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Hellmuth Karasek über Bodo Kirchhoff: »Die Einsamkeit der Haut«

Narziß im Bahnhofsviertel Bodo Kirchhoff, 33, wurde als Sohn der Bestseller-Autorin von Frauenromanen Evelyn Peters in Hamburg geboren, studierte Psychologie und promovierte über den französischen Analytiker Jacques Lacan und über psychoanalytische Pädagogik. Der in Frankfurt lebende Schriftsteller publizierte die Theaterstücke »Das Kind oder Die Vernichtung von Neuseeland« und »Body-Building«, die beide 1979 in Saarbrücken uraufgeführt wurden, sowie die Erzählung »Ohne Eifer, ohne Zorn«, die, ebenfalls 1979, bei Suhrkamp erschienen ist -- »ein Debüt zum Fürchten« ("Die Zeit").
aus DER SPIEGEL 17/1981

Auf dem Schutzumschlag ist ein Ausschnitt eines Stadtplans zu sehen: Straßennamen wie Moselstraße, Niddastraße, Elbestraße signalisieren, daß es sich um den wohl verrufensten Stadtteil der Bundesrepublik handelt, um das Frankfurter Bahnhofsviertel, dessen Achse die Kaiserstraße mit ihren Sexshops, Peepshows, Imbißrestaurants bildet, und das vorwiegend von jenen fremdartigen Gestalten bevölkert wird, die den Hauptantrieb für deutsche Fremdenfurcht, ja Ausländerphobie darstellen.

Abgegrenzt wird das Viertel von jener Spekulantensilhouette von protzigen Bankklötzen, die der Stadt ihren Ruf eines deutschen Chicago eingetragen haben. Hinter den einst gutbürgerlichen, rotbraunen Fassaden der Häuser vermutet der erschrockene Besucher die dunklen Löcher illegaler Asylantenwohnungen, Bordelle und Spielsalons; die Gegend, die der Mietwucher längst von den bürgerlichen Stammwohnern befreit hat, wird von Pelzhändlern, Glücksspielern, Zuhältern, Nutten in Plateausohlenstiefeln und herumlungernden Männern bevölkert, die auch im Sommer dicke dunkle Mäntel und auch im Winter dicke dunkle Sonnenbrillen tragen.

»Die Einsamkeit der Haut«, so signalisiert der Stadtplan auf dem Umschlag, handelt vom Frankfurter Stricher-, Fixer- und Ausländer-Milieu, das im deutschen Bewußtsein eine ähnliche Rolle spielt, wie das Planquadrat um die 42. Straße Manhattans für amerikanische Provinzängste.

Solche Gegenden laden auch zu literarischen Sightseeing-Touren ein, die noch dazu vor realen Besuchen den Vorteil haben, daß die Infektionsgefahr gering ist und man nur im Geiste aufs Kreuz gelegt und geneppt werden kann: Verruchtheit ohne Risiko; die Einsamkeit der Haut bleibt bewahrt.

Tatsächlich muß Bodo Kirchhoff mit seinen sechs Erzählungen aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel solche und ähnliche Erwartungen bereits geweckt und enttäuscht haben. Denn ausgerechnet ein Kunde, der das Buch in der »FAZ« besprochen hat, wirft ihm vor: »Pornographie kann Lust erzeugen und hat dann wenigstens diesen Zweck erfüllt. Wozu aber bewußt und systematisch Ekel erzeugen?«

Einen Besuch im »Crazy Love« oder im »Eros Center« kann man sich, insofern stimmt der »FAZ«-Vorwurf, durch das Buch weder ersparen noch ersetzen.

Nun wollen die Erzählungen von Kirchhoff jedoch keineswegs Schlepperdienste für die Kaiserstraßen-Etablissements leisten. Und sie wollen auch nicht, im Sinne jener mutig alle gängigen Obszönitäten in den Mund nehmenden Wortführer zum Sonntag den Strich mit jener Freakverzweiflung bevölkern, die einem vor Augen führt, wohin man kommt, wenn man ohne Gott durch Frankfurt bummelt.

Vor literarischen Animierdiensten ist Kirchhoffs Buch, sind seine Erzählungen dadurch geschützt, daß sie jene stumpfen Strecken der Langeweile und Leere, des Ekels und Selbstekels schildern, die in der Pornographie (Bewegung ist alles) ständig mit Sexualgymnastik und Beischlafakrobatik hinweggeturnt werden.

Und vor jenen selbstgefälligen Traktaten der Verworfenheit bewahrt Kirchhoffs Prosa die Einsicht, daß Erzählen nicht immer aus der Warte höherer Einsicht zu erfolgen hat.

Held der sechs Kirchhoffschen Erzählungen ist ein Bibliotheksangestellter, der im Bahnhofsviertel seine Freizeit totschlägt und sich dabei von seinen Beobachtungen und Selbstbeobachtungen wie von Spiegeln umstellt sieht.

Nicht umsonst ist der Boby-Builder, der seinen eigenen Körper vor dem Spiegel trainiert, eine Lieblingsidentifikationsfigur des Autors: »Nach fünfzig Wiederholungen sind die Pflichten getan. Ich stehe auf und trockne mir den Schweiß ab. Setze mich dann an den Schminktisch, wo ich immer sitze vor dem dritten Höhepunkt und blicke mir entgegen. Beuge mich nach vorne und richte so die Seitenspiegel, daß der Unendlichkeitseffekt entsteht: Unentwegt mein Profil, links und rechts in den Spiegelschächten, ohne Ende; und der Ausgangspunkt ist hier, bin ich sozusagen. Ich fasse mir an den Kopf und sehe in den Tiefen des Spiegel noch haargenau dasselbe.«

Wollte und könnte diese Prosa ihr Programm verraten -- hier wäre es enthalten: die Reflektion, die dem Gespiegelten nichts hinzufügt und nichts wegnimmt; der Spiegel, der so irritierend genau ist, daß er das Bild nicht etwa durch einen tieferen Sinn trübt.

So schildern die Erzählungen jemanden, der auch im Spiegel nicht aus seiner Haut kann; in sie ist er eingenäht, ein verdrossener Narziß, der sich seine Selbstverliebtheit in Trainingsstunden aneignet und der, von Bakterienphobien begleitet, gebremst und angestachelt, seine voyeuristischen Reisen durch Kneipen, Bordelle und Theatercafes macht.

Die Angaben zur Person sind nüchtern, weil nachmeßbar: »Ich wiege jetzt zweiundsiebzig Kilo bei einer Körpergröße von einssechsundsiebzig. Mein Oberarmumfang beträgt, ich vermesse mich zweimal pro Woche, siebenunddreißig Zentimeter zur Zeit ...« Sorgen macht ihm der »leichte Haarausfall«, gegen den er sich ein Mittel gekauft hat. »Ein etwas größeres Problem sind meine Zähne.« Und zwar: »Da ich ein Süßigkeitenmensch bin ...« Daß er S.230 eine Zahn-Plombe verliert, macht diesem Perfektionisten seines Körpers also ebensoviel Kopfzerbrechen wie die Planung der sexuellen und sonstigen Höhepunkte seines Lebens.

Es ist keineswegs Hohn, sondern bis ins Detail exerzierte Lebensstrategie, wenn der Ich-Erzähler im Cafe alle Mühe darauf verwenden muß, den Fehler eines Obers wettzumachen, der ihm den Kuchen zuerst und die Sahne erst später, auf Mahnung, brachte: »Die Sahne! Ich häufe sie auf und merke, daß zwischen dem verbliebenen Apfelkuchen und dem hinzugekommenen Sahneberg ein Mißverhältnis besteht, welches sich kaum noch mit dem Ausgangswunsch, Apfelkuchen mit Sahne, deckt. Die Dinge haben sich rascher verschoben als meine Gelüste.«

Indem das Buch solch banale und scheinbar minimale Irritationen und Verschiebungen minutiös im Spiegel betrachtet, dem Ich dabei alle Energien zumutet, um das verstörte Gleichgewicht zwischen Erwartung und Erfüllung wieder mühselig ins Lot zu bringen, macht es deutlich, wie unsere üblichen Wertungen und Gewichtungen das Erlebte nicht spiegeln, sondern zu »Sinn« verzerren.

Kirchhoffs Geschichten des ziellos und planvoll durch die Nacht und die toten Sonntage Streunenden setzen das (als späteres Korrektiv) fungierende Rastersystem von »wichtig« und »unwichtig« außer Kraft.

Man erinnert sich, während man liest, daß die Zunge des Ich-Erzählers immer wieder des Plombenloch im Zahn aufspürt, wie das übliche Erzählen solche Banalitäten ausfiltert, verwirft und vergißt, und so das Erleben nachträglich pointiert.

Nicht, daß »Die Einsamkeit der Haut« keinerlei Pointierungen enthielte. Da gibt es die Koketterie der Einsamkeit, wenn der Erzähler berichtet: »In letzter Zeit habe ich nur zwei längere Gespräche geführt, wovon eines ein Telefongespräch war, mit einem Teilnehmer, der sich verwählt hatte.«

Aber dieses kokette Inszenieren einer autistischen Existenz gehört als Teil der unendlichen Spiegelung zur geschilderten Realität. So wie der Held seine trostlosen Streifzüge durch die Bordelle als geplante »Höhepunkte« arrangiert, als wäre er sein eigener Reiseveranstalter, so kratzt er, nachdem er sich vor dem Spiegel selbst befriedigt hat, das Ejakulat mit einem Photo zusammen, das ihn als Kind mit seiner Mutter zeigt, und schluckt alles wieder herunter.

Der Ekel und das theatralische Arrangement des Ekels, die absolute Öde und ihre inszenatorische Aufbereitung sind der Gegenstand der Kirchhoffschen Erzählungen, die auch Literatur über die literarische Aufbereitung des Lebens darstellen. S.231

Das wird, als erzählerisches Verfahren, vielleicht in der »Grausamkeit des Augenblicks« genannten Eingangserzählung am deutlichsten.

Um ein paar Stunden, die er zu früh nach Frankfurt gekommen ist, rumzukriegen, geht der Held zu einer portugiesischen Hure in ein Bordell. Obwohl von hygienischen Ängsten heimgesucht, taucht er schließlich seinen Mund in den Schoß der Hure: »Die kleinen bunten Plättchen drehen sich wie von selbst, ich schließe die Augen. Milliarden von Bakterien haben ihren Wirt gewechselt und nisten sich in einer neuen Flora ein.«

Während der intimsten Vereinigung herrscht der schreckhafteste Abstand. Und während die Erzählung auf rund fünfzehn Seiten die Aushandlung des Preises, Überbrückungsfloskeln von einer Portugal-Reise, das verschlissene Rautenmuster der schmuddligen Liege mit minutiöser Nüchternheit und Selbstbespiegelung beschreibt, wird die »eigentliche« Geschichte wie beiläufig, hastig in den letzten vier Zeilen nachgetragen.

Zurückgekehrt auf sein preiswertes Zimmer in der Main-Pension in der Elbestraße, beendet der Bibliothekar seinen Bericht: »Jetzt putze ich mir gerade die Zähne und will mich nicht weiter erinnern. Morgen werde ich auf die Beerdigung von meiner Mutter gehen und übermorgen vielleicht schon ihre Räume hier bezogen haben.«

Solche Verschiebungen zwischen Wichtigem und Unwichtigem zeigen die Psyche als einen nach einem geheimen Fahrplan funktionierenden Rangier- und Arrangierbahnhof, während das Ich durch das reale Bahnhofsviertel schlendert und streunt.

Nur ganz selten drückt Kirchhoffs Prosa auf Bedeutungen. Was sie arrangiert, ist meist eine theatralische Drapierung, die sich als innerlich notwendig erweist.

Nur in zwei Geschichten gibt es Szenen, in denen sich Kirchhoff als Friedhofsgärtner in die eigenen Erzählungen drängt. Einmal, als eine sich eigenhändig für den voyeuristischen Erzähler in den Orgasmus fingernde Hure im selben Moment zum Höhepunkt kommt und spitze Schreie ausstößt wie ein Mann auf der anderen Straßenseite aus dem Fenster des zweiten Stocks auf das Pflaster klatscht.

Und, zum zweiten, als er eine Beziehung zwischen zwei Männern durch einen Verkehrsunfall unterbricht, bei dem (was für ein Zufall!) ein VW dem einen, als Frau gedachten und erwünschten Mann prompt blutig das Genital zerquetscht.

An solchen Stellen wüten die Symbole gegen die Erfahrungen, so als hätte Kirchhoff hier sagen wollen, daß Liebe und Tod nahe beieinander wohnen, und sich über diesen Satz auch kaum geniert.

Hellmuth Karasek
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