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Peter Brügge über John Seymour: "Leben auf dem Lande" Herrlicher Mist

Peter Brügge, 50, ist SPIEGEL-Kolumnist und lebt auf dem Lande. -- Der britische Schriftsteller John Seymour, 64, siedelte sich nach einem Leben als Schafzüchter, Tierarzt, Minenarbeiter als Bauer in England an und wurde zu einem Apostel der Selbstversorgung.
aus DER SPIEGEL 38/1978

Nach dem Betrachten der Landlust weckenden Illustrationen werden manche Leser vielleicht gleich losrennen und eine Kuh kaufen wollen. Da bremst sie der Autor des »Großen Buches vom Leben auf dem Lande« in seiner milden Bruderart.

Erst lernen sie bitte: Das Tier muß tagtäglich morgens und abends gemolken werden, zehn Monate im Jahr. Könnte ja sein, daß sich dies mit ihrem Freiheits- und Freizeitbegriff nicht so ganz deckt. Ferner will bedacht sein, wie unglaublich schwer es dem Anfänger fällt, beim Kauf einer Kuh nicht angeschmiert zu werden.

Nun will aber der Ratgeber Seymour auf den Selbstversorger hinaus. Und dazu braucht der Leser natürlich ein Stück Land; für den Anfang genügt ein Morgen. Und eine Kuh gehört nach Möglichkeit darauf. Die macht brav ihre 18 Liter Milch am Tag. Sie wird, so Seymour, »Haupttriebfeder deiner ganzen Gesundheit und deines ganzen Wohlbefindens sein«. Darüber hinaus liefert sie auf eigener Scholle Nahrung für mindestens eine Sau und das Dutzend Hühner, dem man im Winter den Zwang zum Eierlegen durch elektrisches Licht suggeriert.

Über die trockenen Monate der Kuh hilft eine Ziege hinweg. Ein paar hoffentlich sanfte Bienenvölker bereiten am Rande der winzigen Kuhweide den Honig auf das nach Seymours Ideal selbstgebackene Brot.

Der deutsche Verlag nennt diesen Ratgeber vorsorglich und wider das englische Original ein Buch »für Realisten und Träumer«. Das prächtige Format und die biedermeierlichen Illustrationen erlauben es uns, schon den einen Morgen Land enorm geräumig zu finden -- eine ordentlich heile Welt. Sieht gar nicht so verdammt eng aus, wie"s in Wirklichkeit wäre, wenn den Schweinen zum Wühlen, den Hühnern zum Scharren, der Kuh zum Weiden insgesamt knapp ein halber Morgen zufällt. Denn geballter Gartenbau ereignet sich auf dem mit Hilfe der Tiere wunderbar gedüngten Rest.

Im Buche wachsen dort: Erbsen, Kartoffeln, dreierlei Bohnen, fünferlei Kohl, dreierlei Rüben, Karotten, Zwiebeln, Salat, Kräuter, Sonnenblumen, Rhabarber, Steinobst und dreierlei Beeren. An Käse und Schinken, Marmelade und Mist, Beilagen und Suppengrün, Kreuzweh und Überraschungen kann es dem gutgläubigen Leser nun nimmermehr mangeln. Das alles läuft nämlich in der Wirklichkeit nicht so recht wie in den süffigen Kurzbeschreibungen, mit denen Seymour uns den Mut einflößt, unter der Leselampe unser Leben neu zu bestellen.

Ein Selbstversorger werden, gibt das denn Sinn angesichts der erstickenden nationalen und supranationalen Selbstversorgung mit Landprodukten? Zahlt die Bundesrepublik nicht Milliarden für Verwaltung oder Verschleuderung von Ergebnissen einer chemisch forcierten Überselbstversorgung?

Daran gerade entzündet sich das seelische Sodbrennen der an dieses industrialisierte Überfütterungs-System scheinbar wehrlos angeschlossenen Endverbraucher. Wonach es sie jetzt hungert, das ist die Utopie von Unabhängigkeit und sinnvermittelnder eigener Produktivität, die sich bei den Beschreibungen Seymours wie mit Händen greifen läßt.

Die neue deutsche Kleingartenbewegung gibt ebenso Aufschluß über dieses Bedürfnis wie der Umschwung in den Gärten des Wohlstands, wo statt des künstlich gedüngten Edelrasens natürlich gedüngtes Gemüse bereits Prestige bringt. Das erklärt, wieso John Seymours teurer Ratgeber ohne sonderliches Zutun des Verlages in die Spitzengruppe der Bestsellerliste geriet.

Kaum je ist der verwobene Kreislauf von Wachstum und Verwesung, Fressen und Düngen, Geburt und Verwurstung so schlicht öko-logisch und anheimelnd vorgezeichnet worden wie hier. Kaum je hat einer für so harte Arbeit so appetitanregende Worte gefunden. Vergessen wir darüber den satanischen Aspekt, daß all diesen schon seit Adam und Eva als Plage verleumdeten Schweißtreibereien um das Brot wie den Aufstrich jetzt plötzlich therapeutische Bedeutung zuwächst. Rückblickend in der Vertreibung aus dem Paradies einen Fingerzeig auf das wahre Arbeitsethos zu erkennen, mag ja vielleicht das Glück der Menschheit retten.

Dem Realisten versagt sich John Seymours Fibel, sobald er es wirklich genau wissen möchte. Dem Träumer schenkt sie dafür die unbezahlbare Illusion, dieser Selbstversorgung von der Hand in den Mund tatsächlich noch, Rüben ziehend, Ziegen melkend oder Bier brauend, fähig zu sein.

Der Rezensent wiederum ist versucht. sich die heute schon 50 000 köpfige deutsche Buchgemeinde Seymours vorzustellen: Ist sie Fruchtblase einer neuen Landbewegung (während die Bauern dieses Land fliehen)? Ist sie Hilfstruppe der politisch Grünen, gar ein Reservoir von Arbeitswilligen für die leider hundertmal kleinere Anzahl der ökologisch vernünftigen Bauern im Land? Denen laufen junge Leser Seymours jetzt reihenweise zu und erleben die Abwehr mißtrauischer Realisten. die im Träumer den Spinner fürchten.

Mag sein, einige lesen sich an diesem Ratgeber die Untauglichkeit fürs Landleben erst an. Sie könnten dann wenigstens den eigenen kosmetischen Ansprüchen beim Einkauf von Landprodukten abschwören. So zwängen sie vielleicht ein paar Bauern mehr, nicht so verschwenderisch Gifte zu spritzen. Die übrigens, die Pflamenschutzchemie, genehmigt Seymour Selbstversorgern notfalls schon auch.

Daß er sich bei der Beschreibung von Schädlingen kurz hält, darf einem so aufs Positive zielenden Ratgeber nicht verübelt werden. Die Realisten werden da ihre Wunder schon selber erleben, genauso wie beim mittelalterlichen Umgang mit dem Dreschflegel, beim Mähen mit Sense oder Sichel.

Wer sich mit Landwirtschaft ein wenig befaßt, kann seine Zweifel an der da ausgemalten Bodenidylle nicht völlig unterdrücken. Um bei Seymours heiliger Kuh zu beginnen: Sie anständig zu halten, braucht es dreimal soviel Grünland wie angegeben. Dieses Fitzeichen, auf dem sie sich einen Sommer lang sattfressen soll, wird schließlich noch dadurch kleiner, daß sie darauf unentwegt, Seymour sagt es, »herrlichsten Mist« macht und von den damit bedeckten Flächen verständlicherweise nicht speist. Die Milch von dieser Kuh wird, da Biozide längst mit Wind und Regen reisen, übrigens die nämlichen chemischen Rückstände enthalten wie die aus der Milchwirtschaft ringsum.

Während ihm beim Melken der Kuhschwanz gemein um die Ohren klatscht, darf der Neuling doch nie vor dem letzten Tropfen aufhören, falls das Euter sich nicht entzünden soll. Er braucht keine Komplexe zu bekommen, wenn er dazu mindestens doppelt so lange braucht, wie der verführerische Onkel Seymour vorgibt. Und erst recht nicht, falls er, Seymour folgend, nur einmal im Jahr seinen Kuhstall ausmistet und die technische Nothilfe zum Wegräumen des circa eineinhalb Meter Dung benötigt, auf welchem die Kuh dann hoch über ihm steht.

Für die Frühstückseier. welche heute die meisten Bauern im Supermarkt erwerben, streut Seymours Leser seinen Hühnern täglich zweimal Futter, säubert alle drei Tage ihren Stall, ungeachtet ihrer Flöhe und des Gestanks. Und, lieber Selbstversorger, Schweine ersparen dir nicht, wie Seymour schreibt, den Pflug. Sie hinterlassen eine morastige Kraterlandschaft. Und die empfohlene Ferkelaufzucht hat ihre Tücken: Das Decken kommt teuer, die Preise sind mies und die säuische Anfälligkeit für Krankheiten zählt für viele Bauern zu den Unwägbarkeiten, die in den Arbeitsbereich der Wünschelrutengänger gehören!

Vielleicht verstänkert solche Beckmesserei den Träumern das Naturaroma ihrer neuen blauen Blume. Pardon! Dieses Lesefrieden spendende Buch kann ja auch bloß wie ein Appetizer durchgeblättert werden. Immer opulentere Luxuskochbücher florieren schließlich genauso jenseits aller deutschen Küchenwirklichkeit.

Genießerische Selbsttäuschung mit dem Blick aufs Ländliche, das ist eine offenbar wiederkehrende Menschheitsmode. Und dies nicht erst, seit Marie Antoinette bei Schäferspielen Harmonie mit der Natur beschwören wollte.

Denen aber, welche ein Stück Land an der Hand und einen genügend dynamischen Zivilisationsüberdruß in sich haben, sei angeraten, sich hinsichtlich der landwirtschaftlichen Leistungskraft ihrer Partner noch mal gründlich zu vergewissern, Seymour schweigt sich über diesen erheblichen Faktor einer gelungenen Selbstversorgung aus. Er selber hat seine totale Landwirtschaft in England nach seiner Scheidung jedenfalls in eine Schulfarm umgewandelt. Drum lese zweimal, wer Seymour wirklich folgen will. Nachher wird er zum Lesen ohnehin nicht mehr kommen.

Peter Brügge
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