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WARWICK-PORTRÄT Hinter Gittern

aus DER SPIEGEL 12/1971

Wenn Schwarze Im amerikanischen Fernsehen auftreten, benehmen sie sich wie »weiße Neger«. Keiner von ihnen, ob Sidney Poltier, Bill Cosby oder Diahann Carroll, habe bislang »ein unretuschiertes Bild vom erbärmlichen Getto-Leben in die Massenmedien gebracht« -- so klagt der Soul-Sänger James Brown seine Kollegen an.

Einer dieser dunklen Show-Stars« die im Luxus leben und deren Schallplatten vorwiegend von den Weißen gekauft werden, hat es jetzt immerhin versucht: In einem Fernsehporträt der Popmusik-Interpretin Dionne Warwick, 29, das nach ihrer ersten Erfolgsplatte von 1962 »Don't Make Me Over« ("Gib mich nicht weg") heißt, ließ der farbige TV-Produzent Gary Keys die Sängerin kundtun, »was es heute in den Vereinigten Staaten heißt, schwarz zu sein«.

Es bedeutet, »daß die meisten Neger dem weißen Mann immer noch nur die Schuhe putzen und für Ihn Baumwolle pflücken dürfen« (Warwick). Das ist nicht neu, und dennoch wollen die weißen Amerikaner es nicht hören. Die drei großen TV-Gesellschaften ABC, NBC und CBS, zahlreiche kleine Stationen und mehr als 50 Verleihfirmen und Agenturen, denen Keys seinen 54-Minuten-Film anbot, lehnten ab. Er sei, so argumentierten sie, »so schwarz, daß keine Industriefirma damit beim weißen Publikum für ihre Produkte werben kann«.

Nun wird die Color-Show in Deutschland uraufgeführt. Am kommenden Sonntag strahlen die Dritten Programme des Hessischen (20.15 Uhr) und des Norddeutschen Rundfunks (20.45 Uhr) die Sendung -- Produktionskosten: 85 000 Dollar -- erstmals für eine Lizenzgebühr von 25 000 Mark aus.

Die Show, die unsynchronisiert in der Originalfassung gezeigt Wird, ist ein erstklassiges Entertainment, keineswegs aber ein betont politisches Programm. Keys läßt zwar am Ende auch den ermordeten Negerführer Martin Luther King auftreten und blendet Photos der Rebellen Malcolm X, Stokeley Carmichael und Eldridge Cleaver sowie Dokumentaraufnahmen von Slum-Unruhen ein -- sonst aber demonstriert er immer nur: Black is beautiful.

Dionne Warwicks Pop- und Gospel-Songs -- Stücke wie »Walk On By« oder »I Say A Little Prayer« -, die Keys in Harlems Revuetheater »Apollo«, in Plattenstudios und Negerkirchen aufgezeichnet hat, werden mit eindrucksvollen Kinderbildern, Kneipenimpressionen und Straßenszenen aus dem Getto kontrastiert. Nur sehr diskret und symbolisch füllt der Regisseur seine Dokumentar-Sequenzen mit Sozialkritik -- etwa, wenn er weiße Polizeitruppen in Harlem zeigt oder schwarze Passanten durch ein Gitter photographiert.

Denn mag Dionne Warwick, die aus einer Familie von Spiritual-Sängern in New Jersey stammt und mit ihren Show-Einnahmen rund 300 Negerkindern das Studium finanziert, auch für die Gleichberechtigung der Farbigen streiten -- eine Revolutionärin ist sie nicht.

»Mein Leitfaden, die Verhältnisse zu ändern«, so erklärt sie, »ist allein -- die Heilige Schrift.«

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