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Am Rande Heiße Künste

aus DER SPIEGEL 35/1996

Die kulturgeschichtliche Bedeutung der Tatsache, daß diese Woche erstmals seit über 150 Jahren das Lieblingsinstrument des sogenannten Teufelsgeigers Niccolò Paganini wieder öffentlich gestrichen werden soll, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Erstens widerlegt sie die Behauptung eines deutschen Musikführers, an der Reliquie würden längst »die Holzwürmer fressen«. Zweitens beweist sie die rührende Verehrung unserer coolen Epoche für ein Stück Holz von früher. Jedenfalls wird das gute Stück mit dem merkwürdig militanten Beinamen »die Kanone« jetzt »unter aufwendigen Sicherheitsvorkehrungen« aus dem Rathaus von Genua ins schwedische Schloß von Uppsala transportiert, woselbst zwei Preisträger des Paganini-Wettbewerbs es in die Arme und in Gebrauch nehmen dürfen. Halt! Hat in der Vorfreude auf die neuerliche Inbetriebnahme niemand bedacht, daß die menschlichen Berührungsängste der Virtuosen und die heiligen Schauder des Publikums eine verstärkte Transpiration auslösen und diese zu irreparablen Schäden führt? Weiß unter den Nordlichtern keiner, daß die Sekretion von Schweißdrüsen Lacke zersetzt und in F-Löcher kriecht?Dabei hätte eine fast zeitgleiche Nachricht aus Weimar die leichtfertigen Herrschaften der Paganini-Stiftung aufklären können. Gewiß klingt, was da gemeldet wird, an sich erfreulich: Jedes Jahr bevölkern 300 000 Gebildete das Goethehaus, der Dichterfürst zieht also immer noch, und seine Gemeinde pilgert unermüdlich. Doch künftig muß der Verehrerstrom unerbittlich reguliert werden. Der Grund: Goethe wirkt allzu schweißtreibend. Messungen haben ergeben, daß 1000 Gäste an einem Hundstag allein im sogenannten Juno-Zimmer des Museums acht Liter Feuchtigkeit hinterlassen. Das sind 40 Kölsch-Gläser voll mitmenschlicher Ausdünstung, die langfristig das Inventar des Poeten ruinieren könnten. Dieser Zersetzungsgefahr wird jetzt eine Chipkarte vorgeschoben. Während also in Weimar ein drohendes Goethe-Biotop noch rechtzeitig trockengelegt werden kann, streichen in Uppsala zwei Ahnungslose womöglich in eine Katastrophe: Was, wenn die »Kanone« - Versicherungswert: 55 Millionen Mark - unter den Doppeltrillern ihrer feuchten Hände plötzlich aus dem Leim geht?

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