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NACHRUF Herbergsvater der Dichter

aus DER SPIEGEL 13/1993

Er hat die Institution, die er gemacht und die ihn gemacht hat, um fast 25 Jahre überlebt: Die »Gruppe 47« starb 1968 zusammen mit dem Prager Frühling, als sowjetische Panzer Dubceks KP-Revolte beendeten. Daß ein westdeutscher Literaturklüngel, eine lockere Schriftstellervereinigung ihr Leben mit einer politischen Reformidee in der Tschechoslowakei aushauchte, hing mit den Aufbruchsillusionen der 68er zusammen.

Die Gruppe 47, die sich Jahr für Jahr zu Autorenlesungen unter der Peitsche und aufgrund handgeschriebener Einladungen ihres Mentors und Zuchtmeisters Hans Werner Richter traf, mal in Saulgau, mal in der fränkischen Pulvermühle, mal in Berlins Literarischem Colloquium, wollte ''68 im Geiste des Aufbruchs nach Prag; sie wollte in der freien Luft eines neuen, verständnisbereiten Europa aus Ost und West ihre eigene Erneuerung vollziehen. So verendete sie zusammen mit der umfassenderen politischen Illusion.

Dabei war das (halb)jährliche Schriftstellertreffen von Richters Gnaden und Willen selbst längst in die kritischen Jahre gekommen. Die Gruppe 47, die immer so tat, als sei sie keine Institution, dieser Schriftstellerverein auf Abruf, dieser Wanderzirkus lesender Autoren, diese dreitägige Börse der deutschen Literatur hatte mafiotische Strukturen und die Lächerlichkeiten vereinsmeiernder Rivalitäten angenommen.

So kam Prag nicht ganz ungelegen. Man konnte das eigene Dahinscheiden einem höheren Zweck unterordnen. Richter opferte sein Lebenswerk der Warschauer-Pakt-Invasion, bevor er von einer zusammenstürzenden, längst morschen Institution begraben wurde.

Richters Liquidierung der Gruppe 47, unter dem Vorwand der historischen Notwendigkeit, war seine letzte große Tat. Danach konnte er es sich leisten, als das bedauerte und bewunderte Denkmal einer Legende weiterzuleben: ein Herbergsvater ohne Herberge, ein Gruppenführer ohne Truppe, ein toleranter Feldwebel ohne sein Kommando - demokratisch und frei und in Reih und Glied diskutierende Dichter.

Die Gruppe 47, die einflußreichste literarische Formation des Nachkriegs, _(* Mit Hans Werner Richter (stehend) und ) _(Erich Fried (rechts daneben). ) jenes lockere, flüchtige Gebilde mit seinen gar nicht lockeren, handfesten Auswirkungen auf Literaturmarkt und Dichterruhm, diese Gruppe war das Werk des Zufalls, der Stunde Null und Hans Werner Richters. Aus einer (geplanten) Literaturzeitschrift war sie hervorgegangen, die die Besatzer wegen Aufmüpfigkeit verboten hatten: Was nicht gedruckt werden durfte, las man sich einfach vor. Es hatte etwas von Lagerfeuer und Kaffeehaus.

Richter, ein pommerscher Querschädel, der seinen eigenen Schreiberehrgeiz seinem organisatorischen und taktischen Genie opferte, war der Mann der Stunde. Er brachte Zug und Zucht in das Treffen selbstverliebter Individualisten. Er ließ die Dichter lesen und die Kritiker quatschen. Er erteilte das Wort, und alle fügten sich; er spürte, daß es Zeit sei, ein großes Werk zu kreieren, und die Dichter verliehen einen Preis an ihresgleichen - den angesehensten der Jahre von 1950 bis 1967.

Böll hat ihn erhalten und Graß und die Bachmann. Und wo sich die Autoren, von Andersch bis Walser, von Bichsel bis Handke und Wohmann versammelten, nur weil Richter sie mit einem knappen Brief einberufen hatte (es gab keine Honorare) - dort war das deutsche Literaturleben präsent.

Es kamen die Verleger von Rowohlt bis Unseld, um zu buchen. Es reisten die berufenen Kritiker von Hans Mayer über den Richter-Freund und Berlin-Kumpan Walter Höllerer bis zum Polen-Exilanten Reich-Ranicki an und übten die gefürchtete Spontankritik, die an die Virtuosität von Schnellzeichnern erinnerte und über Karrieren und Auflagen von jungen Talenten entschieden - wie Neros Daumen über das Leben von Gladiatoren.

Es kamen die Kultur-Verantwortlichen der damals allmächtigen Rundfunkanstalten, die Autoren mit Erfolg ins Brot setzten. Es trafen die von Richter geduldeten Berichterstatter der Zeitungen ein und machten aus ihren Blättern (zum Beispiel aus der Zeit) die Hausorgane der Gruppe.

Die Politiker kamen als Richters Freunde und Gäste. Karl Schiller zum Beispiel und Willy Brandt, damals noch Kanzlerkandidat und Berlins Bürgermeister. Das Herz der Gruppe schlug links. Sie mauserte sich zur wahren Opposition und »Alternative« der Adenauer-Restauration. Und über allem thronte Richter, ein nie gewählter und daher auch nie abzuberufender Vereinspräsident eines Vereins, den es nicht gab.

Richter, ein Mann von erdnahem gesunden Menschenverstand, nutzte die Gunst der Jahre. Deutschland hatte keine Hauptstadt und auch kein literarisches Hauptstadtleben - also stiftete er es und schmiß regelmäßig eine dreitägige Runde gesamtdeutscher Literatur.

Richter führte die deutsche Literatur aus der Isolation in die Welt. Die Gruppe tagte in Schweden (1964) und in Princeton, USA (1966) in der neogotischen Kulturkathedrale der US-Universität. Man kampierte mit Wolldecken und lebte auf international großem Fuß.

Natürlich hatte Richter Glück. Er hatte Autoren wie Graß, die ihm mit der »Blechtrommel« mal eben einen Welterfolg schenkten. Er hatte Böll, den guten Menschen von Köln, der zur moralischen Nachkriegsinstanz wurde, katholisch und doch linksdemokratisch. Essayistische und polemische Begabungen wie Walser und Enzensberger schrieben den Ruhm der Gruppe mit für deutsche Verhältnisse ungewöhnlicher Eleganz in die Welt. Aber Erfolg ist auch Fluch, Richters lockerer Verein wurde zum Klüngel, der sich Pfründen in Hörfunk und Fernsehen zuschanzte und eine gegenseitige Hagelversicherung gegen kritische Steinschläge von außen abzuschließen suchte.

Wer nicht kuschte, wurde nicht geladen. Und wer nicht geladen wurde, konnte kein wichtiger Autor sein, so lautete die Logik der fetten Gruppenjahre. Gewichtige Autoren, allen voran das Großtalent Graß, versuchten nicht ohne Erfolg, die Gruppe für ihre Zwecke zu instrumentalisieren: Als Denkmalssockel und Claque, als Fußvolk im Gefolge der Blechtrommel.

Als die 68er an den Festen deutscher Ordnungen zu rütteln begannen, war Richters Verein zum eigenen Erstaunen selbst längst eine festverkalkte Ordnung. In der Pulvermühle, 1967, demonstrierte die APO vor dem Tagungsgebäude gegen die etablierten Dichter, die daraufhin fast in zwei Gruppen zerbrochen wären.

Jetzt ist der große Mentor der deutschen Nachkriegsliteratur, halb Vereinsmeier und halb Pate, aber ganz ein ganzer Kerl, der es mit sechs oder sieben Dutzend querulierender Schreiber leicht aufnahm, in München 84jährig gestorben.

P.S.: Der Verfasser muß der Korrektheit wegen hinzufügen, daß er die letzten drei Jahre zu den von Richter zur Gruppe geladenen Kritikern zählte - in jenen Jahren also, in denen der Glanz nach außen am stärksten war und dennoch nur immer schwächer die innere Gruppen-Widersprüchlichkeit überstrahlen und verdecken konnte.

* Mit Hans Werner Richter (stehend) und Erich Fried (rechtsdaneben).

Hellmuth Karasek
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