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Film Heirat mit Herzinfarkt

»Vier Hochzeiten und ein Todesfall«. Spielfilm von Mike Newell. Großbritannien 1993.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Charles ist ein umschwärmter Luftikus. Die Frauen lieben den gutaussehenden Windhund, der zwar keinen Beruf hat, dafür aber ausgezeichnete Manieren. Die meisten würden ihn am liebsten heiraten. Doch geschickt hat charming Charlie bislang jede Attacke auf seine Freiheit pariert. Faselt eine von Schleier und Altar, macht er einen Phallrückzieher.

Unverdrossen besucht der schöne Schnorrer dagegen die Hochzeiten seiner wagemutigeren Freunde. Denn in seiner Londoner Wohlstandsclique grassiert der Vermählungs-Wahn. Pompös sind die Zeremonien, prächtig die Empfänge. Charles ist so chaotisch, daß Langeweile keine Chance hat. In der Rolle des Trauzeugen vergißt er einmal die Ringe. Noch während des Gottesdienstes schleicht er durch die Reihen und borgt sich Ersatzgeschmeide zusammen: Einen riesigen knallbunten Plastikring für die Braut, der Gatte bekommt ein prächtiges Totenkopf-Modell im Rocker-Design.

Doch irgendwie scheint der fortwährende Trauungs-Trubel selbst den Neigungs-Junggesellen Charles (Hugh Grant) nicht ungerührt zu lassen. Zufällig trifft er bei all den Feiern in Schlössern und Gärten immer wieder auf die Amerikanerin Carrie (matronenhaft wie nie: Andie MacDowell). Und prompt tritt der Ernstfall ein: Der scharfe Charlie verliebt sich in die beständig Zähne zeigende Modejournalistin. Sie kommt ihm auf halbem Wege entgegen, schläft mit ihm und heiratet - einen anderen.

»Vier Hochzeiten und ein Todesfall«, Mike Newells hinreißend eleganter Sommer-Film, ist der Überraschungserfolg des Jahres. In nur 39 Tagen für 3,75 Millionen Pfund in England abgedreht, hatte die durch und durch insulare Gesellschaftskomödie allein in den USA nach den ersten sieben Wochen 20 Millionen Dollar eingespielt.

Hauptdarsteller Hugh Grant, 33, ein Schlaks mit unverwüstlicher Schulbuben-Frische, avancierte mit diesem Werk zum begehrtesten angloamerikanischen Nachwuchs-Star. Die Filmbranche handelt den blauäugigen Beau inzwischen als rechtmäßigen Leinwand-Erben der verblichenen Gentleman-Darsteller Cary Grant (mit dem er nicht verwandt ist) und David Niven. Mittlerweile lächelt sein Konterfei von den Titelbildern etlicher Zeitschriften.

In »Vier Hochzeiten« agiert Grant (der Jüngere) mit unwiderstehlicher Leichtigkeit und Noblesse. Seine Auftritte skizziert er in altenglischem Schauspieler-Understatement, die Pointen nuschelt er lässig ins Mikro - unaufdringliche Komik der gehobenen Art.

Auch Regisseur Mike Newell geht die Sache locker an. Geschickt jongliert er mit den gängigen Snob-Klischees der britischen Mittelklasse und läßt seinen Film zwischen bissiger Satire und sanftem Lustspiel pendeln. So entsteht ein despektierliches Denkmal für Britanniens unbeugsame Besserverdienende der Ära Major.

Richard Curtis hat Newell dafür das stimmige Drehbuch geschrieben. Dessen beste Dialoge erinnern an den bösartigen, aber garantiert klassenerhaltenden Witz von Oscar Wilde. _(* Mit Hugh Grant, Charlotte Coleman. )

Für den nötigen Kontrast sorgt der schon im Titel verstörend deutlich annoncierte Todesfall, der Carries Hochzeitsfeier jäh beendet. Als Carries langweiliger Bräutigam seine umständliche Dankesrede hält, kippt Gareth um, der dickste und urigste Spezi aus Charlies Freundeskreis - Herzinfarkt.

In einer häßlichen Vorstadtkirche nehmen die ernüchterten Freunde von ihm Abschied. Matthew, der langjährige Liebhaber des Toten, hält eine anrührende Rede und rezitiert den tränentreibenden »Funeral Blues« des Lyrikers W. H. Auden. Das britische Kinopublikum war von den Versen so angetan, daß Audens Verlag Faber & Faber prompt einen Sonderdruck auf den Markt brachte - mit einem melancholischen Hugh Grant auf dem Umschlag. Die Broschüre wurde ein Bestseller.

Und auch im Film bleiben die herzerweichenden Funeralien nicht ohne Konsequenzen. Charles, der ewige Junggeselle, kommt ins Grübeln und weicht vom Pfad der selbstbestimmten Tugend ab. Carrie, seine einzige Liebe, ist hoffnungslos im Hochland verheiratet - auf wen soll er jetzt noch warten? Henrietta heißt das willige Notopfer, das Charles nun in einer heftigen Trotzreaktion aus den Reihen ausgemusterter Betthasen rekrutiert.

Sonor läuten schon bald auch ihm die Glocken, pünktlich und proper wartet er auf seine Braut, als plötzlich Carrie in der Kirche erscheint. Sie hat sich, gesteht sie verschämt, von ihrem schottischen Trübsinnsgatten getrennt und wäre nun eigentlich frei für Charles.

Henrietta rollt derweil im Rolls vor, der Bräutigam verkriecht sich fluchend in der Sakristei. Doch keine Bange, der Film hat auch am Ende Stil: Und wenn Charles und Carrie nicht unglücklich geworden sind, dann nur, weil sie bis heute nicht geheiratet haben. Y

* Mit Hugh Grant, Charlotte Coleman.

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