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KINO Helden in Nadelstreifen

Hollywood dreht große Spielfilme über George W. Bush, Richard Nixon und Nelson Mandela, europäische Regisseure widmen sich dem Schaffen von Staatsmännern wie Giulio Andreotti oder Tony Blair - immer mehr Politiker werden auf der Leinwand gefeiert oder verdammt.
aus DER SPIEGEL 26/2008

Dieser Film war schon lange vor Drehbeginn eine Staatsaffäre. Als sich der Regisseur Oliver Stone Anfang des Jahres entschloss, eine Polit-Satire über den noch amtierenden US-Präsidenten George W. Bush in Angriff zu nehmen, verhängte er die höchste Geheimhaltungsstufe. Das Drehbuch hielt er unter Verschluss wie eine Akte, die brisantes Belastungsmaterial enthält.

Doch in Hollywood bleibt noch weniger geheim als in Washington. Es gab ein Leck.

Irgendwer kopierte eine Drehbuchfassung des »W.« betitelten Films und machte sie öffentlich.

Gleich vier Bush-Biografen setzte daraufhin das Branchenblatt »Hollywood Reporter« auf das Skript an. Sie sollten prüfen, ob Stone den 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten tatsächlich »fair und wahrheitsgetreu« darstellen wolle, wie der Regisseur behauptet hatte, oder nur den bösen Vorsatz hege, eine lahme Ente in die Pfanne zu hauen.

Die vier Experten taten sich schwer, Stone ein Authentizitätszertifikat auszustellen. Er sei so fair wie Donald Trump bescheiden, meinte Jacob Weisberg ("The Bush Tragedy"). Das Drehbuch vermittle den Eindruck, im Weißen Haus gehe es zu »wie in einer Burschenschaft«, nörgelte Robert Draper ("Dead Certain: The Presidency of George Bush"). Stone maulte daraufhin, er sei es leid, wegen mangelnder Faktentreue attackiert zu werden.

Seit Ende Mai nun dreht Stone, der Fakten und Fiktionen um Leben und Sterben von US-Präsidenten zuvor schon in seinen Filmen »JFK - John F. Kennedy - Tatort Dallas« (1991) und »Nixon« (1995) zu packenden Polit-Dramen verwoben hatte, in Louisiana sein Bush-Opus. Noch vor den Präsidentschaftswahlen im November soll »W.« anlaufen, in dem Josh Brolin ("No Country for Old Men") die Hauptrolle spielt.

Dass die Debatte um den Film schon jetzt so heftig entbrannt ist, zeigt: Auch im Kino bewegt die Politik die Amerikaner so stark wie selten zuvor.

So hat Hollywood neben Stones Bush-Biografie eine ganze Reihe von Politiker-Filmen in Auftrag gegeben. Der Regisseur Ron Howard ("Apollo 13") adaptierte das Theaterstück »Frost/Nixon«, das auf vier Interviews Richard Nixons mit dem britischen TV-Journalisten David Frost im Jahr 1977 basiert. In dem Film, der am 5. Dezember in den USA starten soll, spielt Frank Langella den ehemaligen US-Präsidenten und Michael Sheen seinen Interviewer.

Gus Van Sant ("Good Will Hunting") erzählt in »Milk« von Harvey Milk, der als Stadtrat in San Francisco für die Rechte der Schwulen kämpfte und 1978 von einem konservativen Lokalpolitiker erschossen wurde. »Milk« soll am gleichen Tag wie »Frost/Nixon« anlaufen, die Hauptrolle übernahm Hollywoods notorischer Polit-Aktivist Sean Penn.

Steven Spielberg plant gleich zwei Polit-Dramen: »The Trial of the Chicago 7« - über Ausschreitungen bei Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg während des Demokraten-Parteitags 1968 in Chicago - und das Historienepos »Lincoln« über den 16. (Bürgerkriegs-) Präsidenten der USA.

Clint Eastwood widmet sich der frühen Amtszeit Nelson Mandelas - Morgan Freeman wird den ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas darstellen.

Unklar ist noch, was aus dem Projekt »First Man« wird, in dem Meryl Streep die erste US-Präsidentin spielen sollte - und Robert De Niro ihren Mann.

Auch europäische Regisseure finden zunehmend Gefallen daran, das Leben von Politikern zu verfilmen. Bei den Festspielen in Cannes wurde »Il Divo«, Paolo Sorrentinos fulminantes Porträt des siebenmaligen italienischen Regierungschefs Giulio Andreotti, begeistert gefeiert.

Gleich drei Filme widmet der britische Autor Peter Morgan ("The Queen«, mit Helen Mirren in der Titelrolle) der politischen Karriere Tony Blairs, und auch Roman Polanski will in seinem neuen Film »The Ghost«, der auf dem Bestseller von Robert Harris beruht, dem Geist des früheren, noch immer jugendlich wirkenden britischen Premiers nachjagen.

Dabei gelten Filme über Politiker kommerziell als überaus riskant. So musste Oliver Stone nach dem »JFK«-Triumph mit »Nixon«, der in den USA keine 14 Millionen Dollar einspielte, einen der größten Flops seiner Karriere hinnehmen. Gerade Hollywood hält sich in seinen Filmen vom Politiker und seinem komplizierten Staatsgeschäft lieber fern - denn er widerspricht in fast jeder Hinsicht dem Anforderungsprofil des klassischen Helden.

Politiker müssen viel reden; Helden müssen viel handeln. Politiker müssen ihre Emotionen unterdrücken; Helden müssen sie ausleben. Helden werden von anderen Männern ins Feuer geschickt; Politiker schicken andere Männer ins Feuer. Für die meisten Hollywood-Produzenten ist Exekutivgewalt nur dann spannend, wenn sie mit den bloßen Fäusten oder dem Revolver ausgeübt wird.

Hollywoods jüngste Versuche, die Zuschauer im Kino für eine Debattenkultur zu gewinnen, scheiterten denn auch mehr oder weniger kläglich. Tom Cruise und Denzel Washington blieben mit ihren Filmen »Von Löwen und Lämmern« und »The Great Debaters«, in denen sie für politisches Engagement und leidenschaftliche Wortgefechte plädierten, an der Kinokasse deutlich hinter den Erwartungen zurück und mussten sich ernsthaft um ihre Popularitätswerte sorgen.

Doch als diese beiden Filme im letzten Herbst und Winter im Kino liefen, ahnte niemand, in welche Begeisterung der Vorwahlkampf der Demokratischen Partei die Amerikaner versetzen würde. Das Duell Hillary Clinton gegen Barack Obama wuchs sich zum nationalen Drama aus, zu ganz großem Kino, das im US-Fernsehen für Rekordeinschaltquoten sorgte. Der Streik der Drehbuchautoren führte überdies dazu, dass die Programmmacher der packenden politischen Wirklichkeit das Feld überlassen mussten - die Fiktion war nicht mehr konkurrenzfähig.

Der Vorwahlkampf der Demokraten sei das Beste gewesen, was dem amerikanischen TV-Drama seit den Schüssen auf J. R. Ewing in der Fernsehserie »Dallas« widerfahren sei, meinte der Kolumnist Benjamin Svetkey in der Zeitschrift »Entertainment Weekly": voller »überraschender Wendungen«, »Cliffhanger in so gut wie jeder Woche« und voll »fieser Dialogspitzen«. Washington, nicht Hollywood, war plötzlich das Zentrum der Unterhaltungsindustrie.

Das letzte Mal, als eine Fortsetzungsgeschichte aus Washington die Welt in Atem hielt, während ein umstrittener Krieg kein Ende nahm und der US-Präsident immer mehr an Ansehen verlor, schlug Hollywood daraus beherzt Kapital: Nachdem 1973 über Monate hinweg nach und nach die Watergate-Affäre enthüllt worden und das Ausmaß der Korruption deutlich zu Tage getreten war, trafen die Polit-Thriller »Zeuge einer Verschwörung« (1974), »Die drei Tage des Condor« (1975) und »Die Unbestechlichen« (1976) genau den Nerv der Zeit und wurden große Erfolge.

Eine ähnliche Aufbruchstimmung, wie sie 1976 beim Präsidentschaftswahlkampf des demokratischen Kandidaten Jimmy Carter gegen den republikanischen Amtsinhaber und Nixon-Nachfolger Gerald Ford herrschte, machen viele Regisseure und Schauspieler heute wieder in Hollywood und im Rest des Landes aus. Und sie wollen dies nutzen, um das Publikum im Kino für die Politik und ihre Protagonisten zu interessieren.

Tatsächlich haben Fernsehen und Kino das politische Bewusstsein ihrer Zuschauer in den letzten Jahren geschärft: etwa durch TV-Serien wie »The West Wing« und Filme wie »Syriana« oder »Babel«, die versuchen, weltpolitische Zusammenhänge zu vermitteln. In »Babel« löst der Schuss eines marokkanischen Hirtenjungen auf einen Bus voller US-Touristen eine internationale Krise aus und verändert das Leben der Menschen von Mexiko bis Japan.

Vielleicht zum ersten Mal in seiner Geschichte hat Hollywood eine Erzählstruktur entwickelt, die komplex genug sein könnte für die Darstellung der Politik und ihrer Verwicklungen. Und so stellt sich für die Regisseure und Autoren umso dringlicher die Frage, welchen Einfluss einzelne Menschen in diesem gewaltigen globalen Räderwerk haben. Was macht, fragen sie, eigentlich Macht aus?

»Halten Sie Ihr Ego im Zaum. Ich bin der Präsident. Ich entscheide.« Mit diesen Worten soll Bush in Stones Film »W.« angeblich, in der bislang bekannten Drehbuchfassung, seinen von Richard Dreyfuss gespielten Vize Dick Cheney zurechtstutzen. Ist es ein Zeichen von Stärke, wenn der Präsident sagt, wo der Hammer hängt - oder verrät es Unsicherheit? Die neuen Politikerfilme jedenfalls wollen wissen, worin Führungsqualitäten bestehen und wie sie sich offenbaren.

Selbst Ernesto Che Guevara, Held der kubanischen Revolution, wird in Steven Soderberghs Viereinhalb-Stunden-Opus »Che« als besonnen abwägender, gewissenhafter Anführer gezeichnet, der sogar im Eifer des Gefechts Werte wie Gerechtigkeit und Menschlichkeit hochhält und seine Männer deshalb hinter sich schart. Eine Leitfigur, im tiefsten Dschungel und im dichtesten politischen Dickicht. Wäre Che der ideale Staatsmann gewesen?

Oder muss ein Politiker nicht doch eher ein Machiavelli sein, ein raffinierter, zu Winkelzügen und Intrigen und Verschwörungen bereiter Machtmensch? In »Il Divo« wirkt Andreotti, von Toni Servillo mit regloser Miene und eckigen Bewegungen gespielt, wie eine Marionette - das perfekte Täuschungsmanöver, denn tatsächlich zieht er alle Strippen. Der Film setzt Andreotti ins halbkriminelle Zwielicht und zollt seinem Scharfsinn, seiner Geistesgegenwart und seiner Überlebenskunst dennoch ständig Tribut.

Vielleicht reagieren diese Filme auf eine Sehnsucht nach neuen Leitfiguren. Die kanadische Castingshow »The Next Great Leader«, bei der die Kandidaten zu Rededuellen über aktuelle politische, wirtschaftliche und soziale Themen antreten, war so erfolgreich, dass sie vom britischen Sender BBC übernommen wurde. Nun hat auch das ZDF die Rechte an dem Format erworben. »Der nächste große Führer« soll die Show aber nicht heißen, ließ ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender vorsichtshalber schon verlauten.

Dass Politik wieder als sexy gilt, liegt natürlich nicht zuletzt an den vielen Filmstars, die sich inzwischen als Friedensaktivisten und Uno-Botschafter engagieren. »Können Sie sich jemanden wie Lech Walesa auf einem Bärenfell vorstellen?«, fragte George Clooney unlängst rhetorisch. »Natürlich bin ich der männliche Uno-Botschafter mit dem meisten Sex-Appeal!«

Während immer mehr Spitzendarsteller auf die politische Weltbühne klettern, gehen die Politiker schon seit langem bei den Schauspielern in die Lehre, um zu lernen, wie man sich selbst möglichst perfekt in Szene setzt. Doch je größer die Kluft zwischen der öffentlichen Erscheinung eines Politikers und seiner tatsächlichen Persönlichkeit wird, desto mehr heikle Geschichten gibt es über ihn zu erzählen.

Heutzutage würden Politiker immer extremere Doppelexistenzen führen, ist Peter Morgan überzeugt, der sich in seinen Drehbüchern nicht nur mit dem Innenleben von Tony Blair, Queen Elizabeth und Idi Amin (in »The Last King of Scotland") beschäftigt hat, sondern auch das Theaterstück »Frost/Nixon« schrieb und es selbst für die Leinwand adaptierte.

Staatsmänner wie Nixon sind laut Oliver Stone die moderne Version von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Und weil Politiker oft zwei Gesichter haben, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sind sie vielleicht wirklich die spannendsten Figuren unserer Zeit. LARS-OLAV BEIER

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