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AUTOREN Heinrichs Verrat

aus DER SPIEGEL 50/1999

In einem Telegramm, am 31. Oktober 1943 in San Francisco aufgegeben, berichtet der örtliche KGB-Verbindungsmann, Vizekonsul Grigorij Cheifez, von Kontakten mit dem Schriftsteller Heinrich Mann. Die verschlüsselte Meldung nach Moskau wurde vom Nachrichtendienst der US-Armee abgefangen. Es war Cheifez offenbar nicht schwer gefallen, den Schriftsteller über die deutsche Exilantenszene in den USA auszuhorchen: Der war schon lange ein Verehrer Stalins. Tatsächlich plauderte er sogar über seinen gleichfalls im US-Exil lebenden Bruder Thomas. In dem Telegramm, das jetzt in einem US-Archiv gefunden wurde, heißt es: »Heinrich Mann hat berichtet, dass der frühere Polizeichef von Berlin, Grzesinski, in Washington über die Aufstellung einer neuen Regierung in Deutschland verhandelt. Diskutiert wird offenbar die folgende Zusammensetzung - eine Regierung, in der Brüning und die Sozialdemokraten sein werden. Thomas Mann ist auch als Mitglied der Regierung vorgesehen.« Heinrich Mann, dessen Romanerfolge ("Professor Unrat«, 1905, Vorlage für den Film »Der blaue Engel") damals weit zurücklagen, war im US-Exil auf die Unterstützung durch seinen berühmten Bruder angewiesen. Das macht den KGB-Verrat besonders delikat.

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