Hitchcock-Neuverfilmung auf Netflix Die Verhunzung eines Klassikers

Alfred Hitchcocks "Rebecca" aus dem Jahr 1940 ist ein finsteres Psychodrama. Die Netflix-Neuverfilmung erweist sich als eine Schändung des Stoffs. Und als überraschend heiteres Märchen über ein Traumpaar in Not.
Lily James und Armie Hammer in "Rebecca": Am Abgrund zwischen Sex und Sauberkeit

Lily James und Armie Hammer in "Rebecca": Am Abgrund zwischen Sex und Sauberkeit

Foto: Kerry Brown / Netflix

Jahrhundertelang haben Alchemisten sich in dem Handwerk geübt, aus Schrott Gold oder aus Geröll Juwelen zu machen. Der britische Regisseur Ben Wheatley zeigt nun, dass auch die umgekehrte Verwandlungsarbeit eine Kunst ist. Sein Film "Rebecca" verzaubert das Material eines glänzenden Romans und eines schillernden Kinoklassikers in ein billiges, kreischbuntes Kitschprodukt. Trotzdem oder gerade deshalb gibt es in Wheatleys Film gar nicht so wenige verblüffende, vergnügliche Momente.

Lily James in "Rebecca": Süßer Klassenkampf-Sketch

Lily James in "Rebecca": Süßer Klassenkampf-Sketch

Foto: Kerry Brown / AP

Das Melodram "Rebecca", mit dem Alfred Hitchcock im Jahr 1940 den Oscar für den besten Film gewann, ist ein dunkler Psychothriller. Gleich in der ersten Szene ertappt Joan Fontaine, die als junge, mittellose Gesellschaftsdame einer britischen Lady in Monte Carlo weilt, einen Mann dabei, wie er in offenbar selbstmörderischer Absicht von einem Felsvorsprung ins Mittelmeer hinabglotzt - es ist Laurence Olivier in der Rolle des reichen Herrn de Winter.

Die Heldin schreit und schreckt den Mann am Abgrund auf. Sie fühlt sich, wie sich später sehr deutlich erweist, zur Retterin berufen. Als zweite Mrs de Winter wird sie ihrem Gatten nach England auf sein Gut Manderlay folgen, ihm trotz einer Mordanklage beistehen und herausfinden, wie de Winters erste Frau Rebecca wirklich zu Tode kam.

Der Film, den der Regisseur Wheatley nun auf Netflix präsentiert, ist zwar wie Hitchcocks Werk nach dem gruseligen Erfolgsroman von Daphne Du Maurier aus dem Jahr 1938 in Monte Carlo und auf dem fiktiven Gut Manderlay angesiedelt. Doch schon die erste Begegnung zwischen der von Lily James gespielten Heldin und dem reichen Adligen de Winter (Armie Hammer) ist hier keine Actionszene auf Leben und Tod, sondern ein süßer Klassenkampf-Sketch.

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Im Speisesaal eines monegassischen Luxushotels kommt der noble Mr de Winter der unbedarften jungen Frau im Zwist mit einem arroganten Kellner zu Hilfe - und wenig später lässt er ihr auf der Frühstücksterrasse die ersten Austern ihres Lebens servieren.

Die Schauspielerin Lily James ist unter anderem durch ihre Auftritte in "Baby Driver" (2017) und "Mamma Mia! Here We Go Again" (2017) bekannt; hier ist sie keine Retterin, sondern ein Aschenputtel, das plötzlich zur Prinzessin wird und mit herzigem Leuchten in den Augen zu ihrem Prinzen aufblickt.

Angeblich hat der Held ein dunkles Geheimnis. Doch verblüffenderweise sieht Ben Wheatleys "Rebecca"-Version oft aus wie eine jener TV-Romanzen, die das ZDF am Sonntagabend versendet. Armie Hammers Landedelmann de Winter legt eine bemerkenswerte Vorliebe für senffarbene Anzüge an den Tag. Lily James als junge Frau aus dem einfachen Volk trägt züchtige Blusen und Sommerkleider und permanent ein schüchternes Lächeln im Gesicht.

Kristin Scott Thomas als Haushälterin: Der Herrin ein bisschen das Leben schwer machen

Kristin Scott Thomas als Haushälterin: Der Herrin ein bisschen das Leben schwer machen

Foto: Kerry Brown / AP

"Rebecca" spielt in der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, auf die sonnigen Tage am Meer folgt ein frostiger Empfang im Prachtgebäude von Manderlay. Hier führt die Haushälterin Mrs Danvers das Regiment. Einst bei Hitchcock durfte die Darstellerin Judith Anderson maximal giftig dreinschauen, hier spitzt die liebreizende Kristin Scott Thomas die Lippen, um der neuen Herrin ein bisschen das Leben schwer zu machen.

Richtig böse gibt sich der Schauspieler Sam Riley, der den Cousin der toten Rebecca verkörpert und hier tatsächlich fast genauso nussknackerhaft aussieht wie George Sanders, der den tückischen Vetter bei Hitchcock spielte. Im alten wie im neuen Film ist es dieser Schurke, dessen Gerede der staunenden Heldin Einblick in die Teufelskraft hemmungsloser Sexualität verschafft.

Zuckriges Machwerk statt knallharter Thriller

In Hitchcocks Melodram sind es die Bosheit der Außenwelt und die Ermittlungen der Justiz, die die junge Gutsherrin und ihren Gemahl zusammenschweißen. In Wheatleys "Rebecca"-Version scheint es eher die züchtige Sauberkeit ihrer Beziehung zu sein, die die beiden füreinander begeistert. Vermutlich legen die de Winters auch im Ehebett niemals ihre Pyjamas ab.

Der Regisseur Wheatley ist Brite und hat bisher den knallharten Horror-Thriller "Kill List" (2011) und den nicht minder heftigen Actionfilm "Free Fire" (2016) zustande gebracht. Es dürfte eine Menge humorlose Menschen geben, die in seiner "Rebecca" die Verhunzung eines Klassikers sehen.

Dabei entsteht ein schöner Talmi-Glitzer aus der Ausstattungspracht und der heiteren Atmosphäre, in der hier Lily Allen wie eine junge Grace Kelly über die Steilküstenstraßen Monacos chauffiert wird und in grauen Schlossgemäuern über ihr widerspenstiges Personal triumphiert.

Dem Regisseur Hitchcock hätte Wheatleys zuckriges Machwerk vermutlich gefallen. Schließlich hat er mal behauptet: "Für mich ist das Kino kein Stück Leben, sondern ein Stück Kuchen."

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