ließ sie in die USA verfrachten.

In diesen Wochen kehrt die Kriegsbeute, professionell verpackt und zum Teil fachgerecht restauriert, per Luftwaffen-Boeing und Transall-Transportflugzeug heim ins Restreich. Im Bayerischen Armeemuseum zu Ingolstadt ist Ende April das erste Kontingent bereits eingelagert worden.

Die Rückführung ist die umfangreichste und, in mancher Hinsicht, umstrittenste Transaktion dieser Art seit Kriegsende. Die rund 6500 Stück NS-Kunst sind Hervorbringungen einer von Hitler persönlich geförderten und von höchsten Würdenträgern des Dritten Reichs liebevoll gepäppelten Sondertruppe. Diese »Staffel der bildenden Künstler« wurde 1942 als Teil der Nazi-Propagandamaschine gegründet und war ausersehen, nach dem Endsieg (und während des Krieges sowieso) vom Ruhm der deutschen Waffentaten zu künden und, »ein umfassendes Bild sowohl des Kriegsgeschehens als auch der verschiedenen Kriegslandschaften und ihrer Völkertypen« (so eine Studie der US. Army) zu vermitteln.

In der Staffel werkelten rund 150 bildende Künstler, die meisten beim Heer. Sie verewigten Handgranatenwerfer und MG-Schützen zwischen Nordkap und der Cyrenaika, Panjewagen und Panzerangriffe in Rußland und Polen, Fjordlandschaften, Kameradschaftsidyllen und den »Führer« im Kreis von Frontsoldaten.

Die Bilder zeigen mutige Kämpfer und tapfere Verwundete, der Tod finde kaum statt und Massensterben schon gar nicht. Bestenfalls ein paar Dutzend Gemälde und Zeichnungen, meist in den letzten Kriegsjahren gefertigt, lassen Einsichten ins Kriegsgrauen erkennen.

Der große Rest ist, wenn nicht gleich pure Blut-und-Boden-Kunst, so doch auf die Heroisierung des deutschen Soldaten angelegt - kein Wunder: Eine besondere Ankaufskommission des Oberkommandos des Heeres sichtete die Arbeiten und übernahm etliche für Museen, in Privatbesitz oder für Kasinowände. Bis Ende 1944 wurden vom Oberkommando und

dem Heeresmuseum Bilder im Gesamtwert von 320000 Reichsmark angekauft.

Die Künstler in Uniform wurden für ihre Werke großzügig entlohnt. 2000 bis 4000 Reichsmark erzielten große Ölgemälde, Aquarelle und Skizzen gingen für rund 250 Mark über den Tisch. Das Oberkommando der Wehrmacht stellte Farbe und Leinwand (darunter auf Wunsch einen vom Staffelführer Adam entworfenen Skizierrahmen für den Einsatz vor Ort). Die Künstler mußten drei Prozent ihrer Erlöse an die Wehrmacht abführen. Die Zahl der Bilder, die nebenher und gleichsam nicht für den Dienstgebrauch angefertigt wurden, ist bis heute unbekannt. Weil die Malerstaffel Hitlers Weltkrieg vollständig und weltweit verherrlichen sollte, ersann Staffel-Hauptmann Adam, selbst erfolgloser Kunstmaler und strammer NS-Propagandist, einen Dienstplan, der seinen Künstlern je drei Monate bei unterschiedlichen Kampfeinheiten vorschrieb. Im Staffelhauptquartier, anfangs in Potsdam, später in Berlin, wurden die Skizzen zu oft großformatigen Ölschinken verarbeitet. Bücher ("Mit Rommel in der Wüste"), Ausstellungen und Diavorträge sorgten für größtmögliche Verbreitung der Staffel-Bilder.

Die Eigentumsverhältnisse sind umstritten. Der damalige Captain Gilkey, heute Kurator am Portland Art Museum im US-Staat Oregon, hat seinen Auftrag - er spürte neben der NS-Kunst in Schloß und Hütte von Frauenau auch Bilder aus den Privatsammlungen Hitlers, Himmlers und Bormanns auf - streng im Geist des Potsdamer Abkommens erfüllt, demzufolge den Deutschen alles vorzuenthalten sei, was den Nazismus und Militarismus glorifizieren oder fördern könnte. Von der Rückgabe ausgeschlossen bleibt denn auch Nazi-Propaganda pur - eine Breitleinwand »Hitler an der Front« oder etwa der Führer als Guru und Heilsbringer.

Um den - größeren - Rest kümmern sich inzwischen Juristen.

Strenggenommen, so argumentiert etwa der Kölner Rechtsanwalt Hanswilly Bernartz, sei die Wegnahme des Kunstguts nach Kriegsende erfolgt. Die Gemälde und Zeichnungen fielen mithin nicht unter den völkerrechtlichen Begriff der Kriegsbeute. Dem Kölner Marine-Fan, der privat ein »Marinehistorisches Institut« betreibt, ist es gelungen, schon vor Jahren etliche Seekriegsbilder des Marinemalers Claus Bergen aus den USA heimzuholen, wofür der damalige US-Präsident Carter eigens ein Gesetz unterschreiben mußte. Eine Ausstellung von Bergen-Bildern wurde 1982 im Deutschen Schiffahrtsmuseum Bremerhaven eröffnet.

Die derzeitige Lösung- Bilder still ins Depot -, so glauben Beamte in Bonns Auswärtigem Amt, wird sowohl dem Geist des Potsdamer Abkommens als auch den Interessen der Historiker gerecht. Zudem seien die Belange der Maler oder ihrer Hinterbliebenen zu gedenken.

Die wiederaufgetauchten Kriegsschinken sind bei Sammlern hoch begehrt und würden zu teurem Geld gehandelt. Die ersten Prozesse um Herausgabe der Werke sind bereits angedroht worden.

unten: Gordon Gilkey (M.), Luitpold Adam (r.).

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