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Henryk M. Broder über W. Pohrt: »Endstation«

Die Linke fühlt deutsch Wolfgang Pohrt, 37, lebt als freier Publizist in Hannover. - Henryk M. Broder, 36, ist Journalist. 1981 verließ er die Bundesrepublik und lebt seitdem in Jerusalem.
aus DER SPIEGEL 8/1983

Ist Wolfgang Pohrt Jude?« fragte eine Wohngemeinschaft kollektiv per Leserbrief bei der West-Berliner »tageszeitung« an. Die Verfasser der »mit grünen Grüßen« unterschriebenen Anfrage ("Detlev, Walli, Harald, Thor, Friederike, Lothar, Renate") versicherten, sie wüßten, »was Deutsche getan haben, ebenso was die Engländer, Amis ... und jetzt die Juden im Libanon tun ..., aber Deutsche haben das gleiche Recht wie Juden oder Chinesen, sich um die nationalen Belange zu kümmern«, denn: »Wir sind ab Jahrgang 45 und leben hier und jetzt, egal, ob die Deutschen Juden töteten oder die Christen die Hexen oder die Hunnen Deutsche.«

In den Verdacht, Jude zu sein (und deswegen »die Verbrechen im Libanon zu decken"), war Pohrt geraten, weil in der »taz« zwei kurze Artikel von ihm erschienen waren, in denen er sich einige kritische Anmerkungen zu der lustvollen Bereitschaft erlaubt hatte, mit der gerade im linken Milieu die israelische Invasion im Libanon als »Genozid«, »Holocaust« und als »Endlösung der Palästinenserfrage durch die Juden« gehandelt wurde.

Pohrts Verdacht, daß auch linke Reaktionen weniger von der Wirklichkeit des letzten Nahost-Krieges bestimmt werden, sondern eher von dem Bedürfnis jener »ab Jahrgang 45«, die Sünden der eigenen Väter durch den Verweis auf das jetzige Verhalten der väterlichen Opfer auszugleichen, wurde durch die Reaktion der Angesprochenen zur Gewißheit verdichtet.

Viele »taz«-Leser, die »hier und jetzt« leben und mit der deutschen Geschichte so viel zu tun haben wollen wie die »taz« mit der »FAZ«, mochten eine dermaßen zutreffende Unterstellung, wie Pohrt sie geäußert hatte, nicht auf sich sitzen lassen. Sie empörten sich und warfen, wie jene grüne Wohngemeinschaft, Pohrt vor, seine »subtile anti-deutsche Hetze stellt das Recht aller Menschen in Deutschland in Frage, ihre Interessen ... legitim zu vertreten«.

So ist es fast immer: Wo Pohrt erscheint, bleiben Proteste nicht aus. Ich kenne keinen zweiten Autor, der es in so kurzer Zeit geschafft hätte, alle, an die er sich wendet, gegen sich zu mobilisieren, die Linken, die Alternativen, die Bürgerlichen.

Als Pohrt einmal überraschend im Feuilleton der »Zeit« auftauchte, mit einer bösen Polemik über die deutsche Friedensbewegung ("Ein Volk, ein Reich, ein Frieden"), waren die »Zeit«-Leser über Pohrts ketzerische »Einschätzung« der für den Frieden marschierenden Massen entsetzt bis erschüttert. Und die Redaktion der »Zeit« mochte sich eine Fußnote zu Pohrts Aufsatz nicht verkneifen, in der den Lesern mitgeteilt wurde, diese Arbeit sei von »Konkret« abgelehnt worden.

Als ich kurz danach den »Konkret«-Herausgeber Gremliza fragte, warum er in seinem Blatt Pohrt nicht mehr zu Worte kommen lasse, zischte er durch die Zähne: »Was der Pohrt jetzt schreibt, ist einfach skandalös]« - Ich verkniff mir die Frage, was dem Herausgeber einer linken Zeitschrift Besseres passieren kann, als einen skandalösen Autor im Blatt zu haben, der für Unruhe und Widerspruch sorgt.

So kann's einem gehen in einem Land, in dem der richtige Standpunkt, den einer haben muß, will er ernst genommen werden, zugleich die Grenze zwischen Freund und Feind markiert. Im Klima solcher Lagermentalität haben Polemiker einen schweren Stand. Sie gelten - bestenfalls - als »skandalös« und müssen ständig damit rechnen, in die Spinner- und Querulantenecke abgeschoben zu werden.

Ich gebe zu, daß mir zu Pohrt die kritische Distanz fehlt, daß ich die Sachen, die er schreibt, nicht nur überzeugend, sondern auch beneidenswert gut formuliert finde. Wenn ich dennoch sage, daß ich ihn für einen monomanischen Nörgler halte, dann ist auch das ein Kompliment.

Vor Pohrts Gericht sind erst mal alle verdächtig, und niemand ist allein deswegen unschuldig, weil er einen guten Namen und viele Meriten hat. Wenn Helmut Gollwitzer in einem Leserbrief an den SPIEGEL schreibt: »Kein Deutscher kann diese bedingungslose Unterwerfung der Interessen unseres Volkes unter fremde Interessen, diese Auslieferung der Verfügung über die Existenz unseres Volkes an eine fremde Regierung hinnehmen«, dann stolpert kein Mensch über diese Sätze, weil sie von Gollwitzer geschrieben wurden, einem Mann, der chauvinistischer Neigungen so unverdächtig ist wie Alfred Dregger heimlicher Sympathien für die Rote Armee Fraktion.

Nur einer stutzt, nimmt auf den Gollwitzer-Bonus keine Rücksicht, schaut sich diesen Satz genauer an und sagt, was in ihm steckt.

Pohrt fragt an, ob das Verfügungsrecht über die Existenz einer Bevölkerung »erst in fremde Hände fallen müsse, um ein Unrecht zu werden - als wäre nicht dieses Verfügungsrecht selbst schon der Skandal«; er bittet Gollwitzer um eine Erklärung, woraus dieser »die sonderbare Zuversicht schöpft, eine vom Ausland unabhängige Bundesregierung würde auf die Bevölkerung insgesamt und vor allem auf Gollwitzer selber mehr Rücksicht nehmen«; und schließlich erinnert Pohrt, Jahrgang 1945, Gollwitzer, Jahrgang 1908, an eine kleine Selbstverständlichkeit: »Nicht von fremden Mächten, sondern von deutscher Polizei, von der Gestapo und der SS, wurden die Menschen, an die wir uns erinnern, ermordet und vertrieben. Im Ausland fanden manche Asyl. Daß wir hier weitgehend unbehelligt leben können, verdanken wir keiner deutschnationalen Souveränität, sondern dem Sieg der Alliierten.«

Und wenn Robert Havemann einen Offenen Brief an Leonid Breschnew schickt, den »das linke Unterschriftenkartell«, von Pastor Albertz bis Frau von Trotta, mit unterzeichnet hat, dann S.192 bleibt es Pohrt vorbehalten, auf die unfreiwillige Komik dieses Unternehmens hinzuweisen: »Um Havemann war es still geworden. Nun liest man in der Zeitung, er habe Breschnew einen Offenen Brief geschrieben. So schreiben kleine Kinder an den Nikolaus oder an den lieben Gott im Himmel, und wenn sie älter geworden sind, dann schreiben sie an Konrad Adenauer, Marika Rökk oder Udo Jürgens ...«

Wie das vorlaute Kind in dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern läßt sich Pohrt von Wichtigtuerei und Etikettenschwindel nicht beeindrucken. So fängt er Signale auf, die an anderen vorbeirauschen. Und es ist immer wieder das eine Signal, auf das er vegetativ, fast schon zwanghaft reagiert: auf jene Terminologie, die so belastet ist, daß kein Wort mehr nur das bedeutet, was es sagt.

Es muß einer nicht erst von »Volksgemeinschaft« reden, um von Pohrt der Deutschtümelei angeklagt und überführt zu werden, der Begriff »Wohngemeinschaft« genügt bereits. Ist das noch Empfindlichkeit, ein Horchen auf Verbindungen, die unter der dünnen Oberfläche liegen und nach leichtem Kratzen ans Tageslicht kommen, oder ist es schon Hysterie, die sich den Gegenstand, an dem sie sich entzündet, selbst herstellt?

Sicher, Pohrt übertreibt gern, wenn er beispielsweise auf das linke Gerede von der »Yankee-Kultur«, welche Deutschland überfremdet habe, trotzig zurückgibt, in Deutschland habe »mit dem amerikanischen Kulturimperialismus nicht die Barbarei, sondern die Zivilisation« begonnen, und wenn er als Beweis dafür behauptet: »In diesem Land ist jede weitere Filiale der McDonald-Hamburger-Kette eine neue Insel der Gastfreundschaft und eine erfreuliche Bereicherung der Eßkultur.«

Aber abgesehen von ein paar Fällen, in denen die Lust an der Provokation stärker ist als die argumentative Disziplin, übertreibt Pohrt nicht, wenn er nationalen Übermut aus Sätzen herausliest, die auf den ersten Blick harmlos klingen, etwa aus dem Statement »Wie wir Deutsche unsere nationale Frage dann lösen werden, muß man uns schon selbst überlassen« aus dem oben erwähnten Offenen Brief an Breschnew des »linken Unterschriftenkartells«.

Hätte Pohrt die x-te Analyse rechten Nationalbewußtseins geschrieben, hätte er sich die »Deutsche National Zeitung«, den »Bayernkurier« oder die Traditionspflege in der Bundeswehr vorgenommen, würde sich kein Mensch darüber echauffieren, denn in diesen Reservaten darf nach Nationalismus gesucht werden.

In Pohrts »Pamphleten und Essays« aber ist das Subjekt der nationalen Wiedergeburt ausgerechnet die westdeutsche Linke, die nach der 68er, der antiautoritären und fernrevolutionären Phase sich »Mitte der 70er Jahre von der Straße zurück ins Kleingewerbe, in den Kräutergarten und in die Innerlichkeit« zurückzog; dort, schreibt nun Pohrt, »beim Hobeln, Gärtnern und Töpfern, nicht als Handwerk verstanden, sondern als Selbstfindungsprozeß, als Gruppentherapie und Gemeinschaftserlebnis haben die Linken deshalb ihre Liebe zum Vaterland entdeckt ...« Die Bundesrepublik, vormals als »Hauptnutznießer und Juniorpartner des US-Imperialismus gescholten«, gilt den Linken nun als unschuldiges Opfer der USA, als »politischer Sozialfall« oder »Kolonie«, ein »besetztes Land«, wie es der Pastor Albertz einmal definiert hat.

Die Frage, »warum in der Bundesrepublik ausgerechnet die Linken zu entschiedenen Vorreitern und Schrittmachern überall aufquellender Heimat- und Vaterlandsgefühle wurden«, wird von Pohrt mit der politischen Biographie der Aktivisten in der neuen Bewegung beantwortet: »Der deutsche Nationalismus braucht Anhänger, die, nachdem sie schon alles - Maoismus und Buddhismus, Stalinismus und Zen, Makrobiotik und Poona - durchgemacht und fallengelassen haben, ihr Vaterlandsgefühl nun als ideologische Endstation empfinden, als Ziel der Reise, mit dem man sich auf Gedeih und Verderb arrangieren muß, weil es kein Entkommen mehr gibt. Als Ideologie der Aussichtslosigkeit ... und als Bewegung, welche die Garantiekarte fürs Scheitern im Tornister trägt, besitzt der deutsche Nationalismus für Gescheiterte, S.193 Enttäuschte und desillusionierte Desperados eine seltsam faszinierende Anziehungskraft, wie Desperado-City in der Wüste, wo die gestrandeten Existenzen ihre Pläne für den ganz großen allerletzten Coup ausspinnen, der mit Sicherheit scheitert.«

Dieser Nationalismus, der, wie Pohrt richtig beobachtet, »nicht von der Hoffnung, sondern von der Enttäuschung lebt, nicht, wie behauptet, vom jugendlichen Überschwang, sondern von der Midlife-crisis, in welcher seine heutigen Wortführer stecken, die in jüngeren Jahren Verfechter des proletarischen Internationalismus« waren, dieser Nationalismus speist sich noch aus anderen Quellen als dem langen Marsch der Linken durch die Frustrationen.

Die subjektive Erfahrung der Enttäuschung ist eine Begleiterscheinung der objektiven Faktoren Geschichte und Krise, die der vollen Entfaltung der Subjektivität den notwendigen operationalen Rahmen, alternativ ausgedrückt: den Mutterboden, liefern.

»Die Suche nach der nationalen Identität, der Wunsch nach Wiedervereinigung, der Haß gegen die Alliierten, den Linke und Rechtsradikale mit exakt den gleichen Parolen pflegen«, erklärt Pohrt, fallen nicht von ungefähr zusammen mit dem Ende der Prosperität. Auch die Linke ist krisengeschädigt und nimmt die »nationale Identität« just in dem Moment als Droge, da »die Ferien im sonnigen Süden unerschwinglich werden«. »Für ein neues Heimatgefühl entsteht dann Bedarf, wenn der Urlaub auf dem Balkon oder im regenreichen Harz verbracht werden muß, wo mangels der Befriedigung physischer Bedürfnisse die metaphysischen sprießen.« Überhaupt sei die Heimatliebe »insgesamt ein Resignationsphänomen und ein Senilitätssymptom«, weil im Laufe der Zeit und infolge psychischen und physischen Verfalls »der Zwang entsteht, sich mit den vorhandenen Lebensumständen zu arrangieren, denen zu entkommen, aus denen auszubrechen oder die radikal zu ändern, man nun alle Hoffnung verloren hat ...«

Die nationalen Kategorien der deutschen Intellektuellen haben sich im selben Maße gewandelt, in dem sie ihren Frieden mit der Gesellschaft, die sie mehr duldete als schätzte, schlossen. Die »Transformation halbherziger Linker in leidenschaftliche Patrioten« (Pohrt) bedeute zugleich die Mutation von den »Pinschern, Uhus und Banausen« der Erhard-Ära, da Intellektuelle als heimat-, wurzel- und anstandslos galten, zu konstruktiven, teilnehmenden und das Ganze mittragenden Bürgern, die wieder eine nationale Frage stellen und sie auch beantworten wollen. Die Bekenntnisse zu Deutschland, vor Jahren als »Wirsind-wieder-Wer«-Sprüche noch Spezialität der Rechten, sind mittlerweile im linken Milieu so selbstverständlich wie's Vaterunser in der Kirche. Sie sind keine opportunistischen Übungen, sondern ehrlich und ernst gemeint, Ausdruck des Wunsches nach einem Ende des Fremdseins im eigenen Land, Zeichen der Rückkehr reuiger Söhne und Töchter in den Schoß der Familiennation.

Daß die Deutschen nie so außer sich geraten, wie wenn sie zu sich kommen wollen, hat schon Tucholsky festgestellt. Das Staunen und die Wut darüber, daß es heute immer noch so ist, bestimmen Pohrts monomanisches Wüten.

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