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TV-SPIEL Himmlisches Krägelchen

»Dorothea Merz«. Zweiteiliges TV-Spiel von Tankred Dorst. Regie: Peter Beauvais. ARD.
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 22/1976

In Puccinis Oper »La Bohème« steht Rudolf seiner tuberkulösen Mimi einen Abend lang singend zur Seite. Nun hat er selbst die Schwindsucht. In Dorsts jüngstem Roman und TV-Spiel hüstelt eine Figur gleichen Namens gleich zweifach abendfüllend ihr Leben aus, und Dorothea Merz, die Ehefrau und Titelheldin, redet den Exitus mit Trost und Rat bis zur Überlänge breit.

Hörspiel- und Theaterkennern ist die alte Frau Merz schon früher unangenehm aufgefallen. 1974 stieg sie mit Familie und Freundin über UKW, Anfang 1975, im Berliner Schloßpark-Theater, auch sichtbar »Auf den Chimborazo« (Titel), einen von ihr so getauften Berg an der deutsch-deutschen Grenze:

Dort wollte die Witwe ein Feuer entzünden, um weithin sichtbar liebe Verwandte in der »Zone« zu grüßen. Aber die Klettertour endete, unter Dorotheas Dauer-Geschnatter, im Krach; das Feuer wurde gar nicht erst gezündet; der Sinn des Ganzen blieb, wie das Kraxel-Team, im Dunkel.

Noch bevor Regisseur Peter Beauvais im kommenden August das geplatzte Lichterspiel, »als Theaterstück nicht zu retten« ("Weltwoche")' für den WDR verfilmen wird, hat er sich der von Dorst nun verjüngten Dorothea angenommen und neun ihrer schönsten Jung-Frauen-Jahre (1925 bis 1934) zum spannungslosen Melodram ausgewalzt.

»Vorbilder« zu seiner Personalgeschichte fand der Thüringer Dorst, 50, »im eigenen Lebenskreis«. Das biographische Flickwerk füllte er mit »Erinnerungen von allen möglichen Leuten« auf. Herausgekommen sei, so meint der Autor, »eine Art Teppich von Lebensläufen« -- der sich allerdings, weil ohne dramaturgisch festes Gewebe, peinlich verfranst.

Schon sein roter Faden ist dünn. Dorothea (Sabine Sinjen), jung, blond, schön, heiratet Rudolf Merz, den Direktor der väterlichen Stahldrahtfabrik im Thüringer Wald. »Rudolf«, so beschreibt der WDR das Geschehen, »weicht in seiner Indifferenz vor Dorotheas Naivität und Spontaneität in edle Strenge aus.« Er weicht, Teil 1. Stand vom Sonntagabend, 121 Minuten, 43 Sekunden lang.

Trotz Schwarzwald-Ozon und Capri-Sonne, unter der sich auch Dorst als in Felle gehüllter Maler tummelt, siecht der Edle dahin. Die Beerdigung findet am Dienstag in aller Stille statt. Nach kurzer Trauer sieht sich Dorothea, jung, blond, schön, nach einem Neuen um. Macht, Teil II, 106 Minuten. 46 Sekunden.

Beauvais hat die Zeitverschwendung genutzt. Er badet in schönen Bildern, in großbürgerlichen Intérieurs, im klassizistischen Redefluß der durchweg beachtlichen Schauspieler -- ein Glücksfall: Fritz Rasp als alter Merz. Bei Merzens wird »der Kaffee im Klavierzimmer serviert«, der schwangeren Dorothea schenkt Rudolf »ein himmlisches Hermelin-Krägelchen«, abends lauscht man Wagner-Rezitationen.

Auch ein paar politische Bröckchen läßt Dorst auf seinen Teppich fallen. SA marschiert, und Dorothea kommentiert: »Ideale haben sie.« »Auf jeden Fall«, keucht dazu der moribunde Rudolf, »ist Volk besser als Klasse:' Diese Stimmung, deutet Dorst, »hat so ein bißchen was vom »Zauberberg«. Darf's auch etwas mehr sein?

Für Zuschauer, die auch am Dienstag noch vor dem ARD-Schirm ausharren, bleiben viele Fragen offen, die Dorst. der Multimediale, zu beantworten bereits fest zugesagt hat:

War da nicht die Kommunistin Falk. die ihre Möbel der Arbeiterwohlfahrt schenkte und dann ins Wasser ging? Sie wird für den WDR wieder auftauchen, und Dorst führt dabei selbst Regie.

War da nicht Dorotheas Sohn Heinrich, der mit seinem Opa zur Kirmes ging und sich dort die Kinderlähmung holte? Auch dieser humpelnde Bub darf auf den Bildschirm zurückkehren, dann, wie sein Schöpfer ankündigt, »mit pubertären Problemen«.

Und endlich: Läßt Dorst sein Publikum am Dienstag nicht in der schrecklichen Ungewißheit zurück, ob Dorothea nun den schönen Pastor oder den feisten Nazi oder gar einen Dritten als Lehrer ins Haus nehmen und als Geliebten ins Herz schließen wird? Auch

* Mit Fritz Rasp, Sabine Sinjen.

für dieses Problem von der Art, wie das Leben so spielt, läßt der vielseitige Dichter bereits Böses ahnen. Das Stück soll »Tod eines Hauslehrers« heißen.

Eine darüber hinaus gehende Fortsetzung der beliebten Serie ist, zumindest im deutschen Fernsehen, nicht auszuschließen.

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