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»Herzzerreißend und komplex«

aus DER SPIEGEL 35/1996

Frage: Ihre »Nachricht von einer Entführung« ist ein dokumentarisches Buch. Wie haben Sie es recherchiert?

García Márquez: Zuallererst sprach ich mit dem Entführungsopfer Maruja Pachón und ihrem Mann, Alberto Villamizar, der alle Verhandlungen zu ihrer Freilassung geführt hatte. Sie hatten die Idee für das Buch. Aber der Anfang war entmutigend. Vielleicht wünschte Maruja unbewußt, diese schrecklichen sechs Monate zu vergessen. Sie mußte sich jedenfalls sehr anstrengen, damit ihr die intimen, allermenschlichsten Details wieder einfielen. Auf die kam es uns ja gerade an.

Frage: Die hätte sich ein Erzählkraftprotz wie Sie doch leicht ausdenken können.

García Márquez: Gekonnt hätte ich natürlich. Aber die Herausforderung war ja gerade, ehrlich zu spielen. In dem Buch ist keine einzige Zeile erfunden. Dennoch erscheint es romanhafter als jeder meiner Romane. Und das ist das Beste daran.

Frage: Das US-Magazin Newsweek meint, daß Sie den Chef der Entführer, Pablo Escobar, bewundern.

García Márquez: Dieses Urteil hat mich sehr überrascht. Pablo Escobar interessierte mich als Fallbeispiel eines Menschen: Ein Mann, der als Autodieb anfing und es so weit gebracht hat, eine große Multinationale des Verbrechens hochzuziehen. Mit der durchbrach er alle Verteidigungslinien der USA. Ein Reporter, der seinen Beruf ernst nimmt, muß anerkennen, daß das eine große Leistung ist, und in dem Buch wird das so objektiv dargestellt. Mein eigentliches Thema ist hier das Leiden der Protagonisten. Es gibt kaum ein scheußlicheres Verbrechen als Entführung. Kein Opfer erholt sich davon vollständig. Wann immer die Tür sich öffnete, waren die Entführten unsicher, ob sie Essen gebracht bekamen oder ob man sie jetzt umbringen würde.

Frage: Und die Entführer?

García Márquez: Um Aufseher zu werden, mußte jemand schon Selbstmordgedanken haben. Einige glaubten fest, sie würden nach dem Ende ihrer Mission liquidiert, damit sie nichts ausplaudern könnten. Und das geschah auch häufig. Das menschliche Drama einer Entführung ist so komplex, so herzzerreißend, daß man das nicht als Romanstoff erfinden kann. Ich wollte schon immer ein Buch schreiben, in dem wir Kolumbianer unseren Horror wie in einem Spiegel sehen könnten. Ich hoffe, das ist es nun.

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