Zur Ausgabe
Artikel 98 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SCHRIFTSTELLER Heiraten: der größte Witz

Eine Max-Frisch-Biographie mit unbekannten Dokumenten enthüllt Details über eine frühe Liebe des Autors zu einer deutschen Jüdin.
aus DER SPIEGEL 38/1997

Basel, Badischer Bahnhof, 1937. Ein junger Schweizer bringt seine deutsche Freundin zum Zug nach Berlin, wo ihre Eltern wohnen. Käte Rubensohn, Tochter aus jüdischer Familie, studiert in Zürich. Ein deutscher Beamter hält die beiden auf und sagt zu dem Mann, der stolz als Berufsbezeichnung »Journalist« angibt: »Und diese Jüdin liefert Ihnen also die Greuelgeschichten!«

Der Journalist heißt Max Frisch. Er hat schon Literarisches publiziert, als Schriftsteller aber wird er erst später berühmt werden. Die Beziehung zu Käte, die er an der Universität kennengelernt hat, ermöglicht Frisch handfeste Einblicke in die Praxis der nationalsozialistischen Judenpolitik - auch auf gemeinsamer Deutschland-Fahrt.

Die Schweiz ist in den dreißiger Jahren von Anbiederung an das Nazi-Reich nicht frei. Als Frisch beabsichtigt, die Freundin zu heiraten, wird ihm im Stadthaus Zürich neben den dazu erforderlichen Unterlagen auch ein »Arier-Ausweis mit dem Stempel der Vaterstadt« (Frisch) ausgehändigt. Der Heiratswillige zerreißt ihn wütend.

Die beiden - nach Frischs späterer Auskunft verband sie eine Studentenliebe ohne »auch nur die heimliche Versuchung zu einer Untreue« - gehen nach vier Jahren auseinander. Käte will nicht aus Mitleid geheiratet werden, nur damit sie in der Schweiz bleiben kann. Sie findet auch so ihren Weg: Sie studiert in Basel weiter und wird dort Lehrerin.

Frisch (1911 bis 1991) hat Jahre danach nicht nur der Romanfigur Hanna aus »Homo faber« (1957) einige Züge Kätes geliehen, sondern seine »jüdische Braut«, Jahrgang 1914, auch gelegentlich in autobiographischen Texten erwähnt, wie etwa in der Erzählung »Montauk« (1975), in der er die Szene am Badischen Bahnhof schildert und das »Liebestun« von einst »anfängerhaft-kenntnislos-romantisch« nennt.

Im ersten Band einer neuen Frisch-Biographie werden jetzt weitere Einzelheiten geliefert*. Der Verfasser Urs Bircher, 50, ist Dramaturg in Zürich, wo er 1989 die Uraufführung des letzten Frisch-Stücks »Jonas und sein Veteran« betreute. Er war als junger Mann in Basel mit einem der Söhne von Käte Schnyder-Rubensohn befreundet und ging im Haus der Familie ein und aus - so konnte er jetzt aus Briefen zitieren, die Frisch in den dreißiger Jahren an die Freundin geschrieben hat und die bisher der Forschung unbekannt waren.

Das Konvolut umfaßt rund 110 Briefe, von denen Bircher allerdings nur wenige Auszüge präsentiert. Die skrupulöse Empfängerin händigte dem Biographen die Blätter nicht einfach aus: Es wurden ihm ausgewählte Passagen bei laufendem Tonband vorgelesen.

Ein aufschlußreicher Fund ist es dennoch. So kündigte 1935 der Autor, der damals von Zeitungsaufträgen lebte, seiner jüdischen Freundin eine Reportagereise ins Deutsche Reich mit folgenden Worten an: »voraussichtlich liefere ich ein tagebuch meiner reise, friedliche impressionen ... natürlich nichts scharfes.« Ganz so friedlich fielen die Eindrücke im Tagebuch-Bericht für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG dann aber doch nicht aus. Vor allem die in einer Berliner Ausstellung besonders offen demonstrierte Schmähung der Juden machte es Frisch schwer, »über diesem dritten Reich das ewige Deutschland nicht zu vergessen« - er riet den Nazis, »die Rassenfrage nicht länger auf die Spitze zu treiben«.

Schon im Jahr zuvor hatte der politisch noch ungeübte Beobachter Käte in einem Brief erklärt: »Wir haben weder für noch gegen Deutschland zu sein« - um dann hinzuzufügen, »gerade dies« begreife der durchschnittliche Deutsche nicht ("in seinem Wahn, daß Deutschland die Welt bedeute"), und das bringe den Schweizern »den irrtümlichen Vorwurf einer Deutschfeindlichkeit« ein.

Nicht nur politisch zeigt sich der junge Frisch in den zitierten Briefpassagen als großer Zauderer, sondern auch privat. Sein Entschluß zum Architekturstudium etwa war, anders als später behauptet, durchaus nicht mit einer Absage ans Schreiben gekoppelt - wie ein Brief an Käte vom März 1936 belegt.

Auch in Liebesdingen wollte Frisch sich nicht recht festlegen. Seiner jungen Freundin umschrieb der 23jährige Autor in blumigen Worten, daß sie auf ihn als Partner besser nicht bauen solle: »Ich glaube an das Mysterium des Lebens, ich glaube an die Gewalt der Liebe und der Untreue, ich glaube an das schmerzlich Unberechenbare unseres Tuns.« Die »bürgerliche Heirat«? Für ihn damals der »größte Witz, den sich die Menschen erlauben«.

Zwar hat Frisch, nachdem die Liaison mit Käte längst zu Ende war, doch eine Familie gegründet - das Thema »Gewalt der Liebe« sollte ihn freilich zeitlebens begleiten, oder wie Friedrich Dürrenmatt bissig bemerkte: »Der Frisch hatte immer viele Frauengeschichten.«

Davon ist nun bei Bircher weiter kaum die Rede (allenfalls mal verschämt im Anmerkungsteil): Die Biographie, die zunächst bis ins Jahr 1955 führt, ist allzu diskret, bietet über weite Strecken kaum mehr als biedere Werkinterpretationen und meidet alles Erzählerische - es fehlt sogar die beklemmende Szene mit Käte am Badischen Bahnhof.

* Urs Bircher: »Vom langsamen Wachsen eines Zorns. Max Frisch1911-1955«. Limmat Verlag, Zürich; 288 Seiten; 36 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 98 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.