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SCHRIFTSTELLER Hinter Stacheldraht

Eine 1000-Seiten-Biographie beschreibt Alexander Solschenizyns Kampf mit dem Sowjet-Regime und kritisiert sein autoritäres Sendungsbewußtsein. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Aus dem Lager entlassen, aber noch verbannt in Kasachstan, kaufte sich Alexander Solschenizyn 1953 einen Photoapparat. Eine seiner ersten Aufnahmen war ein mittels Selbstauslöser geschossenes Selbstporträt. Es zeigte ihn in der Häftlingskluft, die er aus dem Lager herausgeschmuggelt hatte - ein Bild zur bleibenden Erinnerung an den Archipel Gulag.

Im September 1965, seine Lager-Erzählung »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« (1962) hatte ihn inzwischen weltberühmt gemacht, erfuhr Solschenizyn, daß das KGB Manuskriptkopien seines Romans »Der erste Kreis der Hölle« bei Solschenizyn-Freunden beschlagnahmt hatte.

Der Schriftsteller fürchtete neue Verfolgung, möglicherweise Verhaftung, und wandte sich um Hilfe an seinen Gönner Alexander Twardowski, Chef der Literaturzeitschrift »Nowy mir« in Moskau. Aber bevor er Twardowski aufsuchte, ließ er sich noch rasch photographieren - ein Bild des Autors im Moment neuer Bedrohung sollte als historisches Dokument erhalten bleiben.

Neun Jahre später, 1974: Die Sowjets hatten Solschenizyn per Flugzeug in den Westen deportiert; nach erster Zuflucht bei Heinrich Böll in der Eifel war er in Zürich untergekommen. Dort wurde er tagelang von Pressephotographen und Fernsehreportern belagert. Mit zornigen Ausfällen wehrte er sich gegen ihre Zudringlichkeit.

Aber als er eines Tages das Haus in der Zürcher Spiegelgasse besichtigte, wo einstmals Lenin gewohnt hatte, da »schaute er sich nach den TV-Kameras um und war enttäuscht, weil keine da waren« - der aus seiner Heimat verstoßene Schriftsteller-Dissident »wollte diesen historischen Augenblick für die Nachwelt festgehalten sehen«.

Michael Scammell, ein britischer Autor; schildert so diesen Augenblick im Leben des Alexander Solschenizyn und die beiden anderen denkwürdigen Phototermine in seiner jetzt erschienenen Solschenizyn-Biographie. Mit ihren über 1000 Seiten ist sie die erste umfassende Lebensbeschreibung über den 1918 in Kislowodsk geborenen, heute in den USA lebenden russischen Schriftsteller. Und sie ist, wie Scammells Bemerkungen über Solschenizyns Verhältnis zum eigenen Bild andeuten, alles andere als ein Werk blinder Verehrung. _(Michael Scammell: »Solzhenitsyn«. Verlag ) _(W. W. Norton & Company, New York; 1052 ) _(Seiten; 29,95 Dollar. )

Scammell, der Werke Solschenizyns, Tolstois und Dostojewskis ins Englische übersetzte, hat für sein Buch auch in der Sowjet-Union recherchieren können. Er befragte ungezählte Bekannte, Verwandte, Freunde und Kollegen des Schriftstellers. Im Sommer 1977 verbrachte er eine Woche in dessen Haus im US-Staat Vermont und interviewte ihn täglich mehrere Stunden. Vor und nach diesem Besuch korrespondierte er mit ihm, bis Solschenizyn 1979 die Beziehungen abbrach, laut Scammell »freundlich, aber endgültig«.

Fast schon zu ausführlich beschreibt der Biograph Solschenizyns Herkunft und Jugend. Spannend schildert er seine Entwicklung vom überzeugten Marxisten, der in den Flitterwochen mit seiner ersten Frau »Das Kapital« las, zum Regime-Zweifler, der 1945 als Hauptmann der Roten Armee in Ostpreußen wegen einiger kritischer Äußerungen über Stalin verhaftet und zu acht Jahren Straflager verurteilt wurde.

Solschenizyns Gulag-Jahre, sein sensationelles literarisches Debüt mit dem vom Entstalinisierer Chruschtschow geförderten »Iwan Denissowitsch«, sein Fall in Ungnade unter Breschnew, sein Kampf mit den Sowjet-Behörden um seine weiteren Werke, die dramatischen Auseinandersetzungen um seine Nobelpreis-Ehrung 1970 - alldem wird Scammells Buch detailreich gerecht.

Deutlich wird, mit welcher staunenswerten Willenskraft Solschenizyn gegen Druck und Drohung des Regimes, aber auch gegen manche Anpassungsverlockung seine literarisch-publizistischen Ziele verfolgte. Nur mit Bewunderung kann man von seiner immensen Arbeitsleistung lesen, von den herkulischen Recherchier-, Schreib- und Abschreibarbeiten, oft 16 Stunden täglich, die den »Ersten Kreis der Hölle«, die »Krebsstation«, den »Archipel Gulag«, »August 1914« und andere Werke hervorbrachten. Imponierend seine ebenso kühnen wie listigen Manöver wider die Staatsmacht, das taktische Geschick, mit dem er seine Manuskripte hütete und in den Westen lancierte.

Nachdem KGB-Leute 1971 in Solschenizyns Abwesenheit sein Sommerhäuschen in Roschdestwo durchsucht hatten, beschwerte sich der Schriftsteller per Brief beim damaligen KGB-Chef Andropow und forderte Bestrafung der Eindringlinge; Durchschlag an Ministerpräsident Kossygin. Das KGB ließ wissen, für die Razzia sei die örtliche Polizei verantwortlich. Das Innenministerium antwortete, es handele sich um ein Mißverständnis, und man »bedaure das Vorgefallene«.

Die Bewunderung, die Scammell für Solschenizyn als Opfer, Kritiker und Widersacher des Sowjet-Regimes aufbringt, hat ihm jedoch nicht den Blick für fragwürdige Charakterzüge und Verhaltensweisen seines Helden getrübt.

Solschenizyns »extreme Egozentrik«, privat wie politisch folgenreich, bekommt in Scammells Buch deutliche _(Oben: Selbstporträt-Photo nach ) _(Entlassung aus dem Lager 1953: ) _(unten: als Redner in Washington 1975. )

Kontur. Sichtbar wird die fortdauernd verfestigte Häftlings-Psychologie des Mannes, der alljährlich zur Erinnerung an seine Gulag-Jahre einen »Sträflingstag« bei Wasser und Brot begeht. Sichtbar werden seine von Haft-Erfahrungen geprägte, von »Paranoia« (Scammell) nicht freie Verschwörermentalität und sein Sendungsbewußtsein, sein daraus resultierender Hang zu »Übertreibungen« und gelegentlich hervorbrechender »Größenwahn«.

Schon der unbekannte Häftling Solschenizyn hatte davon geträumt, eines Tages den Nobelpreis zu bekommen. Der Ex-Häftling und zunächst gefeierte, dann unterdrückte Autor, der seinen furiosen offenen Brief an den sowjetischen Schriftstellerverband (1967) zu den Klängen von Beethovens 9. Symphonie schrieb, glaubte manchmal wirklich, mit seinen Schriften und Worten die Sowjet-Machthaber zur Änderung ihrer Politik bewegen zu können. Mit dem Argument, er werde »sich übernehmen und sich lächerlich machen«, redeten Freunde ihm aus, zusätzlich zu jener Beschwerde über Andropow von Kossygin gleich auch die Absetzung des KGB-Chefs zu fordern.

Scammell analysiert Widersprüchlichkeiten und glossiert Selbststilisierungen in Solschenizyns autobiographischem Buch »Die Eiche und das Kalb«. Er korrigiert die ungerechten Darstellungen, die Solschenizyn etwa von seinem Förderer Twardowski, seiner ersten Frau Natalja Reschetowskaja und der Trennung von ihr gegeben hat.

Er merkt an, daß Solschenizyns Haltung gegenüber den verfolgten Kollegen Andrej Sinjawski und Juli Daniel von Eifersucht auf deren Dissidenten-Ruhm beeinflußt war. Und nicht unkritisch, bei aller grundsätzlichen Hochachtung, betrachtet er auch Solschenizyns »Puritanismus« - eine asketische Strenge, die der Schriftsteller auch schon mal effektvoll in Szene zu setzen verstand: Für seinen ersten Besuch bei dem prominenten Twardowski legte er absichtlich ärmlich-schäbige Kleidung an.

Solschenizyn, der zum Kummer seiner ersten Frau jeden höheren Lebenskomfort ablehnte, kritisierte nach einem Besuch bei Jewgeni Jewtuschenko die luxuriöse Wohnungseinrichtung des Kollegen. Er verurteilte die Trinksitten vieler russischer Schriftsteller und »hatte damit recht«, schreibt sein Biograph, »aber in dieser Einstellung kam auch ein peinlicher Mangel an Humor und Toleranz zum Vorschein - wie überhaupt in seinem ganzen Verhalten«.

Kritisch beschreibt Scammell schließlich die ideologische Entwicklung Solschenizyns vom Stalin-Hasser, der im Namen aller Regime-Opfer alle Regime-Greuel aufschreiben und anklagen will, zum »Propheten« eines vorrevolutionären Russentums, an dessen wiederbelebtem religiösen und antiliberalen Wesen auch der angeblich dekadente Westen genesen soll.

Es war diese reaktionäre Wende, die Solschenizyn noch in der Sowjet-Union die Sympathien mancher Freunde kostete und ihn in Gegensatz etwa zu Andrej Sacharow brachte. Als der Exilant gegen die westliche Entspannungspolitik zu polemisieren begann, als er dem Westen predigte, all seine Übel stammten aus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, als er im Westen seine altrussisch-altchristlich-autoritären Gesellschaftsvorstellungen propagierte, da verlor er auch hier Anhänger, erfuhr er zunehmend Widerspruch auch von früheren Fürsprechern. Henry Kissinger riet US-Präsident Ford von einem Treffen mit Solschenizyn ab.

Irritationen gab es schon, als Solschenizyn bei Gelegenheit Sympathie für eine fremdenfeindliche Schweizer Bürgerinitiative bekundete und in Spaniens Abkehr vom Franco-Regime negative Züge entdeckte. Allzu befremdlich mußte vielen Westlern, die seine Kritik am Sowjet-Regime bewundert hatten, der nun auch gegen die westliche Demokratie gerichtete militante Missionarismus des Mannes erscheinen, der sich selbst »ein Schwert in der Hand Gottes« nannte.

Dabei sei Religion für Solschenizyn »kein wesentlicher Teil seines Daseins, sondern ein Werkzeug und sogar eine Waffe«, schreibt Scammell: »Das sentimentale Bild von Solschenizyn als einem frommen Mann Gottes ist falsch.«

Am Ende seines Buches schildert der Biograph Solschenizyns Exil-Leben in Vermont. Mit seiner zweiten Ehefrau Natalja Swetlowa und den drei Söhnen Ermolai, Ignat und Stepan bewohnt der Schriftsteller, dessen Bücher in über 30 Sprachen und einer Gesamtauflage von über 30 Millionen Exemplaren verbreitet sind, ein großes Landhaus. Er verfügt dort über Fernschreiber, Photokopierer, IBM-Composer und ein immer noch wachsendes Archiv.

Solschenizyn steht zwischen fünf und sechs Uhr morgens auf und beginnt den Tag mit ein paar Schwimmrunden in einem auf seinem Grundstück liegenden Teich. Vor dem Frühstück betet die Familie um Rußlands Befreiung vom Kommunismus.

Das Grundstück, auf dem Solschenizyn einen Tennisplatz anlegen ließ, ist mit einem Stacheldrahtzaun und TV-Überwachung gesichert - dem Besucher Scammell erschienen diese Vorkehrungen »Citizen-Kane-artig«. Der Anblick des Ex-Gulag-Häftlings, der sich in der Freiheit mit Stacheldraht umzäunt, schreibt Scammell, offenbare »eine essentielle psychologische Wahrheit« über den Schriftsteller Solschenizyn.

Der arbeitet in seinem Vermont-Refugium unterdessen weiter an dem historischen Romanzyklus über Rußland am Vorabend der Revolution, den er mit »August 1914« begann, und gibt die Hoffnung nicht auf, eines Tages in sein Heimatland zurückkehren zu können.

Seine »vornehmste Aufgabe«, hat Alexander Solschenizyn einmal gesagt, sei es, »die Erinnerung an sein ermordetes Volk wiederherzustellen«.

Michael Scammell schließt sein Buch über Solschenizyn mit einer Voraussage: »Wenn er nicht selber nach Rußland zurückkehrt, so werden gewiß doch seine Bücher dorthin zurückkehren.«

Michael Scammell: »Solzhenitsyn«. Verlag W. W. Norton & Company, NewYork; 1052 Seiten; 29,95 Dollar.Oben: Selbstporträt-Photo nach Entlassung aus dem Lager 1953:unten: als Redner in Washington 1975.

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