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Heimat - unter grüner Flagge

Der Begriff Heimat, lange von organisierten Vertriebenen und völkischen Klüngeln vereinnahmt, erlebt eine überraschende Erneuerung -- aus oppositionellem Geist. Was Umweitschützer, Protest- und Alternativ-Gruppen emotional bindet, so fand die Frankfurter Ethnologin Ina-Maria Greverus heraus, ist die »Suche nach Heimat«.
aus DER SPIEGEL 30/1979

Für die Schlesier und Schwaben, die Friesen und Franken vergangener Jahrhunderte war sie nie großer Rede wert gewesen: die Heimat. Die hatte man wie Haare auf dem Kopf eine schlichte Selbstverständlichkeit. Und wahre Heimat, so lehrten die Kirchen mit Paulus, war ohnedies nur »im Himmel«.

Doch je stärker die irdische Heimat bedroht schien -- durch Welsche im Westen, durch Wenden im Osten und im Innern etwa durch Liberale oder Sozialisten -, um so mehr wurde Heimattümelei zum zentralen Wert deutschen Gemütslebens und zugleich zur Waffe gegen alles Neue, Unbequeme.

Die Idyllen gleich ob in Familie, Dorf oder Kleinstadt -- gerieten im vergangenen Jahrhundert zu poetischidealisierten Orten von Heimat. Der Himmel war auf die deutsche Erde geholt, denn »Himmel«, so schrieb Wilhelm Raabe 1859, »leitet die deutsche Sprache von dem alten Wort Heime, Heimat ab, und des Menschen Heimat ist im Glück«.

Wer immer dieses kleine konservative Glück zu bedrohen schien, mußte mit emphatischer Kampfansage rechnen. Etwa die Wissenschaft: »Am Ende«, forderte 1890 der Heimat-Apologet Julius Langbehn, müsse es so »sein, daß der Bauer den Professor todt schlägt; daß das Urwüchsige in der Natur des Deutschen das Gekünstelte derselben überwiegt und überwindet«.

Am Bauern, an der Scholle, am einfachen Leben sollte der seine Industrialisierung erleidende »Sohn Teuts« (Langbehn) gesunden. Vor allem Rassismus und Nationalismus profitierten vom Heimat-Klischee der Jahrhundertwende -- am wirkungsvollsten verbreitet durch Heimatromane mit Millionen-Auflagen. Vornehmlich »Leidenschaft« komme in deutschen Heimatromanen vor, urteilte Robert Musil Mitte der zwanziger Jahre, »Denken« hingegen kaum, weil »Denken leicht die ganze gehoben-bürgerliche Zauber- und Windmaschine aus der Stimmung bringen« kann.

Nicht nur die Wind-, sondern auch die Militärmaschine. So war es nur folgerichtig, daß der Heimatbegriff rasch zum Bestandteil psychologischer Kriegführung wurde -- wie in jenem Soldatenlied, in dem es heißt: »Treue Grenzwacht steht bereit in des Reiches Osten / für der Heimat Hof und Herd jeder auf dem Posten.«

Als des »Reiches Osten« weniger als fünfzig Jahre später verspielt war, zählte er -- allen Vertriebenenforderungen zum Trotz -- auch bald nicht mehr zur Heimat. Das Vier-Worte-Stereotyp »Willkommen in der Heimat« wurde rasch zur standardisierten Begrüßung in bundesdeutschen Flüchtlings- und Durchgangslagern.

Inzwischen sind die politischen Veränderungen des letzten Jahrzehnts bis in die Ansprachen vorgedrungen. Das Willkommen wird für »die Bundesrepublik, Ihre neue Heimat« entboten -- so jedenfalls merkte es sich Anfang dieses Jahres ein jetzt in Berlin lebender Polen-Aussiedler, und auch, daß »die Frauen tüchtig geweint haben an der Stelle mit Heimat«.

Doch nachdem im deutschen Westen mehr als dreißig Jahre lang Heimat ausschließlich die mythische Domäne derer schien, die ihre Heimat verloren hatten, gar aus ihr vertrieben worden waren, reklamieren nun -- jenseits von Landsmannschaften und jeglichem Revanchismus-Verdacht -- auch westdeutsche Minderheiten zwischen Flensburg und Füssen eine Art »Recht auf Heimat«.

Organisiert in Bürgerinitiativen, die den Heimat-Verwaltern mal beim Abriß eines historischen Gebäudes, mal bei der Flächensanierung eines alten Stadtquartiers in die Quere geraten, die zu »Atomkraft« wie zu »Baum ab« ihr kategorisch-freundliches »Nein, danke!« hören lassen -- sie alle sind, mehr oder weniger bewußt, im Sinne der Frankfurter Ethnologin Ina-Maria Greverus, 45, »auf der Suche nach Heimat«.

Diesen Titel wählte die Direktorin des angesehenen Instituts für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Frankfurt für ihr jüngstes Buch*. Darin wirbt sie in achtzehn locker miteinander verbundenen Essays für einen neuen Heimatbegriff, der »nicht Heimatliche zu einem politischen Territorium verordnet«, sondern viel eher an der Heimat-Verheißung des politischen Emigranten Willy Brandt anknüpft. Der hatte 1973 als Bundeskanzler in seiner Regierungserklärung die »Freiheit im Alltag« als Ausgangspunkt jener »Selbst

* Ina-Maria Greverus: »Auf der Suche nach Heimat«. Verlag C. H. Beck, München: 304 Seiten; 19,80 Mark.

bestimmung« lokalisiert, in der jeglicher Bundesbürger »seine soziale und seine geistige Heimat finden« solle.

Vor sieben Jahren noch, als sie sich mit einem »literaturanthropologischen Versuch zum Heimatphänomen« habilitierte, war Ina-Maria Greverus von aufgeklärten Volkskundlern wegen ihres Heimatbegriffs attackiert worden -- der diesjährige Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde aber trug unumwunden das Motto »Heimat und Identität«. Die linke Kulturzeitschrift »die horen« hat eben ein Heft mit dem Thema »Heimat -- Umwelt -- Utopie« herausgebracht, das einen Bogen von der neuen Welle der Dialektdichtung zu Ernst Blochs Heimatbegriff schlägt; und Martin Walser, der 1968 einen Band mit kritischen Aufsätzen sehr ironisch »Heimatkunde« nannte, hat zehn Jahre später den Text zu einem Bodensee-Buch geschrieben, das mit offenem Pathos »Heimatlob« heißt.

Wie läßt sich nun dieser neue Heimatbegriff fassen? Heimat, sagt Ina-Maria Greverus, sei nicht länger ein statischer Wert und schon gar nicht mehr jenes durch die Literatur der Jahrhundertwende gepflegte »Mysterium, für das Liebe gefordert wird, aber in dem Satisfaktion verweigert werden kann«. Ein emanzipatorischer Heimatbegriff müsse vielmehr die Lebensqualität der näheren Wohnumgebung ausloten -- und damit zugleich die Chance des einzelnen, sich dieses Territorium »selbstgestaltend« anzueignen oder auch »alternativ« einzurichten.

Eine solche Definition bringt zahlreiche Alternativ-Gruppierungen und Bürgerinitiativen überraschend auf einen gemeinsamen Punkt, der dieser neuen Jugendbewegung unter grüner Flagge bislang zu fehlen schien: Es ist, abweichend vom Klischee linker Heimatlosigkeit, eine Variante von durchaus traditionsbewußtem Heimatschutz -- oder besser, der Versuch einer Rückeroberung von Heimat.

So liest sich etwa ein »alternatives Vorlesungsverzeichnis freier Nachbarschaftsuniversitäten« über weite Strecken tatsächlich wie ein Katalog für Volkskunde: »Handspinnen für Fortgeschrittene« steht da neben Kursen für Brotbacken, den Ausbau alter Bauernhäuser, handgearbeitete Kerzen, Bienenhaltung und Holzschuh-Schnitzen -- abgehalten zwischen Schleswig und Saarlouis.

Alternative Adreßbücher? regional oder auch bundesweit aufgelegt, versammeln inzwischen Tausende von Klein-Unternehmungen im Spannungsfeld zwischen Anarchismus und Vegetariertum, Anti-Atom-Bewegung und Landkommune, Teestube und Trödelladen*. Obwohl fast alle -- noch -- den belasteten Heimatbegriff der Deutschen in ihren programmatischen Selbstdarstellungen meiden, zielen viele dieser Initiativen, versponnen mitunter und nicht selten auf der Zivilisationsflucht, unverkennbar auf die Renovierung der »kleinen Heimat« (Greverus).

Ob sich nun die »Kleinfamilie« Hildrun und Woldemar Mammel mit »Milchschafen und Bienen« auf fünf Hektar Land bei Lauterach im Württembergischen vorstellt, »unabhängig von Düngemittel- und Pflanzenschutzmittel

* Das alternative Adreßbuch«. verlag der Gruppe Bloxberg, Hannover. 288 Seiten: 8.50 Mark »Das alternative Adreßbuch. Überdruck-Verlag, Klingelbach: 192 Seiten; 8,50 Mark.

Industrie«, und »Honig, Schafskäse, handgesponnene Wolle« zum »Verkauf und Tausch« anbietet, oder ob im Niedersächsischen die »Sippe Lorien«, auf Hof Lindhorst zu Hause, als »Haupttätigkeiten« aufzählt. »Gartenbau, Vieh, Lebensmitteleinkauf-Kooperative, Kleiderbasar, Kinderstillen, Arbeitengehen nur sporadisch« -- allemal vermengen sich bis in die Sprach-Signale hinein deutliche Sympathien für Natur und Brauchtum mit Wunschvorstellungen von politischökonomischer Autarkie.

Die von Theodor W. Adorno so genannte »Klaustrophobie der Menschheit in der verwalteten Welt«, die von Alexander Mitscherlich beklagte »Unwirtlichkeit unserer Städte«, Umwelt-Ausverkauf, Chemie-Katastrophen und Energiekrisen mögen Teil-Erklärungen anbieten für diesen Kreuzzug zurück in die Innerlichkeit, auf den »ganzheitlichen Menschen« und zum Ambiente der Urgroßväter. Die allgemeine »Kulturstimmung Nostalgie« (Greverus) vom »Wi snackt platt«-Aufkleber bis zu Omas Kitsch scheint der Frankfurter Ethnologin damit noch nicht hinreichend erklärt.

Ihr eigener Deutungsversuch setzt bei psycho-medizinischen Erkenntnissen zum Problem des Heimwehs oder Heimkehrschmerzes an. Danach sind individuelle »nostalgische« Reaktionen vor allem bei sogenannten Versagern anzutreffen, die vor Gegenwarts-Anforderungen auf eine -- selbsterlebte -- zeitliche oder räumliche Vergangenheit ausweichen. Wird jedoch Nostalgie selbst zu sozialem Normverhalten, das sich zudem auf Nichterlebtes, ausschließlich historisch Rekonstruiertes bezieht, so sieht Ina-Maria Greverus darin die eindeutige Tendenz, der »gegenwärtigen Gesellschaft den Entzug von Erlebensqualitäten« und damit Heimatverlust zu bescheinigen.

Der »Griff nach Requisiten vergangener Epochen« bedeute für sich noch keine Nostalgie, sondern entspringe zunächst einem weitverbreiteten »Kreativitätsvakuum«. Die geistige und materielle Trödelmanie lasse sich zwar nicht als Ausdruck von Restaurationsbereitschaft deuten, signalisiere aber jedenfalls »Abkehr von der Gegenwart« und eine gewissermaßen »symbolische Rückkehr in einen Satisfaktionsraum«.

In diesem Sinne stiften zahlreiche alternative Subkulturen bis hin zu den Jugendsekten in der Tat eine »neue Wir-Gruppen-Identität« (Greverus). Sie bieten Heimat, wenn auch freilich oft eine alte, wieder als Zufriedenheitserlebnis an und grenzen sich damit gegen Wertkategorien einer Leistungsgesellschaft ab, der sie das selbstgewählte Naturgetto vorziehen.

Heimat erfährt also, weitab von den Traditionsverbänden, eine Reaktivierung durch Protest. So resümierten beispielsweise Teilnehmer an den Aktionen gegen das in Wyhl geplante Kernkraftwerk, endlich sei Heimat »im Kaiserstühler Protest vom Verdacht des ewig Gestrigen befreit worden«.

Für Ina-Maria Greverus ist zwar längst noch nicht ausgemacht, ob dieser neue, im Protest gezeugte Heimatbegriff gegen »eine erneute Vereinnahmung eben durch jene Instanzen gefeit« ist, die Heimat in Deutschland allemal noch zum »politisch-affirmativen Aggressions- oder Beschwichtigungskonzept« umgefälscht haben. Und einige völkisch-dunkle Untertöne aus der rechten Ecke lassen solche Sorgen als nicht unberechtigt erscheinen.

Doch zu welchem Ende auch immer -- »Heimat«, bilanziert die Frankfurter Ethnologin, »ist wieder aktuell.«

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