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THEATER Heimliches Selbstporträt

In Berlin hat diese Woche ein neues Stück des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger Premiere: »Der Menschenfreund« über den französischen Aufklärer Denis Diderot. *
aus DER SPIEGEL 43/1984

Denis Diderot aus der Champagne, der 1713 als Sohn eines Messerschmiedes geboren wurde und 1784 leider starb, war einer der größten Entertainer aller Zeiten. Doch im Unterschied zu den meisten seiner Komplizen kam dieser Maitre de plaisir ohne Pappnase und ohne Stelzen, ohne weiße Kaninchen und ohne schwarze Magie aus. Denis Diderot war vielmehr der erste und letzte Zauberer, der sein Publikum mit der ehrwürdigen Philosophie amüsierte: im Repertoire ein atemberaubendes Wissen, sein Markenzeichen die vielsinnige Heiterkeit. Mit Denis Diderot, der zwei Dutzend gefährliche Schriften hinterließ und zeitweilen das Haus nicht verlassen konnte, weil sein einziges Hemd in der Wäscherei war, präsentierte sich die Wissenschaft als Unterhaltungskunst und tanzte die Aufklärung im Kostüm des Harlekins über die Bühne.

Angelegentlich seiner theoretischen Darbietungen zu immer verblüffend neuen Maskeraden bereit, leistete sich Diderot die einzige äußere Verkleidung seines Lebens, als er, ein junger Theologicus, die Hauptstadt Paris mit Tonsur und Soutane betrat. Aber dieser Flirt mit dem Klerus erlag sehr bald seiner notorischen Skepsis. Im »Brief über die Blinden zum Gebrauch der Sehenden«, dessen Häresien ihm einige Monate (komfortablen) Kerker eintrugen, ließ der 35jährige Denis den Helden ohne Augenlicht sagen: »Wenn Sie wollen, daß ich an Gott glaube, muß ich ihn berühren können.« Und wohl wissend, daß eine so interessante Auskunft seinen Nachruhm fördere, verabschiedete er sich auf dem Sterbebett mit einem Kalenderspruch: »Der erste Schritt zur Philosophie ist die Ungläubigkeit.«

Dem Zweifel und der Erfahrung - diesen beiden Göttern der Aufklärung - liehen auch Kant und Hegel ihre mächtige Stimme. Aber während die deutschen Professoren mit erhobenem Zeigefinger hinter dem Katheder standen und allein ihren Kopfgeburten und Begriffen trauten, war der intellektuelle Autodidakt Diderot stets auch mit dem Herzen bei der Sache: ging er den Handwerksmeistern in den Pariser Manufakturen an ungezählten Tagen mit seinen Fragen auf die Nerven und kehrte er mit präzisen Bildern an seinen Schreibtisch in der Rue Taranne zurück. Das Resultat dieser detektivischen Neugier ist bekannt: Beinahe 25 Jahre seines Lebens opferte der bienenfleißige Bohemien der »Encyclopedie«, diesem monumentalen Lexikon der Neuzeit, das in 17 Text- und 11 Kupfertafelbänden noch vor dem Tod seines Spiritus rector erschien.

Die Enzyklopädie, an der Diderots Freundschaft mit seinem Mitarbeiter und Schachpartner Rousseau zerbrach (Rousseau war von jeder seiner Lehren restlos überzeugt, Diderot irritierte der eigne Geistesblitz), versammelte universale Gelehrsamkeit. Aber sie war alles andere als ein neutrales Nachschlagewerk - in welchem sich etwa Madame Pompadour über die Essenzen ihres Rouge informieren konnte. Die Enzyklopädie _(In Berlin mit Boy Gobert (l.) als ) _(Diderot und Horst Bollmann als Diener ) _(Jacques. )

war politische Schmuggelware. In einem Brief an Voltaire hatte Diderot seine Sisyphusarbeit (und die seines Mitherausgebers d''Alembert) unter die Devise gestellt: »Kein Pardon für Abergläubische, Fanatiker, Tyrannen.«

In diesen Farben pinselte Diderot auch seine Literatur und Ästhetik aus. »In meinem Roman sollten vor allem die Maler blättern«, hat er einem seiner Prosawerke gewünscht. Aber da Humor eine revolutionäre Eigenschaft war (und ist), konnten die meisten literarischen Schriften zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht werden. Seine »Pensees philosophiques« wurden 1746 verbrannt; und sein Roman »Die indiskreten Kleinode«, in dem ein lüsterner Sultan mittels eines Zauberrings die Geschlechtsteile seiner Mätressen zum Plaudern bringt, erreichte die Leser 1747 anonym.

Der Entertainer Diderot aber ließ sich von den Possen der Zensoren, in deren Amtsstuben er sich etwa so gut auskannte wie in den Pariser Cafes, die gute Laune keineswegs verderben. Seiner aristokratischen Gönnerin, der Zarin Katharina II., an deren Petersburger Hof ihn 1773 die einzige große Reise seines Lebens führte, hat er mit ironischer Selbstzufriedenheit den Grund für seine Contenance verraten: Er habe seine Literatur der widrigen Umstände halber von vornherein als eine Art Flaschenpost für die Nachgeborenen konzipiert.

Die Nachgeborenen entzifferten die Post aus der Rue Taranne auf verschiedene Weise: Den von einem kosmopolitisch gesinnten Schmarotzer handelnden Dialog-Roman »Rameaus Neffe«, dessen Abschrift in der Petersburger Eremitage verschollen war, machte, in deutscher Übertragung, zuerst Goethe bekannt; und an dem Herr-und-Knecht-Spiel »Jacques der Fatalist« (aus dem Schiller eine Episode übersetzte) »ergözte« sich Goethe »wie der Bel zu Bebel mit unbeschreiblicher Wollust«. Die Theatertheorien Brechts, namentlich die Verfremdungsidee, sind vom »Paradox über den Komödianten« inspiriert. Und der Verfilmung der erotischen Satire »Die Nonne« wurde noch in diesem Jahrhundert die Ehre zuteil, von einem französischen Minister verboten zu werden.

Hans Magnus Enzensberger, 54, nennt Diderot seinen »Lieblingsschriftsteller«. Und sein Stück »Der Menschenfreund« hat eine Komödie des Franzosen zum Vorbild, die das für ihn beinahe typische Schicksal teilt: Unter dem Titel »Est-il bon? Est-il mechant?« (Ist er gut, ist er böse?) 1781 »hingeworfen«, vergingen über 50 Jahre bis zu ihrer Drucklegung und wurde sie erst 1951 uraufgeführt. Diese Komödie ist ein eher launiges Stück, und so konnte es passieren, daß sie, 1967, bereits einmal für das Deutsche Fernsehen eingerichtet wurde: mit dem »Posträuber« und späteren »Derrick« Horst Tappert in der Hauptrolle.

Enzensbergers Verfremdung dieser Komödie (Regie: Hanns Zischler), die den Entertainer Diderot an einem einzigen Tag seines Lebens zeigt, ist eine Camouflage im trickreichsten Diderotschen Sinn. Der Maitre ist 52 Jahre jung und läßt es sich auf dem Landsitz einer adligen Freundin wohlergehen, die ein Geburtstagsständchen aus seiner Feder wünscht. Aber zum Schreiben kommt er nicht. Denn pausenlos rücken ihm Personen auf den Pelz, die Hilfe von ihm erwarten. Diese Personen sind keineswegs allesamt dieselben wie in »Ist er gut ...« Ein paar besonders Hausbackene hat Enzensberger aus der Vorlage kurzerhand ausquartiert; dafür spazieren Figuren in den »Menschenfreund« hinein, die aus anderen Produktionen Diderots oder aus seinem Leben stammen: unter ihnen Jacques der Fatalist.

Und der Menschenfreund rät mit Vergnügen: Einem Liebhaber verhilft er mittels eines gefälschten Briefes zu seiner Geliebten; einer Kapitänswitwe zur Rente für ihren Sohn; einem zweitklassigen Literaten zu einem erstklassigen Stück. Dem Gauner Desbrosses schmiedet er einen Plan, mit dem dieser seine Gläubiger und die Polizei hinters Licht führen kann; aber als der Polizeiminister de Malverte die Szene betritt, stellt der Causeur mit der gleichen Lust an der ausgeklügelten Intrige auch ihn zufrieden - um am Ende doch alle wieder in Rage zu verwandeln und sich selber in ein gackerndes Huhn. Und siehe da: Den Scharlatan Desbrosses hat sich Enzensberger aus einem »Hörspiel« Diderots namens »Mystifikation« ausgeliehen; und Monsieur de Malverte war jener Herr, dem der wirkliche Diderot seine Haft in Vincennes verdankte.

Wenn es einen modernen Literaten gibt, dessen Temperament dem des Denis Diderot am ehesten ähnelt, dann heißt er Hans Magnus Enzensberger: Diderot hielt sich, um besser sehen zu können, im Theater gelegentlich die Ohren zu. Hans Magnus Enzensberger verfolgt die Nachrichtensendungen des Fernsehens zu Hause mit Vorliebe bei abgedrehtem Ton. In diesem Sinn ist der »Menschenfreund«, der Freitag dieser Woche am Schloßparktheater in Berlin zur Premiere kommt, nicht nur ein Porträt des Mystifikationskünstlers Diderot. Es ist auch ein heimliches (und insgeheim verliebtes) Selbstporträt des Entertainers Enzensberger.

In diesem Porträt wird ein so gescheiter wie amüsanter, charmanter wie eloquenter Charakter lebendig. Nur ein Charakterzug fehlt (ihm) bei Enzensberger: Als Diderot in seiner Enzyklopädie an den »St.-Bartholomäus-Tag« geriet, hörte er nach der Notiz »Massaker an mehreren tausend Menschen« mit seinen gescheiten Einlassungen auf: »Ich habe nicht die Kraft, mehr darüber zu sagen.« Denn wie alle großen Satiriker schöpfte auch Denis Diderot seine Inspirationen zuweilen aus der Traurigkeit.

Harald Wieser

In Berlin mit Boy Gobert (l.) als Diderot und Horst Bollmann alsDiener Jacques.

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