Starkünstlerin Hito Steyerl »Ich zeige meine Arbeit tausendmal lieber in einem Verein als auf der Documenta 15«

Im Juli zog sich Hito Steyerl aus Protest von der Documenta zurück. Nun kommt sie mit ihrem Film »Animal Spirits« nach Kassel – und zwar in die älteste Videothek der Welt.
Filmstill aus »Animal Spirits«

Filmstill aus »Animal Spirits«

Foto: Hito Steyerl / Randfilm

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Die Berliner Künstlerin Hito Steyerl ist seit Langem ein Weltstar, und als sie sich im Juli von der hochumstrittenen Documenta zurückzog, sorgte das für entsprechend großes Aufsehen im In- und Ausland. Sie wolle das Versagen im Umgang mit den gezeigten antisemitischen Inhalten nicht unterstützen, ließ sie seinerzeit wissen und forderte den sofortigen Abbau ihrer Werke.

Künstlerin Steyerl

Künstlerin Steyerl

Foto: Dominik Butzmann

Damit verlor die Ausstellung einen der beliebtesten Beiträge. Steyerls im Kasseler Naturkundemuseum gezeigtes Gesamtkunstwerk bestand unter anderem aus dem Film »Animal Spirits«, der nicht nur wegen der virtuellen Wölfe surreal anmutete. Auch auf die Wand projizierte, interaktive Animationen – bewegliche Höhlenmalereien sozusagen – gehörten dazu, ebenso wie echte Gewächse. Letztlich ging es ums Verhältnis zur Natur und um die angeblichen Gesetze der Märkte, und wie verrückt die Menschen in beiderlei Hinsicht spielen.

Zumindest mit ihrem Film »Animal Spirits« kehrt die Berlinerin nun in die hessische Stadt zurück, aber nicht auf die Documenta, sondern in den Film-Shop Kassel. Den bezeichnen seine Betreiber als »Off-Kino, Kulturort und Raum der verlorenen Filme«. Standort ist eine frühere Videothek, die sogar die erste der Welt gewesen sein soll.

Verantwortlich für das Shop- und Kinoprojekt ist der Verein Randfilm. Dieser Filmclub war ebenfalls Teil der Documenta, kündigte aber Mitte Juli aus denselben Gründen wie Steyerl die Zusammenarbeit auf. So hieß es in der Pressemitteilung: »Der Randfilm e.V. lehnt Antisemitismus ab. Wir akzeptieren das Vorgehen der documenta gGmbH sowie des Kuratorenkollektivs in diesem Zusammenhang nicht.«

Nun kommt es also zu dieser schon sensationellen Kooperation: Morgen ist Steyerls Ex-Documenta-Werk »Animal Spirits« in einer von der Künstlerin angepassten Version im Studiokino des Film-Shops zu sehen. Später kann eine (einzige) DVD ausgeliehen werden, und wer kein Abspielgerät hat, kann dieses gleich mieten. Für die DVD dürfte es bald eine Warteliste geben, wer kann sich schon so spektakuläre Kunst zu Hause ansehen?

»Zerrbilder und vor allem Judenhass«

Das alles ist eine gewitzte und zugleich sehr ernst gemeinte Geste des Protests gegen die Documenta. Steyerl erscheint morgen selbst, dem SPIEGEL sagte sie vorab, sie fühle sich »überglücklich« und »geehrt«, dass Randfilm ihre Videoarbeit verleihe. Und: »Ich zeige meine Arbeit tausendmal lieber in diesem Kasseler Verein als auf der documenta 15.«

Filmstill aus »Animal Spirits«

Filmstill aus »Animal Spirits«

Foto: Hito Steyerl / Randfilm

Volker Beller, einer der Ansprechpartner bei Randfilm und Festivalleiter des regelmäßigen Randfilmfests, sagte dem SPIEGEL, dass er die aktuelle Documenta nicht nur wegen des im Mittelpunkt der Diskussion stehenden Banners von Taring Padi für problematisch halte. Noch immer zeige ein anderes Kollektiv regelmäßig in einem Kasseler Kino alte, propalästinensische Propagandafilme. Er habe sich diese sofort nach Eröffnung der Documenta angesehen und erkenne darin »Zerrbilder und vor allem Judenhass«. Als Zuschauer werde man nicht weiter aufgeklärt, etwa über die Beweggründe, diese Filme zu zeigen. »Das ist Archivmaterial, aber immer noch von großer Brisanz, und wenn man meint, man müsse es zeigen, darf das nur im Rahmen einer Veranstaltung geschehen, in der das auch erklärt und besprochen werden kann.«

Steyerl hatte mit ihrem Film dagegen der spanischen Initiative Inland ein kleines Denkmal gesetzt. Und dieses für eine neue Landwirtschaft werbende Kollektiv – Teilnehmer der Documenta – brachte die deutsche Künstlerin dann als eine Art Überraschungsgast mit, es war ein echter Coup für die Spanier, für Kassel. Den Rückzug Steyerls hatten die Leute von Inland dann hingenommen, sich aber nicht mit ihr solidarisiert.

So steht ihr Film »Animal Spirits« längst für die vielen großen und kleinen Risse in dieser Plattform namens Documenta. Und die kleine Form – Studiokino, DVD – wirkt noch dazu wie ein Statement für die unübersichtliche, undurchsichtige Übergröße der Ausstellung.

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