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»HEUTE WURDE JESUS IN DER KIRCHE ALS STÖRENFRIED GEHASST«

Ob die heutige katholische Kirche noch die Kirche Jesu Christi ist, stellt Hubertus Halbfas, 37, so radikal in Frage wie bislang kein anderer deutscher katholischer Theologe. Der Reutlinger Professor hält es für wahrscheinlich, daß die »Amtskirche« -- die vom Papst und den Bischöfen verkörperte Kirche -- nur noch als »Hort der Konvention und der Vorurteile« überdauert. Als eines der letzten Kampfmittel stellt der Gelehrte einen Kirchensteuer-Boykott zur Diskussion. Er sieht eine »neue Konfession« entstehen, der Christen aller Kirchen ebenso wie Atheisten angehören. Mit seinen Thesen macht sich Halbfas zum Wortführer der Opposition in der katholischen Kirche. Sein Name ist wochenlang in den Schlagzeilen gewesen, als er 1968 von der Deutschen Bischofskonferenz öffentlich des Irrtums bezichtigt wurde. Nach langem Glaubensstreit gab der Gelehrte den Priesterberuf auf und ließ sich in den Laienstand zurückversetzen. Von seinem Lehrstuhl für Religionspädagogik wollten ihn einige Bischöfe vertreiben, Rottenburgs Bischof Leiprecht verteidigte ihn. Seine neuen Thesen entwickelte Halbfas auf einer Tagung der Paulus-Gesellschaft, die sich jahrelang dem Dialog zwischen Christen und Marxisten gewidmet hat und neuerdings in Opposition zum herrschenden Kirchensystem getreten ist. Dem Vortrag sind die folgenden Auszüge entnommen.
aus DER SPIEGEL 27/1970

Zur »Situation und Funktion der Kirche in der modernen Gesellschaft« will ich einige Thesen zur Diskussion stellen, ohne die üblichen und vielleicht auch notwendigen absichernden Bemerkungen vorauszuschicken, Offen will ich auch jene Gedanken sagen, deren Konsequenzen nicht nur Hoffnung, sondern auch Besorgnis rechtfertigen können.

Solange katholische Theologen das herrschende Kirchensystem bestätigen, statt es in seiner anti-evangelischen Natur zu entlarven, helfen sie dabei, den Menschen unmündig zu halten. Sie stehen damit Im Widerspruch zum Lebenswerk Jesu,

Die schärfste Spannung, die das beben Jesu und sein Todesschicksal bestimmt hat, ist sein Kampf gegen ein umfassendes System von Vorschriften und Verboten, die jeweils durch Tradition, Glaube und ein nüchternes Ordnungsdenken begründet waren, Dem stellte er das Recht des Menschen auf Freiheit, mitmenschliche Hilfe und Solidarität gegenüber. Er stiftete damit unter allen Gesetzesfrommen eine Verwirrung, die in der späteren Kirche bereits bei ungleich schwächeren Provokationen zu Achtung, Kerker oder

* Nach dem Austausch gegen Botschafter von Holleben am 16. Juni in Algier,

Scheiterhaufen führte und die diesen Jesus In der heutigen Kirche zum bestgehaßten Störenfried und zu einem ebenso wie damals »Im Namen des Allerhöchsten« Exkommunizierten machen würde,

Dieser Jesus kann niemals verstanden werden, ohne daß sein Kampf gegen unterjochende Gesetzessysteme, die den Buchstaben über den Menschen stellen, übernommen wird. Dieser Jesus kommt denn auch in der kirchenoffiziellen Sprache nur in Ideologisch gesteuerten Entschärfungen vor: Der Kult verfremdet ihn zu einem »anbetungswürdigen allerhöchsten Gut« für den Feiertagsbedarf, und das Dogma macht ihn für den hierarchischen Herrschaftsbedarf funktionsfähig. Dazu Beispiele aus kirchlicher Diplomatie, Morallehre und Dogmatik:

In Spanien werden Arbeiter verhaftet, mißhandelt, deportiert und auf vielfache Weise gequält. Priester solidarisieren sich mit diesen Arbeitern, werden eingekerkert und zum Teil gefoltert. Dazu schweigt die offizielle Kirche -- »aus Treue zur Regierung« und um die im Konkordat zugesicherten Privilegien nicht zu gefährden.

Aus einer anderen Region der Bericht von Ivan Illich: »Haiti wird seit 1957 beherrscht von einem Diktator, der in seinem Aberglauben und seiner Grausamkeit in mittelalterliche Geistergeschichten paßt. Der Heilige Stuhl pflegt die diplomatischen Beziehungen, Mein Freund Jean Claude Bajeux predigte in der Kathedrale 1964 über die Mißhandlung von politischen Gefangenen, Er entkam, aber seine beiden Brüder wurden wie Hunde niedergeschossen und seine Eltern ermordet. Er beauftragte mich später, nach seiner verschwundenen Schwester zu suchen. In Haiti bat Ich Im Sommer 1967 den Nuntius um Hilfe und erhielt die folgende Antwort: »Wir vertreten das Interesse der ganzen Kirche, Wir können unsere Stellung nicht durch Interventionen für einzelne Personen kompromittieren. Übrigens war Ihr Freund sehr unklug!"«

Auf die Frage, ob sich Papst Paul VI, heute gegenüber dem, was im katholischen Brasilien geschieht, anders verhält, als Pins XII. sich verhalten hätte, antwortete Illich In seinem SPIEGEL-Gespräch: »Nein. Der Papst weiß genauso gut wie ich, was dort geschieht: Regierung durch Angst vor der Folter. Und er schweigt. Entweder ist er feige, oder er handelt aus Staatsräson. Wenn das ein Papst muß. dann kann kein Papst Christ sein.«

Für eine große Anzahl moralischer Gebote beruft sich die Kirche auf »göttliches Recht«. Bestimmte Ordnungen dürften nicht geändert und nicht einmal in Frage gestellt werden, weil Jesus sie so und nicht anders festgelegt habe.

Inwieweit solche Berufung auf den »Willen des Herrn« die Bibel angemessen interpretiert, bleibe dahingestellt. Aber daß selbst eindeutige Stellungnahmen Jesu mißachtet, verharmlost oder umgedeutet werden, wenn sie dem Bestreben nach eigener Machtsicherung entgegenstehen, zeigt beispielsweise die Antwort der Amtskirche auf das Wort Jesu: »Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören ... Eure Rede soll sein: Ja für ja und nein für nein: was darüber hinausgeht, ist vom Bösen.

Keine andere Herrschaftsinstanz sichert sich doppelt und dreifach durch Eidesleistungen ab wie die Kirche. Vor jeder neuen Beförderung stehen neue Schwurformeln, und jede Erklärung von Bedeutung für das kirchliche System muß mit Eidesleistungen untermauert werden -- oft sogar mit einem zusätzlichen zweiten Eid, über das jeweilige Verfahren oder Verhör absolutes Schweigen zu wahren. Das Wort Jesu gegen den Eid gilt mithin nichts. Im kirchlichen Alltag wird getan, als ob es nie gesprochen worden wäre.

Ganz anders in Sachen Eherecht. Das kanonische Recht kennt nur die Unauflöslichkeit der Ehe, obwohl das Neue Testament Ausnahmen formulierte. Jesus hat mit seinem Wort »Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen« gegen pharisäische Gesetzeskasuistik polemisiert. aber keine neue Gesetzesnorm aufstellen wollen. Dieses Wort ist »nicht ein Auftrag an Petrus und die Apostel, durch disziplinäre Maßnahmen die verheirateten Gläubigen zusammenzuhalten«, wie der holländische Kirchenrechtler Peter Huizing feststellt. Es ist vielmehr ein Hinweis, daß Eheleute sich lieben können mit einer Liebe, die unauflöslich ist. Die Unauflöslichkeit liegt also nicht im Gesetz, sondern in der Liebe der Partner.

Diese Andeutungen können hier nicht weiter verfolgt werden. Es bleibt aber zu resümieren. daß das kanonische Gesetz in Sachen Eherecht mit Sicherheit »nicht mit dem Wort Christi identisch« ist (so Huizing), daß es statt dessen die Allzuständigkeit der Amtskirche juristisch durchsetzt und über eine Fülle ergänzender Moralkasuistik bis in die intimsten Situationen des menschlichen Lebens hinein geltend macht. Die menschlichen Katastrophen. die sich daraus ergeben haben und noch immer aufs neue ergeben, gehören zu den Sünden der Kirche, die weit über das Quantum legalistischer Inhumanität hinausgehen dürften, die Jesus zu seiner Zeit attackierte.

Als Faustregel gilt heute in der katholischen Kirche: Wo immer das Recht des einzelnen gegen umfassende Interessen der Amtskirche steht, wird der einzelne in Theorie und Praxis grundsätzlich ignoriert, so daß er meistens im Gesetz eines Rechtsstaates mehr Rückhalt für seine Freiheit und den Schutz seiner Menschenwürde findet, als im Codex iuris canonici und bei den Instanzen, die dieses kirchliche Gesetzbuch auslegen.

Die Gesetzeskirche ist total. Jeder Lebensbereich wird von ihr erfaßt. Der Glaube der Kirche wird deshalb ebenfalls verwaltet, denn nur bei amtlicher Sprachregelung dient er dem System. Als freier Glaube, der Berge versetzt. weil er Mut zu Hingabe und Verantwortung ist, bleibt Glaube gefährlich. Dieser Glaube ist ein permanenter Störfaktor für Systeme. deren Bestand auf Ordnung, Gehorsam und Kontrolle gegründet ist. Infolgedessen wurde das Evangelium mittels philosophischer Instrumentarien zu einem Lehrsystem umgebaut, in dem dieses Evangelium zwar nicht ganz umgebracht werden konnte, aber doch so domestiziert wurde, daß es auf lange Strecken hin zur Weltanschauung feudaler Ordnungen und schließlich kleinbürgerlicher Anstandsphilister degenerierte: Der »Herrgott da oben« hütet das Vaterland und bewacht die Sitten und die Weltordnung.

Für alle dogmatischen Anschauungen bestimmt das »kirchliche Lehramt« deren Variationsbreite. Dabei sind bis auf den Tag Rechtsabweichungen in das Dickicht des volksfrommen Aberglaubens, wuchernden Heiligenkultes. exzessiver Marienverehrung. kommerzieller Nutzung himmlischer Gnaden (mittels heiliger Wässerlein, Kräuter, Medaillen, Reliquien) mit wohlwollender Nachsicht toleriert und gefördert worden. Denn selbst wenn in diesen Regionen der tollste heidnische Unfug blüht: Er hat systemstützende Kraft, die erst dort endet, wo pathologische Schwärmer sektenhafte Nachfolge finden.

Ganz anders behandelt die Amtskirche die Linksabweichler: Ihnen gelten stramme Zensur. Schreib- und Redeverbot, Verurteilung, Diffamierung und was die Palette der Repressalien unter äußerer Wahrung des Gesichtes nur hergibt.

Kann das Evangelium aus seiner babylonischen Gefangenschaft befreit und wieder zur Triebkraft für freie Humanität, politische Aufklärung und einen emanzipatorischen Gesellschaftsprozeß werden? Die gesamte Kirche könnte mit ihrem Glauben nur dann Hoffnung für die Menschheit werden, wenn sie fähig würde, ihre dogmatische Tradition auf Unterwerfungsmechanismen, überholte Autoritätsstrukturen und entmündigende Angstparolen zu untersuchen und alle diese Herrschaftsmittel aufzugeben.

Doch mir scheint, das hieße die Quadratur des Kreises für möglich halten. Denn daß ein Machtsystem die selbst umgehängten goldenen Ketten ablegte, um im Glauben an das Kreuz sich selbst zu entäußern, um mit den Ohnmächtigen solidarisch zu werden -das wurde noch niemals vernommen auf dieser Welt, und damit rechne ich auch bei diesem Kirchensystem nicht mehr. Es wird seine Dogmen in altem Aufputz und Inhalt festhalten, weil sie die ideologische Basis der Herrschaft sind, und wird dieses Festhalten als »Treue« und als »Glauben« ausgeben.

Nur über selbständige Christen könnte die Kirche ein realer gesellschaftlicher Faktor werden, sofern die wachsende Ohnmacht des Apparates jene Kräfte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe freisetzt, die bislang amtlich verwaltet und unterdrückt bleiben, weil sich der Apparat naiv selbstherrlich vor aller Welt als die Kirche darstellt, aber »das Volk« mehr als Kulisse und Klaviatur für die eigene Funktionslust braucht und wünscht.

Die heute an der Basis aufbrechende Eigeninitiative von christlichen Gruppen, deren »neuer« Glaube und deren bisweilen imponierender Elan im solidarischen Bekenntnis zu den Kleinen und Mißachteten unserer Gesellschaft deuten bereits eine Kirche an, die vielfach noch mit der Amtskirche identifiziert wird, obwohl sie sich oft genug nur im Kampf gegen sie realisieren kann.

Es lohnt für Christen, die der Freiheit und Emanzipation der Welt dienen wollen, nicht länger, mit verbissenem Wunschdenken auf das alte »Haus voll Glorie« als Heimat für die menschliche Gesellschaft zu hoffen. Längst sind viele andere Kräfte am Werk, meist aufgeklärter und fortschrittlicher als die immobile »Mutter Kirche«.

Das zwingt zu dem Resümee: Die heute etablierte Amtskirche wird aus biologischen und soziologischen Gründen als ein sich immer defensiver verteidigendes Bollwerk In den restlichen drei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts überdauern, Sie hat harte Kämpfe vor sich und wird Einbußen erleiden. Aber der Apparat wird herrschen und sich selbst verwalten und die Kirche so sterilisieren, daß die bürgerliche Gesellschaft diesen Hort der Konvention und der Vorurteile noch mehr lieben wird.

Für die junge Generation jedoch wird die Kirche, wenn sie in den kommenden 20, 30 Jahren so handelt wie bisher, mit Sicherheit kein existentiell berührendes Thema mehr sein.

Was bleibt in der Kirche, wie sie heute ist und vorerst bleiben wird, zu tun, wenn wir sie -- was verständlich wäre -- nicht aufgeben und nicht verlassen wollen? Eine Aufklärung tut not, damit Emanzipation erhofft werden kann, eine Revolution in den Köpfen. Diese Aufgabe gilt den kirchlichen Jugendverbänden, den Organen theologischer Erwachsenenbildung, dem Religionsunterricht, der Predigt, den theologischen Fakultäten.

Ein Schlüssel, mit dem über regionale kirchliche Strukturveränderungen entschieden werden kann, ist die Kirchensteuer. Es ist richtig, daß die Kirche mit ihren Steuergeldern große karitative und sozialpädagogische Aufgaben erfüllt. Es ist auch richtig, daß bei einem Fortfall der heutigen Kirchensteuer diese Pflichten dem Staat aufgeladen würden, vielleicht sogar mit dem Resultat, daß dann kostspieliger gewirtschaftet würde als jetzt. Es bleibt aber auch zu bedenken, daß die heutige Kirchensteuer das amtskirchliche Herrschaftssystem wesentlich mitträgt. Es ist folglich zu überlegen und näherhin zu untersuchen, inwieweit wir mit unserer finanzamtlich eingetriebenen Kirchensteuer das autoritäre Amtsgebaren kirchlicher Behörden stützen und sie gegen Kritik von unten ziemlich unabhängig machen. Meines Erachtens würde etwas größerer Geldmangel geeignet sein, gerade der deutschen Kirche etliche Gelüste auf hohle Repräsentation und etliche Illusionen zu nehmen.

Die Priestergruppen, Vereinigungen und Arbeitsgemeinschaften im deutschen Katholizismus entwickeln sich mehr und mehr im Sinn einer kritischen Opposition gegenüber der Amtskirche. Daß sie bedeutende Faktoren für eine freie Kirche werden könnten, scheint mir denkbar zu sein. Ich fürchte nur, die Erfolge, welche diese Gruppierungen vor allem in der öffentlichen Meinung erzielen, begründen ein vorschnelles Vertrauen in den weiteren Gang der Entwicklung. Es kann illusorisch werden, wenn Priestergruppen und Kreise wie die Paulus-Gesellschaft, sich für die Amtskirche als Ventile für den Überdruck innerkirchlicher Frustrationen als nützlich erweisen und darüber hinaus die vermeintlichen Rebellen an die alten Strukturen gebunden halten -- mittels der langen Leine Hoffnung.

Ich halte diese Umleitung aller Opposition und Kritik auf die Mühlen der Amtskirche nur dann für vermeidbar, wenn Kritik nicht nur publiziert wird, sondern wenn die Kritik den Konflikt sucht.

In jedem Fall ist öffentliche Kritik überall da geboten, wo kirchliche Instanzen Fragen, die alle berühren, durch autoritative Entscheidungen der freien, öffentlichen Diskussion, in der nur die Kraft der Argumente gilt, entziehen wollen und gleichzeitig dieses Vorgehen mit Hinweis auf göttliches Recht oder »geoffenbarte« Ordnungen vor rationaler Analyse schützen wollen. Die römische und deutsche Kirchenpraxis hat in den letzten Jahren eine Fülle solcher Beispiele geboten. Hier ist es nicht nur das Recht, sondern unabdingbare Pflicht aller Betroffenen, laut, energisch und politisch wirksam den erwarteten Gehorsam zu verweigern.

Wir dürfen nicht mit der Zukunft der Amtskirche die Zukunft des Evangeliums und unseres Glaubens identifizieren. Wir müssen vielmehr den Mut zu der Erkenntnis aufbringen, daß diese Herrschaftskirche in ihrer Rechtsverfassung. Doktrin und Moral ein Werk des Gesetzes ist. Sie ist dem heiligen Geist Jesu fern und muß darum aus wirklichem Glauben, größerer Hoffnung und aus Liebe zum Menschen und seiner Welt überwunden werden.

Die katholische Kirche ist längst nicht mehr der einzige Gegenstand unseres Glaubens, unserer Hoffnung und Liebe. Wir haben das konfessionelle Getto verlassen, dessen Administration uns verführen wollte, seine Welt für die Welt, seine Ziele für die Ziele, seine Moral für die Moral überhaupt zu halten.

Unsere Fragen haben längst diesen Horizont gesprengt, und darum sind unsere Fragen durch ein konfessionelles Antwortsystem auch längst nicht mehr aufzufangen. Unsere wirklichen Fragen teilen wir mit Menschen verschiedenartiger Herkunft: mit evangelischen Christen, mit solchen, die (aus Frömmigkeit) aus ihrer Kirche austraten, mit Juden und mit Vertretern humanistischer Atheismen. Die historischen Konfessions- und Weltanschauungs-Etiketten sind längst irreführend geworden. Unsere wirkliche Konfession ist in den dogmatischen und juristischen Kategorien der etablierten Religionsgemeinschaften nicht mehr unterzubringen. Darum gibt es heute evangelische und katholische Christen einer gemeinsamen Konfession.

Zu dieser »Konfession« zählen alle, die über die dogmatisch gesteckten Grenzen hinausdenken; alle, die von der Frage erfaßt sind, was Jesus mit den Kirchen zu tun hat; alle, die die Grenze zwischen Glaube und Unglaube nicht durch die Grenze zwischen Christentum und Atheismus gesteckt sehen. Denn sie kennen ein Christentum voller Unglauben und einen Atheismus voller Glauben. Sie können sich deshalb mit humanistisch-marxistischen Atheisten verbünden, wenn sie in gemeinsamen Aufgaben ihren Mitmenschen und deren Freiheit dienen können und in dieser Praxis sich aufeinander verwiesen wissen, wenn auch deren Motivationen unterschiedlichen Ursprungs sein mögen.

Das mir allein wesentlich erscheinende Bekenntnis eines Menschen richtet sich nicht auf das Fürwahrhalten metaphysischer Vorstellungen, z. B. der Trinitätslehre von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Solche Modelle sind Arbeitshypothesen und Ordnungsversuche, niemals unmittelbarer Gegenstand des Glaubens. Das System der Dogmen und eine gewissenhafte Kultpraxis haben die Christen in der Vergangenheit nicht gehindert, Juden zu vertreiben und zu morden, Ketzer zu verbrennen, nach rechts und links zu diffamieren, Sklavenhandel zu betreiben, Andersgläubige zu verfolgen und Knaben für das Gotteslob in der päpstlichen Kapelle zu kastrieren.

Nicht der Kult oder ein Dogmensystem haben für den gemeinten Glauben normierende Relevanz, sondern der Primat des Menschlichen, der gegenüber allen kultischen, dogmatischen und gesetzlichen Ordnungen unbedingt gilt. Die »neue Konfession« in den verschiedenen historischen Konfessionen und Weltanschauungsgruppen ist einig im Glauben an diesen Primat, der über jeder Sorge um kirchlichen Besitzstand und kultische Bewegungsfreiheit steht.

Diese neue Konfession keimt heute in vielen Menschen. Daß alle, die hierzu gehören, Formen der Interaktion und Solidarität finden und sich organisieren, wird eine der dringendsten Aufgaben dieser Zeit sein.

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