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Literatur Himmelskuh und Rinderwahn

aus DER SPIEGEL 18/1996

Die Kuh und ihr Herr, der Stier, stehen als Synonyme für Frau und Mann und Brunst nicht hoch im Kurs. Das war mal ganz anders. Griechenlands Göttervater Zeus verwandelte sich in einen Stier, um ein Fräulein namens Europa zu entführen; die alten Ägypter verehrten ihre Liebesgöttin Hathor als »Himmelskuh«, die alten Mesopotamier ihre Ischtar als »Wildkuh«. Den Alten war's ganz animalisch wohl. Doch dann traten gebieterische Patriarchen auf den Plan, mit Namen wie Jahwe, Gott und Allah, und das Gefolge ihrer monotheistischen Religionen stürzte die »Großen Göttinnen« und stempelte die sexuellen Freuden zu einer Art Rinderwahn. »Wie die Lust zum Teufel ging": So ist ein Buch untertitelt, das den Lauf der Welt detail- und spannungsreich beschreibt, eine Kulturgeschichte, die bewußt macht, wie Christentum und Islam die Sexualität bis auf den heutigen Tag »reglementieren«. Die Autoren des Werks »Venus, Maria, Fatima« sind zwei akademische Kapazitäten, Ekkehart und Gernot Rotter, Mediävist der eine, Orientalist der andere und Brüder in Blut und ironischem Geist; der eine kennt den Weg der Liebe unter den Kutten, der andere den unterm Barte des Propheten, die gehässigen gegenseitigen Vorurteile der beiden Religionen inklusive. Frau Venus freilich ist unsterblich. Detektivisch spüren die Brüder im Marienkult und in der Verehrung der Prophetentochter Fatima der unbezwingbaren Leidenschaft nach, ihren bizarren und brutalen Fesselungen, ihrer Verteufelung im Namen der Liebe. Und das Sagen hat immer ein Mann. Aber bei den Alten war offenbar auch nicht alles rosig. »Quod licet Iovi, non licet bovi«, sprach der Römer, und die Rotter-Brothers übersetzen das frappant: Was dem Jupiter (alias Zeus, der Stier) erlaubt ist, ist der Kuh nicht erlaubt; die Kuh, versteht sich, mythologisch gesehen.

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