Helene Hegemann

Geschlossene Gesellschaft Als würden die Karten neu gemischt

Helene Hegemann
Ein Gastbeitrag von Helene Hegemann
Bisher führt die Coronakrise keine Spaltung zwischen Alt und Jung oder zwischen Starken und Schwachen herbei. Das liegt auch an der Angst, aus eigener Unvorsicht andere Menschen umzubringen.
Helene Hegemann: "Man ist, solange der Ausnahmezustand anhält, nicht an seinem eigenen Scheitern Schuld. "

Helene Hegemann: "Man ist, solange der Ausnahmezustand anhält, nicht an seinem eigenen Scheitern Schuld. "

Foto:

Christoph Hardt/ Future Image/ imago images

Geschlossene Gesellschaft

Was macht Corona mit dem Leben? In dieser Reihe schreiben Künstler, Autorinnen und Denker über die großen Fragen in der Krise.

Alle Artikel zur Coronakrise

In der Verhaltenstherapie gibt es eine Methode, die als "paradoxe Intervention" bezeichnet wird. Der Therapeut fördert das schlechte Verhalten des Patienten, um es abzubauen. Ein einfaches Beispiel, mit dem wir zurzeit alle was anfangen können: Wenn sich ein Zwangsneurotiker jede halbe Stunde die Hände wäscht, befiehlt der Therapeut ihm, sich die Hände nicht mehr jede halbe Stunde, sondern alle fünfzehn Minuten zu waschen. Im besten Fall kommt der Patient dann nicht mehr hinterher und ist so überanstrengt, dass er das Händewaschen gleich ganz vergisst.

Zur Autorin

Die Filmemacherin und Schriftstellerin Helene Hegemann, Jahrgang 1992, wurde als 16-Jährige bekannt mit dem Kurzfilm "Torpedo", der bei den Hofer Filmtagen uraufgeführt wurde. Im Alter von 18 Jahren veröffentlichte sie 2010 den von vielen Kritikerinnen und Kritikern gelobten Roman "Axolotl Roadkill", sah sich aber wegen einiger bei anderen Autoren abgeschriebener Textstellen auch Plagiatsvorwürfen ausgesetzt. Mit dem Roman "Bungalow" war Hegemann 2018 für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Man sollte Krankheit nicht als Metapher missbrauchen, wissen wir, trotzdem: Corona könnte man wohlwollend als gesamtgesellschaftliche Variante dieser Symptomverschreibung betrachten, nicht als Strafe Gottes, sondern als elaborierte psychotherapeutische Maßnahme Gottes: Einer aus vereinzelten Marktteilnehmern bestehenden Gesellschaft, in der das erste Gebot in egoistischer, abgekapselter Verfolgung der eigenen Interessen besteht, wird plötzlich eine Extremform von sozialer Distanzierung verschrieben. Auf den ersten Blick führt diese Isolation dazu, dass sich nach dem Gegenteil zurückgesehnt wird, nach Solidarität als absoluter Notwendigkeit.

In Krisenzeiten werden immer Grenzen gezogen

Gehen wir mal davon aus, dass der Kapitalismus keine Basis für Solidarität bietet. Und dass die wahren Tugenden des menschlichen Zusammenlebens allesamt aus Qualitäten bestehen, die der Kapitalismus für dysfunktional erklärt. Dann ist es wirklich ein Paradox, dass Solidarität zurzeit überall gewollt und geübt wird. Macron preist die Werte des Zusammenhalts. Turbokapitalisten tun so, als wollten sie sich opfern für den Erhalt einer Wirtschaftsordnung, die mal darauf basiert hat, dass sich auf keinen Fall irgendjemand freiwillig für irgendwas opfert.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

In der "Tagesschau" fällt sinngemäß die Aussage, Deutschland benehme sich gut. Das ist erst mal schön. Vielleicht wird es aber auch noch anders verlaufen. Man weiß nie. In den USA etwa kursiert der Begriff boomer remover in den sozialen Medien, so nennen ein paar Millennials das Coronavirus, weil ihre Eltern und Großeltern gefährdeter sind als sie selbst. Das ist ein hartes, morbides Schlagwort. In Krisenzeiten werden immer Grenzen gezogen. Damit die anderen Schuld sind. Man nennt das "Othering".

Der Begriff boomer remover würde implizieren, dass die anderen jetzt die Alten und Schwachen, also die Gefährdeten sind. Die Rentner, die nichts mehr leisten, sich nicht mehr selbst helfen können, die nach Steuerabzug 2000 Euro auf dem Konto haben, rumhängen und nach Ibiza oder Afrika fahren und mit den Kreuzfahrtschiffen die Welt verpesten. Die Alten, denen die Jungen die Rente erwirtschaften müssen, was sie zurzeit aufgrund des im Interesse dieser Alten und Schwachen herbeigeführten Shutdowns nicht tun können.

Kurz: Die Jungen könnten das Virus ja aus Versehen auch als eleganten Weg betrachten, durch das, was manche natürliche Auslese nennen, den Rentnerberg abzubauen. Als Gelegenheit, die unproduktiv Mitgeschleppten, die Alten, Kranken, Schwachen, so zu dezimieren, dass sie die Wirtschaft nicht mehr belasten. Wer weiß, ob sich das am Ende wirklich lohnen würde. Trotzdem. Es zählt die nette Idee.

"Die jetzige komplette Lahmlegung der Gesellschaft entlastet auch die, für die sie nicht notwendig wäre."

Aber bisher führt die Krise keine Spaltung zwischen Alt und Jung oder zwischen den Starken und den Schwachen herbei. Es gab zu Beginn, vor dem Shutdown, sogar eine Phase, in der man in den Gesichtern unterschiedlichster junger Menschen plötzlich etwas sehen konnte, das vorher nicht da war; einen angstvollen Ausdruck des Bewusstseins für die Möglichkeit, das Virus mit sich rum und deshalb als potenzielle Mordwaffe durch die Welt zu schleppen. Ich habe selten so viele Panikattacken im Bekanntenkreis miterlebt.

Die hatten weniger mit der Angst um sich oder das eigene Unternehmen zu tun (auch, ja, aber nicht vorrangig), als mit der wirklich tiefen, existenziellen Panik davor, wen anderes aus Rücksichtslosigkeit, Egoismus und Unvorsicht umzubringen.

Sehr, sehr zugespitzt formuliert: Die jetzige komplette Lahmlegung der Gesellschaft entlastet auch die, für die sie nicht notwendig wäre. Weil es sich oberflächlich so anfühlt, als würden kurz mal die Karten neu gemischt werden. Und eine übergeordnete Instanz - von der man nicht mal mehr geglaubt hat, dass es sie überhaupt gibt - beschließt, dass es zurzeit um was anderes gehen muss als darum, ob man seinen Geschäften nach- oder jeden Morgen ins Fitnessstudio gehen kann.

Man ist, solange der Ausnahmezustand anhält, nicht an seinem eigenen Scheitern Schuld. Und muss dafür denen danken, die zu schwach sind, um sich selbst zu helfen, also denen, für die nach der Logik des Marktes überhaupt kein Platz hier wäre.

Das Problem, das wir gerade haben, kann also nicht durch Wettbewerb und den gängigen Konkurrenzmechanismus gelöst werden. Der Versuch, das gesamte menschliche Leben marktmäßig zu gestalten, ist damit gescheitert. Offiziell. Das klingt extrem nach "Krise als Chance". Man wünscht sich fast, dass Pflegepersonal und Supermarktangestellte, die endlich auffallen als die, die "den Laden am Laufen" halten, genau jetzt in den Streik treten würden. Das können sie natürlich nicht. Weil es unsolidarisch wäre, weil sie damit Menschen umbringen würden. Der Solidaritätsgedanke führt in diesem Fall also auch dazu, dass Menschen, die sowieso immer schon ausgebeutet werden, sich im Moment ihrer größten Unentbehrlichkeit weiterhin ausbeuten lassen müssen.

Eine Entwicklung ist in diesem Zusammenhang noch interessant: In der Schweiz werden Menschen über 70 dazu aufgefordert, in ihren Patientenverfügungen festzuhalten, ob sie im Fall eines schweren Corona-Verlaufs lebenserhaltende Maßnahmen wünschen oder nicht. Das geschieht auf freiwilliger Basis, dahinter steckt aber dennoch der Gedanke, dass die Krankenhäuser entlastet würden, wenn sich die, die sowieso sterben wollen, gar nicht erst hineinbegeben.

Dass man selbst über seinen Tod bestimmen kann, ist nicht schlecht. Wird an dieser Stelle aber zur Sparsamkeit eingesetzt. Und das ist brutal, im Kern ist das unglaublich brutal. Weil hier dann doch die über die Klinge springen müssen, die sich nicht selbst helfen können. Und zwar freiwillig. Der emanzipatorische Akt, über das eigene Ableben entscheiden zu können, wird instrumentalisiert, um Ressourcen zu schonen.

Wenn die, die nicht überleben wollen, alle schriftlich eingewilligt haben, kann man sie draufgehen lassen und ist entlastet. In Dostojewskis "Dämonen" schlägt Schilganjow eine neue Weltordnung vor. Er schlägt vor, "die Menschheit in zwei ungleiche Teile zu teilen. Ein Zehntel erhält die Freiheit der Person und das unbeschränkte Recht über die übrigen neun Zehntel." Zur Durchsetzung dieses Systems ist allerdings eine Maßnahme nötig. "Ich schlage vor, hundert Millionen Menschen zu töten. Das verschafft uns eine gewisse Erleichterung und wir setzen geschickter über den Graben."

Die Gefahr, dass die Barbarei vollkommen über uns hereinbricht

Dass solche Themen jetzt wirklich behandelt werden müssen, in Zeitungen, in den Nachrichten, ist absolut irre. Es kann eine Wende zum Guten sein, dahin, dass die reine Gewinnsucht an ihr natürliches Ende kommt. Allerdings ist die Gefahr, dass die Barbarei, die Herrschaft der Gewaltmärkte, hinterher vollkommen über uns hereinbricht, offenbar genauso groß. Nicht obwohl, sondern weil sich kurz noch mal alle versichern konnten, dass Solidarität noch existiert. Vielleicht kann es nach dieser Erfahrung mit der Brutalität jetzt erst so richtig losgehen.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.