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LITERATUR Hexe im Tiefkühlfach

Juli Zehs Science-Fiction-Roman »Corpus Delicti« schildert eine Rebellin wider den Gesundheitswahn.
aus DER SPIEGEL 9/2009

Krankheiten sind nicht zum Sterben da, wie jeder Hypochonder weiß; in vielen Fällen geben sie dem Dasein erst die rechte Würze: Ein »Stimulans des Lebens« sei das Kranksein, sofern man nicht daran zugrunde gehe, hat Robert Musil einst geschrieben.

Genau bei diesem Gedanken setzt der neue Roman von Juli Zeh an. Die gilt als besonders kluge, gradlinige, disziplinierte deutsche Schriftstellerin und verehrt verblüffenderweise ausgerechnet den von Gefühlsregungen oft heillos faszinierten, mäandernden, berüchtigt unzuverlässigen Dichter Musil.

Zehs Buch heißt »Corpus Delicti« und spielt so um das Jahr 2050 herum in einer Gesundheitsdiktatur, in der es keine Erkältungen und praktisch keinen Krebs mehr gibt**.

Ein ausgeklügeltes staatliches Überwachungssystem kontrolliert, dass die Menschen sich gut ernähren, sich körperlich ertüchtigen, keinen Schmutz anfassen und sich nicht etwa zur Begrüßung nutzlos küssen, weil dies hygienisch bekanntlich eine große Sauerei ist. Sex und Fortpflanzung sind nur zwischen immunologisch einwandfrei zueinander passenden Partnern erlaubt, bei Zuwiderhandlungen setzt es üble Strafen: Schon wer eine Zigarette raucht, kriegt gern mal zwei Jahre Knast auf Bewährung.

»Wir haben eine Methode entwickelt, die darauf abzielt, jedem Einzelnen ein möglichst langes, störungsfreies, das heißt gesundes und glückliches Leben zu garantieren, frei von Schmerz und Leid«, beschreibt einer der Helden des Romans die schöne neue Welt dieses Buchs, die naturgemäß an die Zukunftsentwürfe von Aldous Huxley und Karin Boye, Ray Bradbury und George Orwell erinnert.

Zum Glück aber hält sich Juli Zeh, die schon in Büchern wie »Adler und Engel« (2001) und »Schilf« (2007) mit zupackender Direktheit aufgetrumpft hatte, nicht lange mit der detailvernarrten Ausschmückung ihres Überwachungsstaats auf. Stattdessen skizziert sie einen Kriminalstoff - und konfrontiert die Leser geschickt und ziemlich spannend mit dem philosophischen Für und Wider ihrer aller Metaphysik beraubten Beinahe-Idealgesellschaft. Statt um das Seelenheil dreht sich alles um das physische Wohlergehen, »der Körper ist uns Tempel und Altar, Götze und Opfer, heilig gesprochen und versklavt«.

Juli Zeh, 34, ist eine olympische Erzählerin, die von sehr hoch oben auf ihre Figuren hinabblickt; gern nimmt sie diese mit einem auktorialen »Wir« an der Hand. In diesem Fall führt sie die Biologin Mia Holl ins Rampenlicht, eine Frau Mitte dreißig. »Ihren Körper hat Mia nie geachtet oder gar geliebt«, heißt es einmal. Das ist ihr eigentliches Verbrechen.

Die bislang brave Mia entschließt sich zu einem Aufstand gegen das herrschende System, mit »einer Mischung aus Furcht und unsinniger Freude«, nachdem sich ihr Bruder im Gefängnis umgebracht hat. Der junge Mann stand im dringenden Verdacht, ein Mädchen ermordet zu haben, der DNA-Beweis sprach eindeutig gegen ihn - und doch war er nicht der Täter.

Die Auflösung dieses Rätsels schildert Zeh als Gerichtsdrama. Ursprünglich hat die Schriftstellerin und Juristin »Corpus Delicti« als Theaterstück geschrieben, im September 2007 kam es bei der Ruhrtriennale in Essen heraus und brachte ihr viele lobende Kritiken ein - und ein paar hämische, die über »Leitartikel von Schillerschem Pathos« lästerten.

Juli Zehs Erzählkonzept geht tatsächlich in der Romanform überzeugender auf als in der Bühnenfassung. Die Kunst dieser Autorin besteht gerade im scharfsinnigen Gedanken-Pingpong ihrer Versuchsanordnungen, in einem heiter-diskursiven Furor, wie man ihn sonst nur (hölzerner) von Bernhard Schlink kennt und wie ihn früher Friedrich Dürrenmatt beherrschte.

Wie diese Schriftsteller auch, so gerät Juli Zeh manchmal ins Schlingern, wenn sie lyrische Pirouetten dreht. Etwa wenn sie ein halb imaginäres, halb roboterartiges Kuschelwesen namens »Die ideale Geliebte« entwirft, mit dem ihre Heldin munter plaudert. Oder wenn sie behauptet, ihre Mia stecke »in der eigenen Haut wie in einem Fangnetz«.

Brillant ist dieser Roman als Kritik der hygienischen Vernunft: wenn seine Helden über die gentechnische Optimierung der Körper streiten, über das Versprechen globaler Sicherheit, über das »Recht auf Krankheit«. Mia Holl wird in einem Schauprozess schließlich als Märtyrerin bejubelt und als Terroristin geächtet, zur Strafe landet sie nicht wie einst die Hexen auf dem Scheiterhaufen, sondern wird auf unbestimmte Zeit in einem Tiefkühlfach eingefroren. Das Mittelalter sei kein historischer Zeitabschnitt, sondern »der Name der menschlichen Natur«, sagt die junge Delinquentin.

Für sich selbst aber macht sie jenen Satz wahr, den ihr toter Bruder ihr hinterlassen hat: »Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann.«

WOLFGANG HÖBEL

* Bei der Ruhrtriennale 2007 in Essen. ** Juli Zeh: »CorpusDelicti. Ein Prozess«. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt amMain; 264 Seiten; 19,90 Euro.

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