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FILM Heller Wahn

Die Filmgroteske »Nicht nichts ohne Dich«, vergangene Woche mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet, kommt jetzt in die Programmkinos. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Der erste Spielfilm der Hamburgerin Pia Frankenberg mit dem merkwürdigen Titel »Nicht nichts ohne Dich« erzählt keine gradlinige Geschichte, sondern sprudelt nur so von Geschichten. Unsichtbare Fäden verbinden sie miteinander wie ein Mobile.

Da ist Martha, eine junge Frau mit Kind, deren Selbstbewußtsein sich aus

bestem Stall, ihrem Konto, nicht zuletzt ihrer Erscheinung nährt. Pia Frankenberg selbst spielt diese Martha mit einem Hauch von Narzißmus, der immer wieder durch Selbstironie gebrochen wird. Denn dauernd beteuert sie, daß sie innerlich zerrissen sei, weil sie reich ist und arm dran sein will.

Martha ist Filmemacherin. In dieser Eigenschaft wird sie von einer Journalistin interviewt, der sie, heller Wahn, krause Antworten ins Mikrophon schwafelt - über Frauen und Film, weibliche Solidarität und die Ästhetik des schönen Geschlechts.

Doch die Komödie, deren Titel auf ein Gedicht von Erich Fried zurückgeht, wird vor allem durch Marthas Film-Freund Alfred (Klaus Bueb) getragen, einen Mann Ende Dreißig, der immer noch Architektur studiert, um der Erotik des Bauens auf den Grund zu kommen. Geschädigt durch die Banalitäten von Zweierbeziehungen und Wohngemeinschaften, ist Alfred zu einem Kasper verkommen, zu einem Stadtneurotiker vom Eppendorfer Baum.

Auf seinem Weg durchs winterliche Hamburg schlägt er zugleich eine breite Schneise durch den Aberwitz des Alltäglichen - etwa wenn er Erich Frieds Gedicht einer geduldigen Alten in der U-Bahn vorträgt.

Doch Pia Frankenberg huldigt nicht nur dem höheren Blödsinn, sondern nimmt auch treffend deutsche Wirklichkeit aufs grobe, schwarz-weiße Korn - etwa wenn eine stille türkische Familie beredt von einem bundesdeutschen Beamten in den Westen hofiert wird und die eigentlich erwartete DDR-Familie derweil in der Türkei frustriert ihren Mokka schlurft. Die »Sinnlichkeit des Zusammenhangs« hat Alexander Kluge einst seine erhellenden Montagen genannt. In Pia Frankenberg hat der Autorenfilmer eine kluge Schülerin gefunden.

Nach dem Abitur an einer Lehranstalt für die betuchten Stände beim Bodensee versuchte sie sich zunächst als Schauspielschülerin an einer Hamburger Hochschule. Doch schnell schmiß sie dieses Kunstgewerbe wieder hin, spielte bei freien Theatergruppen mit und ging zum Film, erst mal als »Klinkenputzerin« (Frankenberg). 1979 landete sie als Volontärin und Co-Produzentin bei Luc Bondy ("Die Ortliebschen Frauen") und machte dann die Innenrequisite für Vadim Glownas manieriertes Kiez-Movie »Desperado City«.

Mit Glownas Kameramann Thomas Mauch, einem Sproß aus Kluges Ulmer Filminstitut, verband sie fortan nicht nur künstlerisches, sondern auch persönliches Interesse. Mauch ist auch ihr Kameramann sowie der Vater ihres Sohnes Jonathan.

Einen eigenen Kurzfilm konnte Pia Frankenberg bereits 1984 auf der Berlinale präsentieren. »Der Anschlag«, wie die kleine Eulenspiegelei heißt, handelt von einer Ohrfeige, die die Stadtrunde macht. Für »Nicht nichts ohne Dich« erhielt sie kürzlich in Saarbrücken den mit 25000 Mark dotierten Max-Ophüls-Preis für Nachwuchsregisseure.

Das Lob, das ihr die Jury für dieses heitere Werk aussprach, könnte Pia Frankenberg einer ihrer Figuren in den Mund gelegt haben: »Eine zutiefst ernste Komödie über Oberflächlichkeit und das Leid, sein Leben improvisieren zu müssen.« _(Mit Pia Frankenberg, Klaus Bueb. )

Mit Pia Frankenberg, Klaus Bueb.

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