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ZEITGEIST Herr der Blasen

Peter Sloterdijk, philosophischer Jungstar der achtziger Jahre, wird durch abstruse Äußerungen über Terror, Gentechnik und Popkultur immer mehr zum Felix Krull der intellektuellen Szene.
Von Henryk M. Broder und Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 52/2002

Ein typischer Sloterdijk-Satz ist wie ein hoch konzentrierter Hefewürfel. Er strotzt vor Energie, windet sich in geistiger Ausdehnung und sprengt mühelos jede Backform, jedes Thema, jeden Horizont: »Neben dem Glück in der unmotivierten Explosion beschwört die aktuelle Bilderindustrie in massiven Formen die Gewalt, die aus den Grüften steigt, die Gewalt alter Flüche und das weit gespiene Gift von toten Ahnen.« Das Thema des jüngst erschienenen Essays? Die Popkultur. Die These: Der Poltergeist sei der »eigentliche Historiker unserer Zeit«. Was uns der Autor sagen will? Man weiß es nicht.

So geht es einem oft bei Peter Sloterdijk, 55, - ein unmäßig belesenes Multitalent, ein Vielschreiber, Philosoph, Schriftsteller, Polemiker, Moderator und Zeitgeistfuzzi von hohen Graden. Seit 20 Jahren irrlichtert er durch die intellektuelle Szene, seit zwei Jahren amtiert er als Rektor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe - und seit einem Jahr moderiert er, gemein-

sam mit Rüdiger Safranski, das »Philosophische Quartett« im ZDF.

Er ist ein Shooting-Star der Geistesrepublik, streitbarer Schwerdenker und wortgewaltiger Causeur. Würde der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch eine philosophische Figur erfinden, er könnte sie Peter Sloterdijk nennen und so reden lassen, wie der Karlsruher Denker spricht und schreibt: prätentiös, umständlich, verquast, mit einem Zusatz an unfreiwilliger Komik - das gelichtete Haupthaar Gérard-Depardieu-haft länglich tragend, die Stimme immer ein wenig nasal gepresst.

Seine Popularität in den besseren Kreisen verdankt er vor allem zwei Tugenden: seiner Vielseitigkeit und seiner Vieldeutigkeit. Egal ob er bei den Saarländischen Heimattagen in Illingen, den Salzburger Festspielen oder beim Zentrum für Technologiefolgenabschätzung in Bern die Festrede hält - er schafft es, zu jedem Anlass und zu jedem Thema eine Suada zu produzieren, die schon deshalb Eindruck macht, weil sich niemand im Saal traut zuzugeben, dass er nicht weiß, worüber der Philosoph redet:

Die eigentliche Meinung ist also etwas, das heute wesenhaft nur in einem kriechenden Modus ans Tageslicht gelangt, weil das politische Unbewusste oder Verhohlene zugleich das Unkorrekte, Giftige, Unzulässige ist, das, von taktlosen Direktausbrüchen abgesehen, nur im Modus des Aussickerns und Hervorkriechens aus seiner Verborgenheit treten kann.

Will uns der Allzweck-Philosoph damit erklären, warum wir es »auf breiter Front mit einer Reptilisierung der öffentlichen Meinung zu tun« haben, weshalb es nur einen gibt, der sich dem Mainstream verweigert und Verfolgung in Kauf nimmt? Was für Martin Walser die »Meinungspolizisten« sind, die ihn bedrohen, das sind für Sloterdijk die »Feldprediger« und »polemischen Manichäer«. Wie Walser nennt auch Sloterdijk keine Namen. Ross und Reiter bleiben im Zwielicht der Unterstellung. Sloterdijk posiert gern diffus als Tabubrecher, der den Schweigenden seine Stimme leiht:

Schon sind unzählige in die Meinungslosigkeit ausgewichen - und entwickeln Hintergedanken über jene, die in den meinenden Berufen tätig sind. Für die geschichtlich Interessierten wird man demnächst im Nachtprogramm Filme von westlichen Menschen zeigen, die sorglos wie Verbrecher sagten, was sie über Frauen, Amerikaner und Juden dachten.

Klar ist hier immerhin: Es wird ein Ressentiment von der Leine gelassen, das bis jetzt an seiner freien Entfaltung gehindert war. Bei Frauen und bei Juden hält sich Sloterdijk noch zurück - was die Amerikaner angeht, hat er bald nach dem 11. September 2001 alle Hemmungen abgelegt. Keine zwei Wochen nach den Terroranschlägen begann er mit der philosophischen Relativierung des Massenmords in einer Kälte und Mitleidlosigkeit, die an Doktor Frankensteins Schreckenskammer erinnern: »Seit dem 11. September 2001 hat sich die westliche Welt in ein großes Labor autoplastischer Suggestion verwandelt, in dem das Modellieren mit pathetischem Material zu einer Massenbeschäftigung geworden ist.« Das Ereignis selbst würde man »in einer Unfallstatistik des Landes gar nicht wahrnehmen«. Kurz: »Zwei- oder dreitausend Tote innerhalb eines Tages liegen innerhalb der natürlichen Varianz.« Maliziös setzte er hinzu: »Im Übrigen gibt es nach dem 11. September immer auch einen 12., an dem das autohypnotische Schaumwerk wieder in sich zusammenfällt.«

Mit autohypnotischem Schaumwerk kennt sich der Meister aus. Obwohl schon seine Magisterarbeit zum Thema »Strukturalismus als poetische Hermeneutik« aufhorchen ließ, wurde er erst zehn Jahre später berühmt - mit der zweibändigen »Kritik der zynischen Vernunft«.

Jeder, der Anfang der achtziger Jahre mitreden wollte über Moral und Postmoderne, Geist und Vernunft, der musste sich die zentrale Botschaft des voluminösen Werks einprägen: »Es ist das modernisierte und unglückliche Bewusstsein, an dem Aufklärung zugleich erfolgreich und vergeblich gearbeitet hat. Gut situiert und miserabel zugleich fühlt sich dieses Bewusstsein von keiner Ideologiekritik mehr betroffen; seine Falschheit ist bereits reflexiv gefedert.«

Das saß, und viele Leser mühten sich Zeile für Zeile ab, dem knapp tausendseitigen Text bis zum Ende zu folgen. Dort aber steht: »Jede bewusste Sekunde tilgt das hoffnungslos Gewesene und wird zur ersten einer Anderen Geschichte.«

Schon Jürgen Busche, der damals im Feuilleton der »FAZ« Sloterdijk als Schriftsteller »Schopenhauer und Spengler ebenbürtig« sah, stimmte der »hochpathetische« Schluss »eher bang«. Doch das war erst der Anfang. Seitdem nähert sich der Prediger des Kynischen und Dionysischen immer mehr dem Duktus seines Vorbilds Friedrich Nietzsche, der in »Ecce homo« einst ganz unironisch schrieb: »Und allen Ernstes, niemand wusste vor mir den rechten Weg, den Weg aufwärts: Erst von mir an gibt es wieder Hoffnungen, Aufgaben, vorzuschreibende Wege der Cultur - ich bin deren froher Botschafter.«

Sloterdijk freilich ist alles andere als der frohe Botschafter eines »fünften Evangeliums« jenseits von Gut und Böse. Eher trägt er Züge des Musilschen Großschriftstellers aus dem »Mann ohne Eigenschaften«, der unentwegt eine gigantische »Parallelaktion«, ein riesiges Projekt verfolgt, das sich überhaupt nur auf Abertausenden Seiten angemessen beschreiben lässt.

Wo immer er auftritt, inszeniert er sich als den Mann, der die Welt im Griff hat. Er lebt und wirkt in seiner eigenen Blase des Willens, und der Globus ist seine Kugel der Erkenntnis. Er ist sich selbst seine eigene Sphäre - ein Felix Krull der intellektuellen Szene. Seine Bildung und Intellektualität faszinieren das Publikum offenbar umso mehr, je prätentiöser und prekärer sie die Welt verwirbeln. Wie die Motivationstrainer des Lebensglücks von gesellschaftlicher Vereinsamung profitieren, so zieht er Gewinn aus der geistigen Vereinsamung: ein Pastor Fliege der Philosophie. Nicht zufällig sympathisierte er zeitweilig mit der Bhagwan-Bewegung in Poona. Als Ich-AG einer polemischen Debattensimulation spielt er zugleich den großen Fremden, den Sokrates aus Karlsruhe, der am helllichten Tage mit der Laterne durch die Straßen läuft und nach wahren Menschen Ausschau hält.

Nun strebt nur noch die »Geschichte der Menschheit« ihrer Vollendung entgegen. Die ersten beiden Bände - »Sphären I. Blasen«, »Sphären II. Globen« - liegen schon vor, zusammen knapp 1700 Seiten. Soweit erkennbar, zielt das Monumentalwerk auf die Verabschiedung des modernen, auch moralisch selbstherrlichen Individualismus zu Gunsten einer eher kybernetisch-räumlichen Definition menschlichen Lebens - vom Uterus bis zum Weltraum, von der Blase bis zur Kugel. Wer hier nach kompakter Weisheit sucht, ist schon verloren:

Das Ich und sein Alter Ego, das Individuum und sein Genius, das Kind und sein Engel: Sie bilden jeweils kleinweltliche Blasen, in denen die dichte Weltlosigkeit der intrauterinen Position mit ihrer Vorskizze zur Dort-Hier-Struktur bereits ein wenig gelichtet ist und abgewandelt wurde zu der gemäßigten Weltlosigkeit des frühen Ego- und-Alter-Ego-Duals.

Wem bei dieser »Sphären«-Musik nicht schwindlig geworden ist, dem hilft vielleicht ein Satz aus dem »Globen«-Band:

Circumferentia nusquam - mit diesem Nirgends, dieser Aufhebung der endlichen Immunschutzgrenzen, hat der lange Weg der Modernität in die Vorherrschaft des infiniten Außen eingesetzt. Mit ihm wird das Seins-Denken von den Interessen des Lebendigen entkoppelt; Sein nimmt die Züge von homogener Vorhandenheit und neutraler Verfügbarkeit an.

Auch wenn das stark nach Heidegger klingt, es klingt nur stark. Wie so vieles in Sloterdijks megalomanem Wortausstoß dreht es sich vor allem um sich selbst, um das Selbstbild eines Großdenkers, dem nichts fremder ist als philosophische Demut und erkenntnistheoretische Skepsis.

Da er mit Weisheiten wie jener, wir lebten »in einer logischen Dämmerung, irgendwo zwischen spätaristotelisch und frühkomplex« (Aus: »Tau von den Bermudas. Über einige Regime der Einbildungskraft"), nicht wirklich die Massen erobern kann, verwandelt er sich anfallsweise in einen Provokateur, der sich glänzend darauf versteht, die Medien zu benutzen, indem er sie verdammt - ganz wie Peter Handke. Nachdem er im Sommer 1999 seinen Vortrag »Regeln für den Menschenpark« gehalten hatte, war die Empörung - auch im SPIEGEL - groß.

Sloterdijk hatte zum Thema Gentechnologie explizit von »Menschenzucht« gesprochen und die rhetorische Frage gestellt, ob »die Menschheit gattungsweit eine Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt und zur pränatalen Selektion wird vollziehen können«. Als der Protest gegen derartig frivole Spekulationen anschwoll, schlug der Philosoph scheinbar beleidigt zurück: »Eine Art Fatwa« sei über ihn verhängt worden - von »medialen Mudschahidin der Kritischen Theorie«.

Es ist diese Art intellektueller Verwahrlosung, die in Teilen des bürgerlich-akademischen Milieus als subversive Originalität durchgeht. Sloterdijk hat wohl doch wieder nur über sich selbst gesprochen, als er den »Poltergeist« zum eigentlichen Historiker unserer Zeit ernannte.

HENRYK M. BRODER, REINHARD MOHR

* Bei den Salzburger Festspielen (2001).

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