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»Hinter jedem Zufall steckt ein Wunder«

Angela Praesent über Marguerite Yourcenars Erinnerungsbuch »Gedenkbilder« Die französische Schriftstellerin Marguerite Yourcenar ("Ich zähmte die Wölfin"), 81, wurde 1981 als erste Frau in die Academie francaise aufgenommen. - Angela Praesent ist Lektorin und Herausgeberin der Taschenbuchreihe »neue frau« in Hamburg. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Fernande verkündete, sie wolle, wenn überhaupt, nur in Tieftrauer heiraten. Monsieur de C. ließ sich von dieser Kleinigkeit nicht aus der Ruhe bringen: 'Was denn, liebe Freundin? ... Schwarze Schlagsahne? ... Wie entzückend.' Fernande verzichtete auf ihre Laune.«

Würde Marguerite Yourcenar über das Paar, das ihr Elternpaar werden sollte, auch nichts weiter mitteilen - ich meine bereits, es auf jeder Promenade identifizieren zu können. Und tatsächlich beschwört diese Autorin viele ihrer unzähligen Gestalten aus fünf Jahrhunderten einer weitverzweigten belgischfranzösischen Adelsfamilie mit einem einzigen Detail herauf, das ein ganzes Wesen, ein Geschick und eine persönliche Ideologie bezeichnet.

»Sie hatte eine Vorliebe für das Possessivpronomen: Man bekam es über, sie dauernd sagen zu hören: 'Schließ die Türe meines Salons; sieh nach, ob der Gärtner meine Parkwege gerecht hat; schau auf meiner Standuhr, wie spät es ist.'« Unverkennbar - das ist die »unerträgliche Noemi, Monsieur de C.s Mutter und zugleich die Frau, die er über alles verabscheute«. Lebendiger als in den Sätzen ihrer Enkelin war sie wohl nie.

Und auch die unglückliche Zoe nicht: »Sie blickt aus dem Rahmen, als warte sie auf jemanden, wohl auf einen gewissen Monsieur D., den sie 1883 heiratete und der zu jenen Menschen zu gehören schien, auf die man niemals warten sollte« ... und auf die doch in jeder Generation wieder mit demütiger Inbrunst gewartet wird, füge ich lesend für mich hinzu und ziehe damit einen der Zeitbögen nach, die Marguerite Yourcenar in diesem ersten Band einer höchst merkwürdigen Autobiographie ständig tollkühn, aber wie selbstverständlich anlegt.

Weder das Herauspräparieren von Kausalketten noch die Chronologie, das einfältigste und darum gewohnteste Ordnungsprinzip historischer Darstellungen, ist Sache dieser Autorin. Wenn sie einen scheinbar bedeutungslosen Gegenstand ans Licht ihres Texts holt - einen Engelskopf zum Beispiel, der von ihrer Wiege baumelte -, dann kommt es mir vor, als wolle sie den schwindelfreien Fall in den Schacht der Zeit demonstrieren:

»Der Gegenstand ist banal: eine fromme Nippsache ... Das Elfenbein stammte von einem im kongolesischen Urwald getöteten Elefanten, dessen Stoßzähne von Eingeborenen zu einem Spottpreis an irgendeinen belgischen Händler verkauft worden waren. Das war aus dieser Masse intelligenten Lebens geworden, dem Angehörigen einer Dynastie, die mindestens bis zum Beginn des Pleistozäns zurückreicht. Dieser Krimskrams war Teil eines Tieres gewesen, das geweidet, das Wasser der Flüsse getrunken und sich im guten lauen Schlamm gebadet hatte, das sich dieses Elfenbeins bediente, um einen Rivalen zu bekämpfen oder die Angriffe des Menschen abzuwehren, das mit seinem Rüssel das Weibchen streichelte, mit dem es sich paarte. Der Künstler wußte nur einen religiösen Luxuskitsch daraus zu machen: Die Putte, Sinnbild des Schutzengels, an den das Kind eines Tages glauben wird, gleicht den pausbäckigen Cupidos, die von griechischrömischen Akkordarbeitern ebenfalls in Serie hergestellt wurden.«

Derlei Abstiege in die Vorvergangenheit zwingen den Leser, alle Hoffnung auf eine ökonomisch lineare - oder auf nur amüsant anekdotische - Erzählweise aufzugeben. Was manchen als »Abschweifung« irritieren mag, ist hier zur Methode erhoben. Lebewesen wie Dinge gleichen bei Marguerite Yourcenar Sternschnuppen, durch ihren Schweif, den es zurückzuverfolgen gilt, mit einem Urgrund verbunden. »Hinter jedem Zufall steckt ein Wunder.«

In einer klugen Rede anläßlich der Aufnahme von Marguerite Yourcenar (als erste Frau) in die Academie francaise sagte Jean d'Ormesson 1981: »Sie machen sich nichts aus sich selbst. Darin besteht Ihre Bescheidenheit, darin besteht Ihr Stolz.« Naheliegende Vermutung angesichts einer auf drei Bände angelegten Autobiographie, in der die Autorin selbst erst auf den letzten Seiten des zweiten (deutsch noch nicht erschienenen) Bandes als handelnde Person auftritt; trotzdem irrt Jean d'Ormesson.

Auch wenn der deutsche Verlag dem Band »Gedenkbilder« den Untertitel »Eine Familiengeschichte« gibt, montiert Marguerite Yourcenar hier, kaum merklich, ein Innenporträt ihrer selbst: Sie veranstaltet eine gigantische Seance, um an den aus ihren Gräbern herbeizitierten Vorfahren »gewisse Züge zu entdecken, die ich bei mir wiederfinden könnte«. Als Leitfaden im »Labyrinth der Welt« (so der Titel des gesamten Werks) dient ihr die nie benannte, aber dauernd vorgeführte Gewißheit, daß es, wenn keine Seelenwanderung, so doch ein faszinierendes Vagabundieren von Seelenpartikeln und Lebensmotiven gibt.

Diese geheime These verleiht dem schwindelerregenden Wirbel von Ahnen namens Crayencour, Drion und Cartier den Zusammenhalt. Ein Leser, dem es um Familiengeschichte ginge, verlöre da im Nu den Stammbaum-Überblick. Übrigens wäre für einen naiven Genealogen mit dieser Familie wenig Staat zu machen. Kein Charlemagne findet sich unter den Vorfahren, gerade eben ein Bürgermeister von Lüttich, ein Botschafter, ein paar vergessene Kleinliteraten beiderlei Geschlechts; dafür aber viele standesgemäß nichtstuende Empfindsame, wie jener Octave, der »jeden Abend mitten im Wald auf seiner kostbaren Guarneri« eine Mendelssohn-Sonate spielte. Ihnen, die ein »fast unanständig mühelos« erscheinendes Leben »erschöpfende Anstrengungen« kostet, gilt Marguerite Yourcenars Fernliebe.

An den relativ Erfolgreichen interessiert sie das Moment des inneren Scheiterns, die melancholische Hellsicht. So heißt es von dem Botschafter, der 1950 als Doyen des Diplomatischen Korps in London starb: »Ich weiß von einem seiner Kollegen, daß er während der Monate vor seinem Tod von bitteren Selbstvorwürfen heimgesucht wurde: Er

hatte den Eindruck, sein ganzes Leben lang nur eine offizielle Marionette gewesen zu sein, ein hochdekorierter Hampelmann. Dieser Selbstvorwurf beweist, daß er mehr als nur dies gewesen war.«

Als unmodisch erleuchtend empfinde ich, daß in »Gedenkbilder« einmal dem, was sich zwischen Menschen ergibt, geringe Bedeutung zugemessen wird. Auch darin mag sich Marguerite Yourcenar selbst porträtieren: Ihre Gestalten, auch die kinderreichen, sind im Grunde allein; glücklich der, dem für eine Weile - im wörtlichen Sinne - ein Reisegefährte zuteil wird. Wer immer gerade im Vordergrund Gestalt annimmt, für den werden in ihrer Erzählweise die andern zu Balljungen im Lebensspiel, nicht zu Partnern. Dies spürt man sogar dort, wo sie ausdrücklich die Qualität einer Verbindung sondiert.

»Schon in der ersten Zeit ihres Zusammenlebens war er schockiert gewesen, als sie auf seinen Vorschlag, doch eine Spezialität des Cafe Riche zu versuchen, antwortete: 'Warum denn? Es ist doch noch Gemüse übrig.' Als Mann, der das Leben genoß, wie es kam, sah er darin die vorsätzliche Verweigerung eines Vergnügens, das sich von selbst anbot, oder das Schlimmste vom Schlimmen, eine anerzogene kleinbürgerliche Knickerigkeit. Er täuschte sich, denn er übersah Fernandes Anwandlungen von Askese. Nun ist aber nicht zu leugnen, daß selbst für jemand, der kein Feinschmecker, Schlemmer oder Vielfraß ist, zusammen leben auch zum Teil zusammen essen bedeutet. Monsieur und Madame de C. waren keine guten Tischgenossen.« Ein Gesichtspunkt, den gelegentlich auf andere Paarungen zu übertragen sich wohl lohnte.

Madame und Monsieur de C. bleiben nicht lange Tischgenossen; Fernande de C. stirbt 1903 kurz nach der Geburt ihrer einzigen Tochter, die Jahrzehnte später unter dem Autorennamen Yourcenar die nie gekannte Mutter bis in die Haarrisse ihrer Empfindungen hinein zu neuem Leben erwecken wird - dem exemplarischen Leben einer unziemlich gebildeten, wenngleich nicht originellen, ihrem Stande entsprechend tödlich unterforderten Frau der Jahrhundertwende.

Marguerite Yourcenar besitzt die auch unter intelligenten Frauen seltene Gabe, sich ebensogut in Männer hineinversetzen, sich mit ihnen identifizieren zu können - wie sie spätestens in ihrem einzigen Welterfolg bewiesen hat, den auf deutsch unter dem Titel »Ich zähmte die Wölfin« erschienenen fiktiven Memoiren des römischen Kaisers Hadrian. In »Gedenkbilder« nutzt sie diese Fähigkeit, um Facetten ihrer selbst in zwei Urfiguren aufzuspüren - in Remo und Octave. Remo ist die Verkörperung des aufrichtigen Revolutionärs, der die Welt nur als ein Meer von Tränen erfahren kann, aller Liebe zu Individuen, zu den Künsten und sich selbst abschwört und sich doch schließlich unter Wagnerklängen vor dem Spiegel erschießt.

Der ältere Octave dagegen ist der melancholische, dichtende Mitmacher, der allenfalls »die mächtige Waffe der Schwachen, den passiven Widerstand« zu gebrauchen wußte und sich endlich vorwerfen muß, den geliebten Bruder im Stich gelassen zu haben, »weil seine neuen Theorien mich ängstigten, denn mein Charakter erlaubt mir keine verwegene

Tat, deren Ausgang ich nicht klar erkenne«. Nicht, daß Marguerite Yourcenar ihn mit dieser komischen Entschuldigung davonkommen ließe; sie weiß mehr über ihn, als er selbst je wußte.

»Das ist vielleicht in der Literatur so«, sagte neulich ein realitätssüchtiger Mensch höhnisch auf eine Bemerkung von mir. Er könnte von Marguerite Yourcenar womöglich etwas über die Porosität seiner betonfesten Wirklichkeit erfahren. Aber er wird »Gedenkbilder« nicht lesen. Was soll ihm schon ein Rudel französischer Landadliger?

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