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MUSEEN Heute Bilbao, morgen die Welt

Das Guggenheim-Museum wird zum Kunstkraken: Am Wochenende eröffnete eine neue Dependance im Baskenland, bald wird eine Ausstellungshalle in Berlin folgen. Guggenheim-Chef Thomas Krens führt sein Museum wie einen Wirtschaftskonzern.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Das Haifischlächeln wirkt fehl am Platze im runden Babyface - aber Thomas Krens setzt es gern auf, wenn er einen Besucher mit seinem Lieblingsspruch provoziert: »Museen sind veraltet und überflüssig.« Das sagt der Chef eines der wichtigsten Kunstmuseen der Welt.

Guggenheim-Boß Thomas Krens, 50, genießt in der amerikanischen Kunstwelt das Image des großen Ketzers, und das gilt es zu pflegen. Kein Problem für den ZweiMeter-Mann, der Gäste an dem mit Papieren vollgepackten Konferenztisch in seiner New Yorker Kommandozentrale empfängt wie zur Audienz. Im achten Stock des Guggenheim-Turms, mit weitem Blick auf die Upper East Side, lenkt Krens die Geschicke der Kunst-Stiftung.

Hier denkt er so respektlos wie kein anderer über die Zukunft der verkrusteten Institution Museum nach. Kulturwächter hassen es, wenn Krens von Kunstwerken als »Produkten« redet, die es zu vermarkten gelte; wenn er das Museum in den Wettbewerb der Unterhaltungsangebote - neben Film, Theater, Sportveranstaltungen - einreiht; und wenn er feststellt, daß die Leute in den ehemals heiligen Hallen der Hochkultur heute Infotainment wollen: zwei Stunden lang »eine Geschichte erzählt kriegen, ein paar Meisterwerke sehen«, dazu »die Auswahl zwischen zwei Cafés und zwei Museumsshops« treffen.

Das »Museum als Kiste« der Weltschätze, gar als Enzyklopädie kulturellen Wissens, doziert Krens, sei ans Ende seiner Tage gelangt - erdacht im 18. Jahrhundert und verwirklicht im 19. Jahrhundert, habe es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine Grenzen erreicht. Es gibt schlicht keinen Platz mehr in den heutigen Museen - nur ein Bruchteil ihres Besitzes kann ausgestellt werden; zugleich aber wird immer weiter Kulturgut angeschafft. »Was wird mit dem Guggenheim geschehen, wenn es in den kommenden 50 Jahren genauso erfolgreich sammelt wie in den vergangenen 50 Jahren?« fragt Krens.

Dazu kommt, daß immer weniger staatliche Kulturgelder fließen, in den USA genauso wie in Europa. So ist es durchaus logisch, wenn der Ikonoklast Krens fragt: Wie wäre es mit einem Museum, in dem kein Werk älter als 75 Jahre sein darf? Wie wäre es, alten Bestand zu verkaufen, um neuen anzuschaffen? Krens hat das praktiziert: 1990 verscherbelte er Werke der klassischen Moderne, um eine private Minimalisten-Sammlung dem Museum einzuverleiben. Spätestens seitdem gilt er in der New Yorker Kunstwelt als Barbar.

Das Dumme ist nur: Krens, gelernter Volkswirt und Kunstgeschichtler, hat mit seinen Ideen immensen Erfolg. Auf einem Geldbeschaffungskreuzzug hat er in den vergangenen drei Jahren den Reichen Amerikas rund 100 Millionen Dollar abgeschwatzt - weit mehr als das eigentliche Kapital der Museumsstiftung, die der New Yorker Industrielle Solomon R. Guggenheim 1937 ins Leben rief.

Dadurch hat Krens zum einen die 55-Millionen-Dollar-Schuld für den hitzig umstrittenen Guggenheim-Neubau abgetragen, den er Ende der Achtziger an den klassischen Frank-Lloyd-Wright-Schnekkenbau in der Fifth Avenue kleben ließ. Zum anderen ist Krens mit der Sponsorenknete seinem Endziel einen großen Schritt nähergekommen: aus dem Guggenheim ein Imperium zu bauen, »das wichtigste Kunstmuseum der Welt«.

Krens steuert einen Anti-Krisen-Kurs, den jeder ehrgeizige Unternehmenschef einschlagen würde: Vergrößerung, Diversifizierung, Globalisierung. Think Big. Zwei, drei, viele Guggenheim-Ableger sollen die Welt bereichern, in einem Franchising-System: »McGugg« sozusagen. Als erstes wurde 1992 eine solche Filiale im New Yorker BohemeViertel Soho eingerichtet.

Ein Weltklasse-Coup aber gelang dem Kunst-Tycoon erst jetzt: mit der Einweihung des Guggenheim-Museums in der baskischen Großstadt Bilbao, einem Meisterwerk der Gegenwartsarchitektur, entworfen vom kalifornischen Architekten Frank O. Gehry. Der 100-Millionen-Dollar-Bau ist der stolzeste Satellit in der Umlaufbahn der Kunststiftung - und das Erfreulichste aus Sicht des Guggenheim ist: Es muß keinen Pfennig dazubezahlen.

Statt dessen erhält es vom Baskenland gar ein 20-Millionen-Dollar-Honorar dafür, daß Bilbao - im Rahmen eines 20-Jahres-Vertrages - in die erste Reihe der Kunstwelt katapultiert wird. Dazu stellen die Basken 50 Millionen Dollar als Ankaufsetat zur Verfügung und finanzieren das auf 12 Millionen Dollar jährlich veranschlagte Unterhaltsbudget. Und trotz all dieser Ausgaben verlangen sie keinen eigenen künstlerischen Leiter, sondern lassen ihr Haus bis auf weiteres von New York bespielen. Eine Gottesgabe für Krens.

Was zum Teufel aber soll eine Guggenheim-Dependance an der spanischen Peripherie, die neben der Pracht von Madrid, Barcelona und Sevilla reichlich blaß wirkt? Bilbao, lange eine Industriestadt, die von ihren Stahlhütten, von Hafen, Schiffahrt und Banken lebte, muß sich auf das nachindustrielle Zeitalter einstellen. Die Werften wurden größtenteils stillgelegt, die Metallindustrie schrumpfte. Die Arbeitslosenzahlen sind hoch. Es gilt, aus der Asche der Vergangenheit mit neuem Image aufzusteigen.

Darum durfte der britische Architekt Norman Foster eine Untergrundbahn bauen, deren putzige Ausgänge den Spitznamen »Fosteritos« tragen. Darum wird derzeit ein Kongreßzentrum samt Oper hochgezogen, außerdem ein Wohn-, Arbeits- und Einkaufskomplex am Wasser geplant und der Flughafen ausgebaut. Veranschlagte Kosten dieses urbanen Facelifting: 1,5 Milliarden Dollar. Was aber noch fehlt, ist ein weltweit ausstrahlendes Wahrzeichen, das jährlich 500 000 Besucher anlocken soll: Kultur als Standortfaktor.

Zweifel, ob das »Guggenheim Bilbao Museoa« je dieses Ziel erreichen wird, weckte nicht nur der am Montag vergangener Woche vereitelte Anschlag der baskischen Terrorgruppe Eta. Lokale Maler und Kulturpolitiker haben den Vorwurf des Kulturimperialismus erhoben, weil das Museum ganz unter amerikanischer Fuchtel steht.

Unumstritten ist allein der extravagante Neubau. Er liegt am Fluß Nervión, einer olivfarbenen, matt sich spiegelnden Industriekloake, die von Bilbao lange mißachtet wurde - bis der Architekt Gehry kam. Das Ufer ist Brachland, aufgeplatzter Asphalt, in dessen Rissen Unkraut gedeiht - alles andere als ein gediegenes Umfeld für die Anlage, die sich breitmacht wie ein angedockter Ozeandampfer. Gehrys Architektur, und das ist eine ihrer großen Stärken, drängelt sich ganz ohne Berührungsängste vor ihren hemdsärmeligen, proletarischen Nachbarn in den urbanen Raum. Ein rumpfartiger Ausläufer des Baus quetscht sich nur wenige Meter unter einer Schnellstraßentrasse hindurch. Andere Architekten hätten fein säuberlich ihren Abstand gehalten. Gehry, 68, denkt nicht daran. Er hat eine Hollywood-Diva mitten im Stadtschmuddel geschaffen.

Und was für eine Diva! Ein amerikanischer Architekturkritiker dachte beim Anblick des Gebäudes an Marilyn Monroe, wie sie im »Verflixten siebten Jahr« ihr Kleid über dem U-Bahnschacht hochwehen ließ, und tatsächlich hat der Bau das Sinnliche, Irrlichternde und Sattgerundete Marilyns, auch ihren Sex-Appeal.

Auf einem Sockel aus perlmuttfarbenem Kalkstein erhebt sich eine chaotische Ansammlung von schillernden, titanzinkverkleideten Aufbauten - fast alle rasant geschwungen, spitzwinklig auslaufend, verschachtelt, gegeneinander verdreht, fliegend und mutwillig aufeinandergepackt. Architektur als Achterbahn fürs Auge.

Gehrys rund 24 000 Quadratmeter großer Bau tanzt, lockt, lacht und stellt sich zur Schau; er bebt vor Vitalität - und taugt doch erstaunlich gut als Behausung für Bilder und Plastiken. Das beweist die mehr als 300 Werke umfassende Einweihungsschau amerikanischer und europäischer Klassiker: Kandinsky, Kirchner, de Kooning, Kounellis, Kiefer, Matisse, Merz, Picasso, Pollock, Chagall, Chillida, Clemente, Dubuffet, Warhol und Weiner. Eine Seitengalerie ist für Picassos großes Antikriegsgemälde »Guernica« reserviert, ein baskisches Nationalheiligtum, das zwar nach Bilbao kommen sollte, aber von Konservatoren für nicht transportfähig erklärt wurde, was Krens sehr geärgert hat. Jetzt beherbergt diese Galerie die Formaldehyd-Skulpturen des alternden britischen Wilden Damien Hirst.

Weder die Ausstellung noch die ersten Ankäufe des Museums lassen großes Interesse an einheimischer baskischer Kultur erkennen. Von New York aus wirkt das einleuchtend: Auch das Guggenheim Bilbao ist eben ein Guggenheim, der Sammlungsidee des Mutterhauses verpflichtet - und der Wirtschaftlichkeit: Bei jeder Ausstellung, die gleich für eine ganze Guggenheim-Tournee konzipiert wird, verteilen sich die anfallenden Kosten für Transporte, Versicherungen und Kataloge. Jede reine Ausstellungsdependance - etwa Bilbao oder der alte Peggy-Guggenheim-Palazzo in Venedig - ist obendrein billig, weil mit minimaler Manpower ausgestattet.

Krens, der fast jede Woche nach Europa oder Asien jettet, will nun das Wunder von Bilbao wiederholen. Nur: Wie viele verzweifelte, statusgeile Provinz-Kulturpolitiker gibt es, die für das Renommée des Guggenheim-Namens derartige Dollarbeträge lockermachen werden? Etliche hochfliegende Pläne sind geplatzt: Erst sollte in Salzburg ein phantastischer Bau des Architekten Hans Hollein in den Mönchsberg gehauen werden, bis die Stadt-Altvorderen einen Rückzieher machten; dann stand Krens in Verhandlungen mit Wien, bis auch die Hauptstadt ausstieg; zwischendurch hieß es, das Guggenheim sei ein Anwärter auf das Management des Martin-Gropius-Baus in Berlin. Pustekuchen.

Statt dessen wird jetzt Anfang November - auf Initiative der Deutschen Bank - eine sehr viel bescheidenere Ausstellungshalle mit dem vermurksten Namen »Deutsche Guggenheim Berlin« im Hauptquartier des Geldinstituts eingeweiht, einem Zwanziger-Jahre-Bau Unter den Linden. Hier sollen unter New Yorker Ägide kleinere Kabinettausstellungen stattfinden.

Die Wahrheit aber ist: Die mit Kunst vollgestopften Weltstädte des Westens brauchen keine Guggenheim-Filialen, schon gar nicht zu den Kunst-statt-Cash-Bedingungen, die Krens anzubieten hat. Deswegen verhandelt er unerbittlich andernorts, im Fernen Osten etwa. Das Interesse ist ausgesprochen groß.

McGugg wird das Welt-Museum des 21. Jahrhunderts. Das wichtigste, lärmendste, bekannteste. Der Global Player Krens wird gewinnen. »Wollen wir wetten?« fragt er. Und lächelt sein Haifischlächeln.

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