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BÜCHER / NEU IN DEUTSCHLAND Herrlicher Orang-Utan

aus DER SPIEGEL 32/1968

Alfred de Musset: »Gamiani«. Merlin; 100 Seiten; 38 Mark.

Das zeitgenössische Lamento über den Niedergang der galanten Literatur ließ den Dreiundzwanzigjährigen

nicht ruhen. Alfred de Musset (1810 bis 1857), Dandy, Frauenheld und Galionsjüngling der französischen Romantik, wettete, er könne schöner und obszöner schreiben als die einschlägigen Pornographie-Produzenten der Zeit.

Nach drei Tagen bereits (so will es die Literaturlegende) lieferte er die »Gamiani« oder -- so der Originaluntertitel -- Zwei Nächte der Ausschweifung« fertig ab.

Mussets Freundin, George Sand, beherzt-behoste Emanzipierte und skandalumwobene Erfolgs-Romancieuse, soll die »Bilder von wollüstiger Wut, von rasender Brunst, von schrecklichem Sinnenrausch«, die der um sein Renommee besorgte Dichter unter einem Pseudonym veröffentlichte, als Ko-Autorin mitersonnen haben oder doch von ihm als Vorbild der exzentrischen Gräfin Gamiani benutzt worden sein.

Diese Gamiani treibt ihre Liebestollereien mit enzyklopädischem Eifer: allein, zu zweit und selbdritt -- in stellungsreichen Bodenkämpfen beginnt sie dort, wo Kolles Weisheit endet.

Geliebte Lustobjekte sind klatschende Peitschen, sadistische Nonnen, entfesselte Mönche und schließlich gar das liebe Vieh: ein »riesiger Hund«, das »furchtbare Kurzschwert« eines gelehrigen Esels spielen erregende Rollen, und eine der tapferen Damen wird gar von einem »herrlichen Orang-Utan bestialisiert, entjungfert, übermannt«.

Bei aller freizügigen Genauigkeit hat Mussets klassisch-edel stilisierte Galantiquität, die graziös illustriert (von Katinka Niederstrasser) nun wieder greifbar ist, mit den eher pornografiesen Zoten-Büchern von unter dem Ladentisch nichts gemein. Musset schreibt, wie seine Figuren lieben: »mit delikatem und zugleich ... kunstvollem Raffinement«.

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