Zur Ausgabe
Artikel 66 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AUTOMOBILE Heiße Kiste

General Motors, größter Autohersteller der Welt, läßt den Pontiac Fiero sterben - Ende eines Traums vom Welterfolg eines Kunststoff-Sportwagens. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Als das Auto-Baby im Jahre 1983 vorgestellt wurde, da strotzten seine Väter vor Zuversicht, so gewiß waren sie, daß es sich im rauhen Klima des Marktes würde durchsetzen können. Die überparteiliche Fachwelt sah es genauso: »Ein kühner Hieb«, schrieb damals die »New York Times«.

Heißblütig, wie sein spanischer Name »Fiero« ("ungebärdig") signalisieren wollte, schien das stilistisch gelungen anmutende, sportliche Keilform-Auto ausersehen, die Käufer zu Hunderttausenden zu betören. Hatte das Gefährt am Ende nicht gar das Zeug, den legendären Markterfolg des amerikanischen Pseudo-Sportwagens Ford Mustang zu überbieten? Pontiac, sportfreudigste aller Firmen von General Motors, errichtete in Pontiac (US-Staat Michigan) für die Fiero-Fertigung mit Milliarden-Aufwand ein komplett neues Werk.

Gespannt verfolgten Ingenieure aus aller Welt den Serienanlauf. Ihr Interesse galt dem technischen Clou des Neulings: Der Fiero hatte, nach einer bis dahin nur bei Rennwagen angewendeten Bautechnik, ein schon für sich voll fahrfähiges Metallgerippe, über das, wie bei einer Anziehpuppe, ein Karosseriekleid aus vorgegossenen Kunststoffteilen gezogen wurde. Mit dieser Technik stieg General Motors wie noch kein anderer Autohersteller in den Serienbau eines Kunststoffautos ein - fürs erste sollten monatlich 8000 Fieros gefertigt werden, preislich und technisch ein Schlag gegen alle Konkurrenten. Fieros Start war denn auch verheißungsvoll: 1984, im ersten Produktionsjahr, verkaufte Pontiac glatt 101 720 Autos dieses Typs.

Aber das Unterfangen, von der Werksleitung großspurig als »Meilenstein im Automobilbau« gefeiert, wurde ein Fehlschlag mit Verlusten von vielen Hundert Millionen Dollar. Das gewagte Auto mit dem Plastikkleid fand von Jahr zu Jahr weniger Käufer: Auf 90 691 Fiero-Erwerber im zweiten Jahr folgten 1986 nur noch 71 283, letztes Jahr gar nur 47 156 Käufer. Mittlerweile hat sich das Interesse für den Fiero derart abgekühlt, daß sein Weiterbau offenbar nicht mehr zu verantworten ist - die Manager von General Motors haben vor kurzem Fieros Tod für Ende August beschlossen, über 1100 Fiero-Fließbandwerker verlieren ihren Job.

Noch sind sich die Pontiac-Ingenieure nicht schlüssig, warum der scheinbar todsicher programmierte Erfolg ausblieb. An der Form des Autos lag es wohl nicht - Fiero-Fahrer entwickelten sogar, wie einst die Porsche-Lenker, einen fröhlichen Winke-winke-Kult. Doch unter Amerikas Automobilisten hat sich offenkundig herumgesprochen, daß der Erwerb des Kunststoffautos mit etlichen Nachteilen verbunden war.

Im 4,14 Meter langen Fiero wurde der Motor direkt hinter den beiden Frontsitzen, knapp vor der Hinterachse installiert. Diese wegen ihrer optimalen Gewichtsverteilung geschätzte Lösung übernahmen die US-Ingenieure von zwei europäischen Vorbildern der Mittelmotor-Bauweise, dem VW-Porsche 914 und dem Fiat X1/9. Während sich die Europäer jedoch als quicklebendige Fahrmaschinen erwiesen, erwarb sich der Fiero bald einen Ruf als lahme Gurke. Wegen seines metallenen Korsetts war es beim Fiero nicht gelungen, den üblichen Vorteil der Kunststoffbauweise zu nutzen: Mit einem Leergewicht von rund 1200 Kilogramm wog er fast soviel wie ein vergleichbares Blechauto.

Hinzu kam, daß Pontiac den Wagen mit einem vor über 20 Jahren entwickelten schmalbrüstigen Vierzylinder-Veteranen motorisierte, dessen Leistung (93 PS) von den Testern der Zeitschrift »Popular Science« prompt als »asthmatisch« verspottet wurde. Als Pontiac das geschmähte Gefährt von 1985 an wenigstens mit einem 140 PS starken Sechszylindermotor anbot und ein Jahr später als Alternative für die behäbige Dreigang-Automatik ein sportlich abgestuftes, manuelles Fünfganggetriebe folgen ließ, war es schon zu spät. Immer mehr potentielle Fiero-Käufer schielten nach dem als »Fiero-Killer« propagierten japanischen Toyota MR 2, gleichfalls einem sportlichen Mittelmotor-Auto.

Womöglich schreckte potentielle Fiero-Käufer aber auch, daß Pontiac ihnen nur einen winzigen Benzintank (39 Liter) und einen Kofferraum mit nur 166 Litern Fassungsvermögen zugestand (für den die Firma, nach Porsche-Vorbild, raumsparend gestaltete Reisetaschen anbot).

Schlimmer war wohl, daß sich der Fiero durch seine Wärmeabstrahlung auf das Gepäckabteil einen Ruf als »heiße Kiste« erwarb, ganz anders, als seine Erbauer erhofft hatten. Am übelsten aber war eine Reihe von Motorbränden - alle 1984er Fieros mußten per Rückrufaktion in die Werkstatt, damit sie dagegen gesichert werden konnten, plötzlich in Flammen aufzugehen.

Wurde der Fiero am Ende Opfer seiner komplizierten Bauweise aus Stahl und Kunststoff und der dadurch bedingten hohen Reparaturkosten und Versicherungsprämien?

Leichte, langlebige Autos mit minimalen Unterhaltskosten, Karosserien mit »Selbstheileffekt« nach kleinen Beulen, mit elastischen Kunststoffteilen, die in ihre ursprüngliche Form zurückschnellen - das verführerisch-schöne Bild einer schönen neuen Autowelt, wie es die Plastik-Lobby gern ausmalt, wollte sich beim Fiero nicht recht zeigen.

»Selbstheileffekt«? Den Fiero-Käufern wurden Versicherungskosten bis zu 5000 Dollar je Jahr zugemutet - »das ist«, wie »USA Today« anmerkte, »für ein Auto mit einem Basispreis von 8999 Dollar einfach absurd«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 66 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.