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Walter Boehlich über Samuel Beckett: "Watt" HERRSCHAFT OHNE ENDE

Wolter Boehlich, 49, hat 1967 bei Suhrkamp einen Beckett-Reader herausgegeben: ausgewählte Texte aus dem Werk des jetzt 64jährigen irischen Schriftstellers in Parts, der 1969 den Literatur-Nobelpreis erhielt.
aus DER SPIEGEL 52/1970

Watt ist zwischen 1942 und 1944 in Frankreich entstanden, der letzte englisch geschriebene Roman Becketts. Warum das so ist -- darüber gibt es nur Hypothesen, keine Fakten. Fragen wir lieber, wer dieser Watt ist. Er taucht am Anfang des Romans auf, auf dem Wege zum Bahnhof, einem Bahnhof, der keinen Namen hat, und taucht am Ende unter, wieder auf einem Bahnhof, einem anderen diesmal, der wieder keinen Namen hat. Von diesem anderen Bahnhof aus hat er zu Beginn den Weg zu Mr. Knott genommen, den er am Ende verläßt.

Der erzählerische Kern von »Watt« ist der Aufenthalt Watts bei Knott. Die beiden, Diener und Herr wie Clov und Hamm aus dem »Endspiel« oder Lucky und Pozzo aus »Warten auf Godot«, verhalten sich zueinander wie Frage« (what) und Antwort (not). Watt fragt, muß sich aber, da Knott nicht spricht, die Antworten selbst suchen und geben und dabei feststellen, daß es entweder zahllos viele oder aber gar keine gibt. Ihn stört das nicht, denn die Antwort, die einzig mögliche und deswegen unmögliche, interessiert ihn gar nicht, wie auch seine Sorge nicht dem gilt, »was die Dinge in Wirklichkeit« sind. Er weiß nicht, wann er zu Knott gekommen ist, und er weiß nicht, wann er ihn verlassen hat, außer daß beides in einer milden Sommernacht geschah. Er weiß auch nicht, wie lange er geblieben ist. Er weiß von all dem nichts, weil es davon nichts zu wissen gibt. Mindestens für ihn.

Mehr als Watt weiß, weiß aber auch der Leser nicht. Er erfährt nie, was Watt zu dem gemacht hat, was er ist, wer er überhaupt ist (ein Akademiker), warum er Diener bei Knott wird. Was geschieht, geschieht ohne Angabe von Gründen. Gerade nach ihnen fragt auch Watt nicht. Er reagiert nicht einmal auf seine Situation. Er tut, was er offenbar tun soll, als Nachfolger von Arsene, als Vorgänger von Arthur, er tut es, weil Herren Knechte brauchen; nicht so sehr, weil Knechte Herren brauchen.

Daß Watt Knotts bedürfte, ist an keiner Stelle erkennbar (braucht er Nahrung? Geld? Sicherheit?), aber Knott bedarf Watts, »nicht, um zu wissen, nein, sondern um nicht zu enden«. Das, was da nicht enden soll, ist Herrschaft, sie allein bleibt. Knott war, ist und wird sein, und er wird immer Diener haben, die einander nach einem -- unerkennbaren -- Gesetz ablösen und hinter diese Herrschaft nie kommen werden. Sie kennen deren Gestalt nicht, denn die ändert sich ständig, deren Absichten nicht und nicht den Sinn dessen, was sie für sie tun: entfremdete Arbeit.

So gering der Aufwand für die Knechte ist, so groß ist der Aufwand für den Herrn. Irgend jemand oder irgend etwas sorgt dafür, daß ein Dienei den andern ablöst, wenn die Zeit des einen um ist. Für anderes hat Knott, wenn man Watts Spekulationen und ihrem plötzlichen Sprung in die Wirklichkeit glauben darf, selbst gesorgt: Er bekommt jeden Tag zwei Mahlzeiten, immer dasselbe Gericht, von dem er bald etwas, bald alles, bald nichts übrigläßt. Die Reste müssen von einem ausgehungerten Hund vertilgt werden, und wie immer Nachschub an Dienern vorhanden sein muß, muß auch immer ein Nachschub an ausgehungerten Hunden und Leuten, die sie halten, vorhanden sein. Dazu hält sich Knott die Mammutfamilie Lynch, deren Ehrgeiz es ist, so groß zu werden, daß ihre Mitglieder zusammen tausend Jahre alt sind (was sie aber nie ganz schaffen).

So gleichzeitig makaber und lustig wie diese Episode ist der ganze Roman, dem zur Wirklichkeit nur die Wirklichkeit fehlt. Jedes seiner Worte ist fiktiv und besteht darauf, fiktiv zu sein: die vollkommene Fiktion.

Genau in der Mitte des Buches zeigt sich, daß diese ganze Geschichte zwar von Watt erzählt worden ist, aber nicht uns, sondern einem andern, der sie uns erzählt: Sam. Und wo? An Watts Endstation, einem Irrenhaus, in dem sie beide zunächst einen gemeinsamen, später getrennte Pavillons bewohnen. Watt und Knott ergeben zusammen whatnot, Sam und Watt somewhat. Sind sie einer und derselbe? Oder sind sie nur Spiegelungen desselben? Also verschieden? War schon vorher Watts Verhältnis zu Wahrheit und Wirklichkeit (nicht das zu Logik und Systematik) zweifelhaft, so zeigen die Gespräche zwischen Sam und Watt, daß nicht nur, was als geschehen vorgegeben wird, gar nicht geschehen zu sein braucht, sondern daß Watt am Ende vielleicht gar nicht einmal vorgegeben hat, daß es so geschehen sei.

Watts ganz und gar nicht zweifelhaftes, sondern ganz unbeirrtes und darum auf seine Weise wahnsinniges Bemühen, nicht das Seiende, sondern seine Möglichkeiten in endlosem Hinundherwenden zu ergründen, manifestiert nicht Wirklichkeit, sondern einzig Sprache, aber seine Sprache ist für Sam im Park des Irrenhauses kaum verständlich. Seine Sprachlogik, die zugleich sein Irresein ist, ist der Auffassungsgabe Sams immer um einen Schritt voraus. So wie er sich angewöhnt hat, rückwärts zu gehen, gewöhnt er sich an, rückwärts zu sprechen, in acht sich steigernden Stadien, beginnend mit der Umstellung der Reihenfolge der Wörter im Satz bis zur Reihenfolge der Buchstaben im Wort gleichzeitig mit der der Wörter im Satz und der der Sätze in der Periode und schließlich einer Vermischung aller denkbaren Möglichkeiten solcher Umstellungen, was dazu führt, daß Sam jeweils »viel Hochinteressantes« entgeht. Doch auch dieses Entgehen ist wieder nur Fiktion.

Man kann »Watt« deuten -- das ist versucht worden -, man kann Beziehungen herstellen, zu Joyce (zum Ithaka-Kapitel des »Ulysses"), zu Kafka (zum »Schloß«, das Beckett auf deutsch gelesen hatte), zu Wittgenstein (den er nicht gelesen hatte), man kann, und das mit größtem Recht, Verbindungen zwischen »Watt« und anderen Werken Becketts herstellen, aber am Ende wird man Ihn wörtlich lesen müssen, auf jeden »utopischen Überschuß«, und sei er noch so groß, pfeifen müssen; er bedeutet nichts als sich selbst, denn, wie es in den »Addenda« heißt: »Weh dem, der Symbole sieht!«

Erst dann kann sich zeigen, daß es gegen seinen Anschein kein elitäres Buch ohne die Gesellschaft und gegen die Gesellschaft ist, das lediglich das immer Gleiche, immer Unveränderte und nicht Veränderbare, die prästabilisierte Harmonie des sich selbst unbewußten Elends unter dem Schleier des Clochard-Humors zeigt, sondern ein Lesebuch.

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