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VÖGEL Himmel ohne Sterne

aus DER SPIEGEL 21/1962

Die Fenster des Hörsaals waren verdunkelt, die Forscher hatten sich versteckt. Die Deckenlampen beleuchteten einen trommelförmigen Drahtkäfig, den ein Holzkasten bedeckte. Einer der Wissenschaftler, die sich hinter einem Wandschirm verborgen hatten, zog an einer Schnur den Boden des Kastens heraus, und der Inhalt purzelte in den Käfig: eine Lachmöwe.

Aus dem Versteck beobachteten die Forscher, der Kieler Zoologieprofessor Dr. Herbert Precht und sein Doktorand Klaus Gerdes, wie die Möwe sich abmühte, aus dem Käfig zu entkommen. Unentwegt stocherte sie mit dem Schnabel im Drahtgeflecht. Erst am Morgen hatten die Zoologen den Vogel in Husum gefangen und nach Kiel gebracht. Nun machten sie eine verblüffende Entdeckung: Die Möwe suchte genau in der Richtung aus dem Käfig zu entweichen, in der ihre Heimat lag.

In mehreren Hundert Versuchen mit Möwen aus verschiedenen Gebieten Schleswig-Holsteins fanden die Forscher ihre Beobachtung bestätigt. Die Vögel wandten sich vorzugsweise in die Richtung, aus, der sie nach Kiel gebracht worden waren.

Die Ergebnisse der Experimente, für die der inzwischen zum Doktor ernannte Gerdes in der vergangenen Woche mit dem Preis der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität in Kiel ausgezeichnet wurde, zerstören eine Hoffnung der Zoologen: Viele Vogelforscher hatten in den letzten Jahren geglaubt, daß das geheimnisvolle Vermögen der Vögel, über Hunderte oder gar Tausende von Kilometern in ihr Brutrevier heimzufinden, prinzipiell erklärt werden könne. Nun aber sei das Phänomen des Heimfindevermögens, so kommentierte Precht seine überraschenden Ergebnisse, »noch rätselhafter« geworden.

»Es lag nahe«, berichtete Professor Precht, »an eine Navigation nach den Gestirnen zu denken.« Diese Möglichkeit aber nahmen die Kieler Forscher ihren Test-Möwen, indem sie den Hörsaal sorgfältig verdunkelten. Precht: »Eine Versuchsanordnung, die jede optische Orientierung ausschließt.«

Daß sich Vögel nach den Gestirnen orientieren können, hatten deutsche Forscher erst nach dem Krieg entdeckt:

- 1949 wies der Zoologe Professor Gustav Kramer vom Max-Planck -Institut für Verhaltensphysiologie in Wilhelmshaven nach, daß Stare ihren Weg mit Hilfe der Sonne finden können*;

- 1956 erkannte der Freiburger Zoologe Dr. Franz Sauer, daß Grasmükken, nächtlich ziehende Zugvögel, sich am Sternhimmel orientieren können.

Beide Forscher machten sich bei ihren Versuchen die sogenannte Zugunruhe zunutze, eine Art Reisefieber, von dem Zugvögel im Käfig zur gleichen Zeit befallen werden, da ihre freien Artgenossen in die Winterquartiere fliegen oder in die Brutheimat zurückkehren. Käfigvögel reagieren ihre Unruhe ab, indem sie ständig umherhüpfen und -schwirren.

Kramer beobachtete, daß sich Stare, die er in einer Voliere untergebracht hatte, Anfang Oktober in der Südwestecke des Käfigs drängten. Daraufhin montierte der Forscher in einen Rundkäfig eine kreisförmige Sitzstange. Solange die Vögel den Himmel sahen, bemühten sie sich, von ihrem Sitzring aus den Käfig nach Südwesten, in ihrer Zugrichtung, zu verlassen. Bei künstlicher Beleuchtung dagegen waren die Stare völlig desorientiert.

In weiteren Versuchen täuschte Kramer den Staren durch große Spiegel einen gefälschten Sonnenstand vor. Tatsächlich wichen die Vögel in ihrem Richtungsstreben um den gleichen Winkel von der Südwestrichtung ab, der zwischen dem echten und dem vorgetäuschten Sonnenstand lag. Die Stare orientierten sich, so erläuterte der Forscher, wie ein Pfadfinder, der gelernt hat, die Himmelsrichtung - unter Berücksichtigung der Tageszeit - vom Sonnenstand abzuleiten. Über die Tageszeit seien die Vögel durch ihre »biologische Uhr« informiert.

Erstaunlicher noch als die Entdeckung des Sonnenkompasses war die Erkenntnis Dr. Sauers, daß sich Vögel auch nach den Sternen richten. Gemeinsam mit seiner Frau Eleonore experimentierte Sauer 1956 im Olbers-Planetarium der Bremer Seefahrtschule mit Grasmücken. Das Forscher-Ehepaar stellte einen Rundkäfig in der Mitte der nur'sechs Meter weiten Planetariumskuppel auf und zeigte einer zahmen Mönchsgrasmücke in einer Frühlingsnacht den künstlichen Sternhimmel. Der Vogel hielt die Attrappe für den echten Himmel und versuchte, nach Nord-Nordosten zu schwirren, in die gleiche Richtung, die seine freien Artgenossen im Frühjahr beim Flug von Westafrika nach Europa ansteuern.

Im Herbst des gleichen Jahres unternahm Sauer mit einer anderen Grasmückenart, einer Klappergrasmücke, unter dem Kunsthimmel eine Scheinreise nach Afrika. Der Forscher projizierte auf die Planetariumskuppel einen zunehmend südlicheren Sternhimmel. Als die Sterne in einer Stellung aufleuchteten, wie sie im Herbst in Kairo zu sehen ist, schwenkte der Vogel, der bis dahin vor dem Südostpunkt seines Käfigs geschwirrt hatte, nach Süden um.

Der Herbst-Zugweg der Klappergrasmücken hat den gleichen Verlauf: Die Vögel ziehen aus Mitteleuropa in südöstlicher Richtung, biegen auf der Höhe von Kairo nach Süden ab und fliegen dann nilaufwärts.

Nach diesen Ergebnissen hofften die Vogelforscher, nicht nur den Richtungssinn der Zugvögel, sondern auch das geheimnisvolle Heimfindevermögen mancher Vögel, etwa der Brieftaube, durch die Orientierung nach den Gestirnen erklären zu können.

Professor Kramer stellte eine »Karte -Kompaß-Theorie« auf. Er nahm an, daß eine verfrachtete Taube oder Möwe die Heimkehr zum Schlag oder zum Nest »wie ein Schiffskapitän« in zwei Schritten bewältigen müßte: Der Vogel müsse

- die Position des Verfrachtungsortes bestimmen und sich an die Position seines Heimatortes erinnern,

- beide Orter in einer Art imaginärem Koordinatennetz unterbringen und aus dieser »Karte« die Heimatrichtung entnehmen.

Da Brieftauben aber schon wenige Sekunden nach dem Auflassen ihre Heimatrichtung wissen, kamen den Forschern bald Zweifel, ob das Heimfinden allein durch Gestirn-Navigation zu erklären sei und ob überhaupt alle Vogelarten die Gestirne deuten könnten.

Wie berechtigt diese Bedenken waren, haben nunmehr die Versuche der Kieler Vogelforscher Precht und Gerdes mit Lachmöwen erwiesen. Auch im abgedunkelten Hörsaal, in den kein Sonnenstrahl oder Sternenschimmer eindringen konnte, wußten die Lachmöwen die Richtung zum Heimatort.

Auf welche Weise sich allerdings Vögel orientieren, die weder Sonne noch Sterne zur Navigation benötigen, ist vollends rätselhaft. Denn längst haben die Ornithologen Experimente angestellt, in denen sie den Einfluß aller nur denkbaren geophysikalischen und kosmischen Kräfte auf das Orientierungsvermögen der Vögel untersuchten. Ergebnis: Weder der Erdmagnetismus noch die Luftelektrizität, weder die Sonnenfleckentätigkeit noch die Erddrehung sind für die Richtungsbestimmung von Bedeutung.

Die Ratlosigkeit der Vogel-Experten demonstrierte kürzlich der namhafte amerikanische Zoologe Professor Donald Griffin durch den ausgefallenen Vorschlag, Vögel in Satelliten um die Erde kreisen zu lassen. Er möchte gern wissen, so begründete der Gelehrte seine Anregung, ob die Vögel dann immer noch über ihren Richtungssinn verfügen.

* Kramer stürzte 1959 in Kalabrien (Ialien) tödlich ab, als er versuchte, junge Felsentauben aus dem Nest zu nehmen.

Vogelforscher Precht

Wie funktioniert der sechste Sinn?

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