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FILM Heitere Hölle

»Eine Reise ins Licht«. Spielfilm von R. W. Fassbinder. Deutschland 1978. Farbe; 119 Minuten.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Gegen das, was Rainer Werner Fassbinder in seinem neuen Film »Eine Reise ins Licht« allein über die Ehe sagt, stehen andere Ehefilmer, so Bergman, als kleinmütige Biedermänner da. Sie haben sie zu ernst genommen, die Ehe, die doch nur -- so sieht es bei Fassbinder aus -- ein groteskes und banales Schattenbild einer viel größeren, allgemeinen gespenstischen Situation des Eingesperrtseins ist.

Der moderne Mensch, der Bürger besonders, lebt in einem Getto, in dem die Ehe, so zeigt es Fassbinder, die kuriose Funktion einer heiteren Hölle hat.

Das Paar, das sich darin tummelt, liebt und quält, mag glauben, es sei dabei ganz privat, während es in Wahrheit auch im Schlafzimmer noch das Alleröffentlichste veranstaltet: eine Komödie der Abmachungen und Verdrängungen, bei der alles vom Ritual bedroht ist.

Wie entkommt einer jenen Ritualen, die für einen fremden Betrachter etwas Wahnhaftes haben müssen? Durch den puren Wahnsinn selber könnte der im Bürgerlichen befangene Bürger frei werden, ins Licht finden -- Fassbinders Film gibt dies mit düster-feixendem Humor als beliebig tiefsinnig ausdeutbare Antwort, die zugleich auch alle Antworten, Lösungen. Klarheiten als Lügen bloßstellt.

Fassbinders »Reise ins Licht« zeigt, basierend auf Nabokovs Roman »Verzweiflung«, die ausweglose Existenz eines reichen Bourgeois im frühnazistischen Berlin; der Mann, etwa Mitte fünfzig, ist Exilrusse, elegant, kultiviert und Schokoladenfabrikant.

Das Drehbuch ließ Fassbinder sich von dem englischen Dramatiker Tom Stoppard ("Travesties") schreiben, der sich eng an Fassbinders Vorstellungen hielt. Stoppards literarischer Stil schlägt im Film aber doch stark durch. Die Dialoge sind schillernd, spielerisch vertrackt, intellektuell, scheuen auch albern Frivoles und Kalauer nicht.

So erzählt der Schokoladenfabrikant, der Hermann Hermann heißt: Seine Mutter brachte in die Ehe ihr Gewicht, aufgewogen in Goldmünzen, die sich alsbald als Schokoladentaler entpuppten. Seine Frau brachte in die Ehe ebenfalls ihr Gewicht -- Punkt.

Diesen Hermann, der sich als Markenfarbe für seine Schokolade ein widerliches, lebloses Lila, Huldigung an die fliederfarbenen Kleider seiner Mutter, ausgesucht hat und im Kopf seiner Frau nichts als Konfekt und seinen geliebten türkischen Honig vermutet, spielt der Engländer Dirk Bogarde virtuos. Er gibt eine Ein-Mann-Show, die an seine großen Rollen von Loseys »Diener« bis zum Aschenbach in Viscontis »Tod in Venedig« erinnert.

Hermann ist, so wie ihn Bogarde spielt, die Verkörperung einer radikal ironischen Existenz. Erst indem sich der lächerlich seinen Süßigkeiten und seiner superdrallen Frau Lydia (Andréa Ferréol) Verfallene dem Wahnsinn überläßt, kommt in sein Leben Ernst. Am Schluß erreicht er als total Verrückter eine fast mystische Größe -- einen tief betroffen machenden Moment lang, bis der irre Schalk aus ihm hervorbricht.

Hermanns Irrewerden ist kein Fall für die Couch, deren Verwalter als Seelenquacksalber tituliert werden. Was in Hermann als Wahnsinn ausbricht, spiegelt die Krankheit einer Gesellschaft wider, jene Ende der zwanziger Jahre, in der dieser Saturierte gleichermaßen luxuriös wie langweilig dahinvegetiert: ein schleckernder, in Arroganz und einer verblödeten Ehe Erschlaffender.

Verzweifelt beginnt er zu ahnen, daß seine falsche und opportunistische Identität, mit der er sich zum Wohlstand durchgeschlagen hat, irgendwann böse auffliegen könnte. Er weiß schon, daß die alte, selbstgefällige Ordnung, die ihn getragen hat, bedroht ist, aber er kann darauf nur mit Sarkasmus, beim Börsenkrach in der Wallstreet, oder, bei antisemitischen Aktionen der Braunen, mit ungläubiger Verwunderung reagieren.

Doch da ist seine zerrissene Psyche. Er redet sich ein, daß ihm ein anderer, ein Landstreicher, zum Verwechseln ähnlich sieht. Weil er sich danach sehnt, dessen kreatürliches Leben zu leben, ermordet er ihn -- ein tragikomisches Verbrechen, denn er sieht dem Fremden eben nur ähnlich in seiner krankhaften Einbildung.

Endlich dann ins Licht gekommen -- aus dem in Art-Déco-Schwulst erstickenden Berlin findet er sich plötzlich vor einer pathetischen, Frische und Helligkeit atmenden Hochgebirgskulisse wieder -, ergibt sich Hermann mit abgründlerischer Clownerie den Ordnungshütern, der Polizei. Seine Angst ist damit jedenfalls zu Ende.

Fassbinders Film ist vieles, eine sardonische Ehekomödie, ein komplexer Psychokrimi, eine puzzlehafte Studie über den Zerfall einer Persönlichkeit und einer Welt. Er ist auch und vor allem ein faszinierender visueller tour de force: ein Film, der wie kein anderer kommerzieller in den letzten Jahren neu und gewagt ist, voller Dissonanzen, stilistischer Sprünge, Widersprüche, Kühnheiten.

Ähnlich wie Strawinskis »Sacre du Printemps« revolutionär für die Musik war, ist Fassbinders »Reise ins Licht« es nun für den Film: ein Werk, Fassbinders Meisterwerk, das einem herrschenden künstlerischen Idealismus den Garaus macht und zugleich eine neue betörende Ästhetik einführt.

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