BÜCHER Heimchen am Herd
Sie wechseln die Bettwäsche zweimal wöchentlich, und ihre Kleider schneidern sie selbst. In Abendkursen lernen sie Brotbacken und Teppichknüpfen. Sie wohnen in komfortablen Vorort-Häusern, haben zwei Autos, zwei Fernsehgeräte, offene Kaminplätze und Kinder mit guten Anlagen. Sie sind zum Orgasmus fähig und dankbar für ihren »Glauben an Gott«.
Sie haben erreicht, was Soziologen in Frauenzeitschriften, Fachbüchern und Vorlesungen, Psychologen in Beratungskursen, Motiv-Forscher in Broschüren und Filmen jahrzehntelang jeder amerikanischen Frau als hehres Ziel priesen: Sie sind Hausfrauen und Mütter.
Dennoch leiden Amerikas beneidete Nur-Hausfrauen, wie eine von ihnen es umschrieb, »unter einer seltsamen Erregtheit, einem Gefühl der Unzufriedenheit«. Es will ihnen nicht gelingen, etwa beim Bohnern ihres Küchenbodens jene »Erfüllung« zu finden, wie sie Psychologen verheißen. Und selbst wenn ihnen das Tagespensum keine freie Minute läßt, so gestehen sie, fühlen sie sich »irgendwie leer . . . unvollständig«, so, »als ob ich gar nicht da wäre«.
Der millionenfach erfüllte Wunschtraum entpuppt sich - so konstatiert die amerikanische Soziologin Betty Friedan in einer Studie, die jetzt auch in Deutschland erschien - immer mehr als ein Alptraum der US-Frauenschaft: Amerika erlag dem »Weiblichkeitswahn"*.
Tatsächlich hat sich in dem Land, das einst als ein Bollwerk der Emanzipation galt, in den letzten drei Jahrzehnten ein reaktionärer Umschwung vollzogen, der ohne Beispiel ist. Das Heer der Frauen zwischen Los Angeles und Boston kehrte sich ab vom Karriere -Denken und hin zu den Kochtöpfen. Der Slogan der Amerikanerin lautet nicht mehr »Gleichberechtigung der Frau«, sie huldigt wieder dem Jahrhundertwenden-Wahlspruch »Küche, Kinder, Kirche«.
Die Soziologin Friedan interviewte College-Girls, Lehrerinnen; Hausfrauen, Anthropologen und Psychologen, sie analysierte die Entwicklung amerikanischer Hausfrauenzeitschriften und die Studienpläne der Universitäten, studierte Heirats-Statistiken und Ehe-Handbücher. Die Spuren des Weiblichkeitswahns zeigten sich überall:
- Während vor knapp hundert Jahren die Frauen um das Recht gekämpft hatten, Hochschulen besuchen zu können, brachen in den fünfziger Jahren 60 Prozent der amerikanischen Frauen ihr Studium ab, weil sie heiraten wollten oder in einer abgeschlossenen Hochschulbildung ein Ehehindernis sahen.
- Während in allen Kultur- und den meisten Entwicklungsländern der Prozentsatz studierender Frauen anstieg, fiel er in den USA auf das Niveau der Jahre vor dem ersten Weltkrieg.
- Schon 1958 heirateten in den Vereinigten Staaten mehr Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren als aus jeder anderen Altersgruppe; die Zahl der jungen Frauen, die keinerlei berufliche Ausbildung erhalten, nimmt ständig zu.
- 1939 war die Mehrheit der Heldinnen in den Erzählungen der vier größten amerikanischen Frauenzeitschriften »glückliche, stolze, unternehmungslustige, attraktive, berufstätige Frauen, die liebten und von Männern geliebt wurden« (Friedan); Ende der fünfziger Jahre konnte die Soziologin zwei Jahrgänge der drei auflagenstärksten Frauen-Illustrierten durchblättern und fand »nicht eine einzige Heldin, die einen Beruf hatte oder auf irgendeine Weise in einer Arbeit, Kunst, geistigen Tätigkeit oder Aufgabe in der Welt engagiert war«.
Doch mit dem Massenrückzug an den heimischen Herd wuchs auch, was Betty Friedan das »Problem ohne Namen« nannte: die unbestimmte Unzufriedenheit der zum häuslichen Glück verdammten Hausfrauen.
Lange Zeit schämten sich die Amerikanerinnen, von ihrem Unbehagen zu sprechen. Denn Frauen in aller Welt, so suggerierten ihnen die Massenmedien, beneideten die Amerikanerin um ihr Los. Niemals zuvor in der Geschichte der Zivilisation sei es Frauen so gut gegangen: Die Technik erleichtere ihnen die Haushaltsführung, die Wissenschaft bewahre sie vor den Gefahren des Gebärens und vor den Krankheiten der Großmütter, erhalte sie jung, gesund und schön.
Die Frauen in den durchgrünten Villensiedlungen griffen zur Pille, um das seelische Gleichgewicht zurückzugewinnen. »Manche Vorort-Hausfrauen«, schreibt Betty Friedan, »schluckten Beruhigungstabletten wie Hustenbonbons.« Wem die Pille nicht half, der suchte auf der Couch des Psychiaters Gemütsfrieden zu finden.
In die Öffentlichkeit drang die Kunde vom Mißbehagen der Frauen erst gegen Ende der fünfziger Jahre. Zuerst versuchten die Verfechter des Weiblichkeitswahns die zunehmende Unzufriedenheit der Amerikanerinnen auf simple Überlastung der Hausfrauen oder Dinge wie den Alltagsärger mit Handwerkern und den weiten Schulweg der Kinder zurückzuführen.
Dann glaubten prominente Psychologen, die ungenügende Vorbereitung der amerikanischen Frau auf ihre »biologische Rolle« müsse als Ursache des Übels gelten. Statt sich mit ihrer Natur abzufinden, hätten die Frauen bislang versucht, es den Männern gleichzutun.
Anfang der sechziger Jahre eroberte das Problem der unlustgeplagten Hausfrauen die Massenmedien: Sondernummern von Zeitschriften, Bücher, Erziehungskonferenzen und Fernsehprogramme wurden dem Thema gewidmet. 1962 war »die Malaise der in der Falle sitzenden amerikanischen Hausfrau«, so Betty Friedan, »zum nationalen Gesprächsstoff« geworden. Doch wieder empfahlen die Fachleute als einzigen Weg, die psychische Langeweile zu bannen, eine der weiblichen Rolle angepaßte Therapie: den Gang zum Coiffeur oder - in besonders hartnäckigen Fällen - ein weiteres Kindbett.
»Wenn das Geheimnis der weiblichen Erfüllung darin besteht. Kinder zu haben«, schreibt Betty Friedan, »so muß man sagen, daß niemals so viele Frauen . . . bereitwillig in so wenigen Jahren so viele Kinder zur Welt gebracht haben (wie die amerikanischen).« Aber auch dieses Patent-Rezept versagte - das Unbehagen blieb.
Selbst Akademikerinnen, so weisen die Statistiken aus, ziehen seit Beginn der neuen soziologischen Entwicklung in den USA fünf bis sechs Kinder auf. Denn die Warnungen der Wissenschaftler hatten sich besonders gegen die gebildeten Frauen gerichtet. Die Bildung einer Frau, ihre Intelligenz und Individualität, ihr Interesse für Politik müßten in der Ehe zwangsläufig zu Neurosen führen.
Wirklich weibliche Frauen, wußten die Berater, trachten nicht nach einem Beruf, der sie außer Haus führt. Die Möglichkeiten, schöpferische Fähigkeiten zu entfalten, seien für die Ehefrau und Mutter ungleich größer. Um die Frauen von der Vielfalt ihrer Aufgaben und den Annehmlichkeiten des Hausfrauen-Berufs zu überzeugen,
- entwerfen Innenarchitekten Küchen mit Wandmosaiken und Originalgemälden,
- drucken Frauenzeitschriften ganze Seiten kolorierte Riesen-Gemüse ab und beschreiben deren Zubereitung »als handle es sich um eine Liebesgeschichte« (Friedan),
- empfehlen Erzieher den Besuch von Fortbildungskursen, in denen Frauen das Brotbacken, die Hausschneiderei (Betty Friedan: »Sie wurde zu einem Millionengeschäft") oder das Installieren eines Schwimmbeckens erlernen sollen,
- erklären Fachberater, wie man »die Rolle der Frau spielt« und aus der Ehe »eine aufregende Sache macht«. Das neue Leitbild der Amerikanerin
- »Beruf: Hausfrau« - hat sich, wie Betty Friedan resümiert, »zu einem nicht in Frage gestellten und keine Fragen zulassenden Wahn verhärtet«.
Jedes Jahr wählt die US-Nation die in Geschirrspülen, Knopfannähen, Kochen und Backen fixeste Haus-Seele zur »Mrs. America«.
In den unteren Klassen der High Schools werden im Zeichen des Weiblichkeitswahns »Lebensanpassungskurse« abgehalten, die elf- und zwölfjährige Mädchen durch Referate über Büstenhalter und Unterröcke auf ihre sexuellen Funktionen vorbereiten sollen. Praktische Unterweisung im Gebrauch von Haushaltsgeräten in den Höheren Schulen, Vorlesungen über Haushaltsführung und Familie an den Universitäten - die meist stärker belegt sind, als die Vorlesungen in den Hauptfächern - forcieren den Rückzug der amerikanischen Frauen an den heimischen Herd.
Darüber hinaus erteilt ein Heer von Eheberatern, Psychotherapeuten und Psychologen Nachhilfe-Unterricht in Weiblichkeit. »Die Möglichkeit schwerer sexueller Störungen«, lehren sie, »ist um so größer, je gebildeter eine Frau ist.« Für Frauen sei wichtiger zu wissen, »wie man sich einen Mann angelt und ihn an sich fesselt«.
»Unter dem Einfluß des Weiblichkeitswahns«, erkannte Betty Friedan, »machten sich ... College-Präsidenten und -Professoren mehr Gedanken darüber, ob ihre Studentinnen zum Orgasmus fähig wären, als darüber, ob sie in Zukunft Gebrauch von ihrer geschulten Intelligenz machen würden.« Und »wenn eine Frau an einen Beruf denkt, dann hebt der Wissenschaftler warnend den Finger und tut so, als müsse sie sich mit dem Beruf zugleich für ein lebenslanges Zölibat entscheiden«.
Die Amerikanerinnen entschieden sich. »Frauen, die ehemals einen Beruf haben wollten«, klagte die Entdeckerin des Weiblichkeitswahns, »machen jetzt einen Beruf daraus, Kinder zu bekommen.« Der Geburtenüberschuß in den USA sei inzwischen dreimal so hoch wie in den westeuropäischen Ländern, fast doppelt so hoch wie in Japan, und werde nur noch von Afrika und Indien übertroffen.
»Wenn die gegenwärtige Entwicklung anhält«, prophezeit Betty Friedan, »kann es sein, daß die Amerikanerinnen bald zu den rückständigsten Frauen der Welt gehören.«
* Betty Friedan: »Der Weiblichkeitswahn - ein vehementer Protest gegen das Wunsch bild von der Frau«. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg; 288 Seiten; 19,80 Mark.
Autorin Bett Friedan
In hartnäckigen Fällen ...
Mrs. America 1966, Ehemann
... ein weiteres Kindbett