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ALKOHOLISMUS Helfer nebenan

Alkoholismus am Arbeitsplatz nimmt zu. Einige Modelle innerbetrieblicher Hilfe haben sich jedoch bewährt.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Der dreiunddreißigjährige Industriekaufmann, unglücklich geschieden und beruflich überfordert, war kein heimlicher Säufer, sondern hoffnungsloser Alkoholiker. Nach einer Entziehungskur mußte er jeden Mittag im Betriebsratsbüro des Essener RWE-Konzerns vorsprechen, um unter Aufsicht eine »Antabus«-Tablette zu schlucken, gegen die Sucht.

Als er wieder anfing, erst pikkolo-, dann flaschenweise Sekt zu trinken, ging es rapide mit ihm bergab. Schließlich ging er -- völlig ausgeflippt -- in einer Mittagspause zur Bank, zeigte eine Gaspistole vor und schob die karge Beute von 6000 Mark gleich wieder zurück: »Ich will das Geld nicht, rufen Sie lieber die Polizei.«

Letzten Monat wurde der junge Angestellte zu zehn Monaten Haftstrafe verurteilt. Doch weil der Richter die Tat als Verzweiflungsakt eines Alkoholkranken einordnete, erkannte er auf Bewährung. Der Trinker war zwar noch einmal halbwegs davongekommen, doch die Bemühungen seiner Firma, einen Alkoholiker zu reintegrieren, waren wieder einmal fehlgeschlagen.

Vier von fünf Süchtigen, so klagte ein RWE-Vertreter auf einer Personalleitertagung, würden nach einer Entziehungskur wieder rückfällig: »Es stellt sich die Frage, ob die Mühe, die man sich mit Suchtkranken macht, nicht vergeblich ist.«

Manchem Unternehmen scheint dies, allen Rückschlägen zum Trotz, noch immer der Mühe wert, und nicht überall sind die Rückfallziffern so deprimierend. Als modellhaft gelten Versuche bei dem Chemiekonzern Bayer in Leverkusen oder auch bei einigen mittleren Unternehmen wie der Heidenheimer Maschinenfabrik Voith.

Sie trinke ihren Likör, »weil er ein kühles Betriebsklima ziemlich schnell erwärmt«, sagt »die 1555. von allen« aus der einschlägigen ("Jägermeister«-) Werbung und trifft durchaus den Kern des Problems -- der Alkoholkonsum ist nach einhelliger Expertenmeinung durchaus abhängig vom Klima im Unternehmen.

Nicht zuletzt deshalb schrecken Firmen davor zurück, einzugestehen, »daß Suchterkrankungen im Arbeitsbereich ein Problem darstellen, das nicht mit klassischen Disziplinierungsmaßnahmen allein zu lösen ist« -- so die Oberhausener Sozialarbeiterin Maria Wassermann, die sich beim Stahlkonzern Thyssen um das Problem kümmert. Ihre Klientel jedenfalls steigt ständig, trotz sinkender Belegschaft.

Und obwohl die Bemühungen einiger Firmen, das Problem zu meistern, aller Ehren wert sind, möchten sie es in der Öffentlichkeit lieber totschweigen. Bayer-Betriebsarzt Siegfried Sparrer zum Beispiel äußert sich ausschließlich vor Kollegen. Dabei haben die Bayer-Leute in einem bislang fünf Jahre währenden Modellversuch inzwischen mehr als 200 Alkoholiker »ausgetrocknet«.

Das Geheimnis des Erfolgs sieht Sparrer vor allem in der Person seines therapeutischen Mitarbeiters. Und der wiederum erklärt es so: »Ohne Solidarität zwischen Alkoholiker und Therapeut« sei überhaupt nichts zu machen, da werde die Diagnose Alkoholkrankheit »meistens als Wahrheit überhaupt nicht begriffen«.

Zwischen ihm und den Alkoholikern bei Bayer Leverkusen ist die Solidarität offenbar besonders groß, denn der Therapeut war selbst alkoholkrank. Wichtigstes Ergebnis seines Wirkens: Bei Bayer ist es weithin gelungen, die Diffamierung von Alkoholikern, also von Kranken, als Säufern abzubauen.

Überall im Betrieb kann der Abhängige am Schwarzen Brett Hinweise auf den Therapeuten finden, und er kann ihn jederzeit direkt ansprechen, ohne von einer Zentrale vermittelt oder von einer Vorzimmerdame befragt zu werden.

Die Behandlung dauert mindestens neun Monate, bisweilen auch bis zu anderthalb Jahren und stützt sich -- neben Einzelgesprächen -- auf den Austausch von Erfahrungen in Gruppen, die nach der Arbeit zusammenkommen und betreut werden.

Hansi Kleinsorge, Betriebsärztin bei der BASF in Ludwigshafen, macht sich gleichfalls Gruppenarbeit zunutze, müht sich jedoch, die Alkoholkranken auch außerhalb des Werkes im Auge zu behalten.

Laien-Helfer, alle ehemalige Alkoholiker, betreuen drinnen und draußen Kleingruppen und gewinnen dadurch ihrerseits an Selbstsicherheit im Betrieb. »Der abstinente Alkoholiker«, sagt die Ärztin Kleinsorge, »wirkt zudem angstreduzierend auf den Süchtigen.« Denn Suchtkranke haben -- meist durchaus zu Recht -- erhebliche Arbeitsplatz-Ängste.

Zwar sind die Betroffenen nicht immer einfach auszumachen. Während Gelegenheitstrinker im Rausch meist auffallen, sind Gewohnheitstrinker oder gar chronisch Alkoholkranke bemüht, sich, solange es irgend geht, zu tarnen. Wenn sie aber erkannt sind, dann muß sie ein Betriebsarzt manchmal vor allzu forschen Vorgesetzten schützen, die sich laienhafte Schocktherapien ausdenken.

Wichtigste Voraussetzung für eine Therapie ist zwar, wie bei allen Abhängigkeiten, die Intensität des Leidensdrucks. Strafversetzungen oder Entlassungsdrohungen aber, die Vorgesetzte zum vermeintlichen Wohl des Mitarbeiters aussprechen, führen, wie Sparrer meint, »eher zum Selbstmord als zur Behandlung«. Der Konstanzer Verhaltenstherapeut Rudolf Cohen brachte diese Schocktherapien auf die Formel: »Die Bestrafung wirkt wie Rizinus bei Husten -- eine Zeitlang traut man sich nicht mehr.«

Umstritten ist unter Fachleuten, ob ein ganz rigides Alkohol-Tabu sinnvoll ist. Bei der BASF sind zwei Flaschen Bier während der Arbeitspause erlaubt -- für einen Alkoholiker ausreichend, um rückfällig zu werden. Zwar gibt es unter Sozialpolitikern kaum Stimmen, die für ein striktes Verbot eintreten, doch der Berliner Arbeitssenator Olaf Sund plädiert zumindest für einen »Wandel der Trinksitten« im Betrieb.

Solange in Chef-Etagen bei jedem Anlaß getrunken wird, so Sund, »kann man allen Ernstes nicht erwarten, daß einige Etagen tiefer oder im nahen Hitzebetrieb« auf den gewohnten Bierkonsum verzichtet werde.

Nach der Statistik konsumieren Beamte besonders wenig (vier Prozent) und Facharbeiter überdurchschnittlich häufig (25 Prozent) Alkohol am Arbeitsplatz. Wenn im Betrieb ein Unfall passiert, ist nach einschlägigen Untersuchungen oft Alkohol im Spiel, nach Schätzungen des Verbandes der Hamburger Metallindustriellen in dieser Branche sogar bei jedem dritten Unfall.

Viele Großunternehmen versuchen nun stärker gegenzusteuern, schon um die oft in die Millionen gehenden Schäden nicht weiter steigen zu lassen. Intensive Aufklärung am Arbeitsplatz hat, so Sparrers Erfahrung bei Bayer, wenigstens dazu geführt, »daß das Vertuschen aufhört«.

Auf Offenheit ist auch der Versuch bei der schwäbischen Maschinenfabrik Voith angelegt. In der Heidenheimer 6000-Mann-Niederlassung gelang es, durch Dauer-Agitation den Bierkonsum seit 1976 um ein Drittel zu senken.

Projektleiter Wolfgang Schwandt, hauptamtlich bei der Betriebskrankenkasse tätig, installierte ein Helfersystem, das horizontal -- von Arbeiter zu Arbeiter, Meister zu Meister -- funktioniert. Geheilte Alkoholiker kümmern sich am Arbeitsplatz wie in der Freizeit um gefährdete Kollegen.

Bemerkenswert ist auch eine Retriebsvereinbarung bei Voith über »die menschliche Zusammenarbeit im Rerieb«, getroffen zwischen der IG Metall und der Geschäftsführung. Danach werden, zunächst streng vertraulich, alle möglichen Hilfen zuteil.

Erst in einem späten Stadium wird die Personalabteilung informell hinzugezogen, und erst wenn eine ganze Kette von Abmahnungen und Verwarnungen, aber auch von Hilfsangeboten ohne Erfolg bleibt und Auflagen nicht beachtet werden, droht die Entlassung.

Das Unternehmen versucht, auch im Eigeninteresse, jedem eine Chance zu geben. Erst wenn nichts mehr geht, gilt auch bei Voith, was bei vielen Firmen praktisch die erste Maßnahme ist: Wer säuft, fliegt.

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